Absolventen der New York City's Police Academy  | Bildquelle: picture alliance / abaca

Polizistenausbildung In 19 Wochen zum US-Cop

Stand: 08.06.2020 20:17 Uhr

Schießen lernen - das ist das Wichtigste in der Polizistenausbildung in den USA. Die Sicherheit der Polizisten und die Durchsetzung der staatlichen Gewalt haben oberste Priorität. Das Training dafür ist kurz.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

19 Wochen - so lange dauert im Schnitt die Ausbildung eines Polizisten in den USA. Dabei sind die Unterschiede groß, denn die 18.000 Polizeibehörden im Land handeln weitgehend autonom.

So verbringen in Kalifornien Polizeianwärter die Rekordzeit von 32 Wochen in der Police Academy, während im US-Bundesstaat Indiana Bewerber ganz ohne Ausbildung eingesetzt werden können, wenn sie innerhalb des ersten Dienstjahres ihre Schulungen nachholen.

Lockere Waffengesetze

Generell liegt vom ersten Tag an der Schwerpunkt der Ausbildung auf dem Einsatz der Schusswaffe. Die Sicherheit des Polizisten ist oberstes Ziel der Ausbildung. Und das hat Gründe: Durch die lockeren Waffengesetze in den meisten Bundesstaaten muss ein US-Polizist immer damit rechnen, dass sein Gegenüber bewaffnet ist.

Entsprechend treten die Beamten im Einsatz auf. Als Bürger ist man selbst bei einer Fahrzeugkontrolle gut beraten, extrem defensiv aufzutreten und sich nicht schnell zu bewegen.

Ein Polizist in Minneapolis mit einem Gewehr | Bildquelle: AP
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In Deutschland ist der Schusswaffengebrauch der letzte Lösungsweg für Polizisten im Einsatz - in den USA schießt ein Polizist, wenn er es für angemessen hält.

Oberste Priorität beim Einsatz hat die Durchsetzung der staatlichen Gewalt. Deeskalationsstrategien spielen bereits in der Ausbildung kaum eine Rolle. Hinzu kommt, dass US-Polizisten deutlich mehr Freiheiten haben als deutsche. So ist das Fixieren eines Verdächtigen durch Knien auf dem Hals - die Todesursache im Fall George Floyd - fast überall in Europa verboten.

Schießen, wenn es angebracht scheint

Der Schusswaffengebrauch ist in Deutschland Ultima Ratio, also der letzte Lösungsweg. In den USA ist er erlaubt, sobald es dem Beamten als angebracht erscheint.

Die Polizisten bekommen dabei Rückendeckung vom Obersten Gericht: Sie unterliegen einer sogenannten "qualifizierten Immunität", die sie vor juristischen Folgen schützt, solange sie im Dienst nicht klar gegen Gesetze oder Verfassungsrechte verstoßen haben. Bei der Frage, ob eine Gewaltanwendung gerechtfertigt ist, haben die Beamten vor Ort einen großen Ermessensspielraum, der von Gerichten unterstützt wird.

Experte: Polizeiarbeit wie in Lateinamerika

Paul Hirschfeld von der Rutgers University in New Jersey vergleicht deshalb in der "Washington Post" die Polizeiarbeit in den USA eher mit Lateinamerika als mit der in Europa. Parallelen seien eine große Ungleichheit im Land, die relative Autonomie der Polizeibehörden und eine hohe Radikalisierung der Beamten, die historisch gewachsen sei.

Eine weitere Parallele sieht er in der militärischen Ausrüstung der Polizei, die der ehemalige US-Präsident Barack Obama in seinem Land 2015 eindämmen wollte. 2017 kassierte sein Nachfolger Donald Trump dieses Dekret auf Druck der Polizeigewerkschaften wieder.

Reformen könnten am Geld scheitern

Viel Hoffnung auf Besserung macht sich Hirschfeld nicht. Zwar gibt es jetzt - wie meist nach aufsehenerregenden Fällen von Polizeigewalt - Vorstöße für eine Reform in Ausbildung und Einsatz von Beamten.

Doch solche Initiativen müssten von den lokalen Polizeibehörden finanziert werden. Und an diesem Punkt ende meist die Bereitschaft der Verantwortlichen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. Juni 2020 um 22:15 Uhr.

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