Der türkische Präsident Erdogan auf einem Treffen seiner AK-Partei | Bildquelle: REUTERS

Recep Tayyip Erdogan Er hat noch lange nicht genug

Stand: 21.06.2018 11:42 Uhr

Präsident Erdogan ist vor den Wahlen in der Türkei omnipräsent in den Medien. Er prägt das Land. Dennoch ist das Verhältnis zu seinen Landsleuten gespalten: Sie lieben ihn oder sie kritisieren ihn.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Uzun Adam - der lange Mann. Das ist Recep Tayyip Erdogans Spitzname in der Türkei. Denn mit seinen 1,85 Metern überragt der Präsident des Landes die meisten Türken.

Seit 2003 bestimmt Erdogan die Politik der Türkei. Er war erst Ministerpräsident, danach wurde er Präsident. Erdogan prägt das Land wie vor ihm nur der Republik-Gründer Atatürk.

Seine charmante Seite

Die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in der Türkei finden am Sonntag statt. Erdogan ist zurzeit omnipräsent in den Medien. Hört man türkische Nachrichten, kann es ein, dass sein Name in fast jeder Meldung mindestens einmal fällt. Fernsehsender übertragen viele seiner Auftritte live. Erdogan redet auf Schulfesten, bei Krankenhaus-Eröffnungen, bei Gedenkveranstaltungen und am Frauentag. Bei dieser Gelegenheit übrigens zeigt er gerne auch mal seine charmante Seite. Die Frauen im Publikum himmeln ihn an.

Manchmal hat man das Gefühl, Erdogan müsse ein Double haben, denn einer alleine kann all diese Termine gar nicht schaffen. "Ein einziger Tayyip Erdogan reicht nicht, um alle Aufgaben zu erledigen", sagt der 32-jährige Taxifahrer Güneysu Osman aus Istanbul.

Glühende Verehrer

Nicht nur die Frauen himmeln Erdogan an. Vor allem in Rize am Schwarzen Meer hat er glühende Verehrer. Von dort kommt Erdogans Familie. Der 70-jährige Erkekoglu steht mit anderen Männern vor einer Baustelle in Rize. "Wir lieben ihn wirklich sehr", sagt er. Gott solle ihm ein langes Leben bescheren. Erkekoglu sagt:

"Es gibt nichts zu kritisieren an ihm. So einen Mann findet die Türkei nicht wieder. Er ist nicht nur der Führer der Türkei. Er kann die Welt führen und er kann dem Islam vorstehen. Das muss man so akzeptieren."

Erdogan gab den streng gläubigen Türken eine Stimme. Er brachte das Kopftuch wieder in die Öffentlichkeit. Jahrzehnte war die Kopfbedeckung für Frauen nahezu verpönt. An Schulen und Universitäten war es verboten, das Kleidungsstück zu tragen.

"Warum wir Tayyip Erdogan wollen?", fragt der Taxifahrer Güneysu Askin aus Rize. "Er schützt unsere geistigen Werte und trägt zur Entwicklung unseres Landes bei."

Macht, Geld und Vetternwirtschaft

Erdogan spaltet. Die einen lieben ihn, die anderen kritisieren ihn. İhsan Eliacik zum Beispiel - ebenfalls aus Rize - sagt, Erdogan missbrauche den Islam. "Erdogan verteidigt islamische Werte nicht - er missbraucht sie", so Eliacik. "Ich sehe in Erdogan eher einen Politiker, dem Macht, Geld und Vetternwirtschaft wichtiger sind als Gott und die Religion." Erdogan wolle Alleinherrscher sein. "Außerdem schreibt die Religion ein bescheidenes Leben vor - er lebt aber in einem prunkvollen Palast."

Eliacik bezieht sich auf den Präsidentenpalast in Ankara. Den hat sich Erdogan vor ein paar Jahren bauen lassen. In dem Gebäude gibt es rund 1000 Zimmer.

Der türkisches Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht im Präsidentenpalast | Bildquelle: dpa
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Erdogan im Präsidentenpalast in Ankara - einem repräsentativen Gebäude mit rund 1000 Zimmern.

Pragmatisches Verhältnis zu Russland

Erdogan regiert die Türkei pragmatisch. Bestes Beispiel ist das Verhältnis zu Russland. Die Beziehungen waren im Jahr 2015 auf einem Tiefpunkt, weil das türkische Militär einen russischen Kampfjet an der syrischen Grenze abgeschossen hatte. Erdogan wollte sich bei Putin dafür partout nicht entschuldigen, tat es aber dann doch. Man braucht sich.

Im vergangenen Jahr gab es diesen Tiefpunkt dann in den Beziehungen zu Deutschland. Einige deutsche Städte ließen türkische Politiker vor dem Verfassungsreferendum nicht auftreten. Erdogan wetterte:

"Hör zu, Deutschland! Ihr habt doch mit Demokratie nichts mehr gemein. Eure gegenwärtige Praxis unterscheidet sich in nichts von den Praktiken der Nazi-Ära. Ich dachte immer, Deutschland hätte das hinter sich gelassen. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Scheinbar wird da ein alter Wunsch wach."

Seit 15 Jahren an der Spitze

So flexibel er in seiner Politik ist, so treu bleibt er sich, wenn es darum geht, mit Gegnern umzugehen. Im Jahr 2013 sagte Erdogan im Zusammenhang mit den Gezipark-Protesten in Istanbul:

"Man sagt mir nach, ich sorge stehts für Spannungen, ich sei ein harter Ministerpräsident. Was hat man denn erwartet? Etwa dass ich in die Knie gehe und die Demonstranten bitte, ihre Stofffetzen mit den Parolen doch bitte selbst vom Taksim-Platz zu entfernen? Wenn man das Härte nennt, dann ja, dann ist das so. Entschuldigung. Aber Tayyip Erdogan wird sich nicht ändern."

Selten liefert er seinen Gegnern in seinen vielen Reden eine Steilvorlage, die sie für sich nützen können. Neulich ist es ihm allerdings passiert. "Sie haben nur eines im Sinn: Und zwar, Recep Tayip Erdoğan zu stürzen", sagte er. "In das Amt des Bürgermeisters, des Regierungschefs und des Staatspräsidenten wurde ich vom Volk gewählt. Nur wenn mein Volk eines Tages 'tamam' ('genug', Anm. d. Red.) sagen sollte, trete ich zurück."

Seine Gegner sagten "tamam" - tausendfach in einer Internet-Kampagne. Er selbst hat allerdings trotz der 15 Jahre an der Spitze der Türkei noch lange nicht genug.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. Juni 2018 um 18:22 Uhr.

Korrespondentin

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Karin Senz, SWR

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