Der Spätberufene: Tyrone Mings | Bildquelle: Action Images via Reuters

Nationalspieler Tyrone Mings Der Spätberufene

Stand: 15.10.2019 14:00 Uhr

Nationalmannschaftsdebüt mit erst 26 Jahren: Englands Nationalspieler Tyrone Mings hat viele Schicksalsschläge erleiden müssen, ehe sein Traum wahr wurde. Nun wurde er Opfer rassistischer Anfeindungen.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Nazi-Grüße und Affengeräusche von den bulgarischen Fans. Das EM-Qualifikations-Match wurde zwei Mal unterbrochen und stand kurz vor dem Abbruch, als die schlimmsten Rassisten endlich das Stadion verließen. Tyrone Mings, dessen Vater aus Barbados stammt, kämpfte bei seinem ersten Einsatz im englischen Nationaltrikot mehr gegen die rassistischen Anfeindungen als gegen die überforderten bulgarischen Spieler. 

Antwort auf dem Platz

Jeder habe diese Gesänge gehört. Glücklicherweise habe ihn das aber nicht zu sehr getroffen, so dass er jetzt froh sei, wie sein Team darauf reagiert habe: mit einem 6:0 Sieg. Für Mings wurde jedenfalls ein Traum wahr, von dem er nie gedacht hatte, dass er jemals in Erfüllung gehen würde.

Bulgarische Fußballfans zeigen Hitlergruß | Bildquelle: dpa
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Hitlergruß und Affenlaute: Bulgarische Fußballfans fielen erneut rassistisch auf.

Opfer rassistischer Attacken: Englands Fußballspieler Tyrone Mings | Bildquelle: Borislav Troshev/EPA-EFE/REX
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Opfer rassistischer Attacken: Englands Fußballspieler Tyrone Mings

Er sei hin und weg. Es sei ein so langer Weg für ihn gewesen, sagt der Innenverteidiger von Aston Villa. Mit 26 ist Mings nicht gerade ein Frühstarter in der Nationalelf. Sein Leben immer wieder von Rückschlägen geprägt. Seine Mutter trennte sich von ihrem Lebensgefährten, als Tyrone noch im Grundschulalter war, und landete mit ihren vier Kindern im Obdachlosenasyl. Nur der Fußball gab ihm damals die Hoffnung auf ein besseres Leben.

"Zu klein und zu zerbrechlich"

Mit acht Jahren schaffte er es in die Jugend des FC Southampton. Aber mit 16 war dort Schluss für ihn - die Trainer fanden den heute 1 Meter 96 großen kräftigen Kerl damals zu klein und zu zerbrechlich.

Er sei wohl körperlich noch nicht ausreichend entwickelt gewesen, sagt er heute, er könne die Entscheidung der Trainer damals nachvollziehen. Tyrone blieb also Amateur, kickte bei einem unbedeutenden Verein namens Yate Town und arbeitete als Hypothekenberater bei einer Bank. Hatte dort mit Kunden zu tun, die auch gescheitert waren und ihre Zinsen nicht mehr zahlen konnten. Die englische Nationalmannschaft war damals in unerreichbarer Ferne.

Schwere Verletzungen und Depressionen

Immerhin - er schaffte dann doch noch den Sprung zum Profi. Bei Ipswich Town in der zweiten Liga und schließlich doch noch für Bournemouth in der ersten Liga. Für sechs Minuten aber nur, dann verletzte er sich schwer am Knie. Über ein Jahr Pause, dann gleich der nächste Rückschlag: Ein Bandscheibenvorfall, noch einmal mehr als ein halbes Jahr lang ohne Einsatz. Schwere Depressionen, er schloss sich ein, wollte niemanden mehr sehen. Ein Psychotherapeut half ihm, den Weg zurück zu finden: Zu Aston Villa, zunächst in der zweiten Liga, und jetzt, nach dem Aufstieg, in der Premier League. Mit Mings als Topverteidiger, den auch der englische Nationaltrainer nicht mehr übersehen konnte. 

"Helfen und zurückgeben, wo wir können."

Im Fußball-Olymp angekommen, hat Mings seine Wurzeln und seine eigene Lebensgeschichte nicht vergessen: Er hat eine Fußballschule gegründet, um Kindern eine Zukunft zu geben. Und in seiner Heimatstadt Bath geht er im Winter auf die Straße, verteilt dicke Schlafsäcke, Suppe und Truthahn an die Obdachlosen. Er freue sich das zu tun, schließlich sei es ihm vor nicht allzu langer Zeit genauso schlecht gegangen. Als Fußballer sei man Vorbild für die heranwachsenden Kinder: "Wir müssen helfen und zurückgeben, wo immer wir können", sagt der neue Nationalverteidiger mit den Rasta Locken.

Tyrone Mings - vom Obdachlosenasyl in die Nationalelf
Jens-Peter Marquardt, ARD London
15.10.2019 13:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Oktober 2019 um 16:14 Uhr.

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