Mitarbeiter der Stadt Braga desinfiziert Straßen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen | Bildquelle: HUGO DELGADO/EPA-EFE/Shutterstoc

Kampf gegen Coronavirus Wie Portugal die Zahlen niedrig hält

Stand: 03.04.2020 07:59 Uhr

Im Gegensatz zu Spanien ist in Portugal die Zahl der Corona-Infizierten niedrig, die der Todesfälle ebenfalls. Wie kommt das und warum das Land trotzdem noch lang im Ausnahmezustand sein wird?

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Wenn Nuno aus dem Fenster seiner Wohnung in der Nähe von Lissabon schaut, sieht er eine fast leere Hauptstraße: kaum Autos, kaum Menschen. Der Ausnahmezustand bedeutet zwar keine Ausgangssperre wie in Spanien. Aber die Regierung hat angeordnet, nur in dringenden Fällen vor die Tür zu gehen - zum Einkaufen etwa oder zum Arbeiten.

Und an diese Regel halte sich die große Mehrheit der Portugiesen, sagt Nuno. Vielleicht mehr als die Nachbarn in Spanien, meint er. Das habe etwas mit der Kultur der Menschen zu tun. "Wenn man mal auf die Revolutionen in unserem Land schaut: Alles lief recht ruhig ab, wir hatten nie Krieg. Die Portugiesen sind ein friedliches Volk. Die Regeln zu befolgen, ist so etwas wie die portugiesische Logik."

Früh Maßnahmen ergriffen

Dazu kommt: Die portugiesische Bevölkerung ist eine der ältesten Europas. Jeder Fünfte ist älter als 65 und hält sich klassischerweise häufig zu Hause auf - keine große Umstellung zum aktuellen Zustand. Portugals Regierung hat schon früh dazu aufgerufen, wegen Corona in den Wohnungen zu bleiben und vor vielen anderen Ländern Schulen und Universitäten geschlossen.

Ärzte betreuen möglichst viele Patienten telefonisch und sagen ihnen, nur bei schweren Corona-Symptomen ins Krankenhaus zu gehen. Auch das befolgen viele, die Notaufnahmen sind nur selten überfüllt. Laut Behörden waren gestern gut 9000 Menschen in Portugal an Covid-19 erkrankt, etwa zehn Prozent mehr als am Mittwoch noch. Die Zahl der Toten lag bei 209.

"Nach den Daten, die vorliegen, ist es uns gelungen, den Höhepunkt der Infektionskurve auf Ende Mai zu verlangsamen. Das lässt vermuten, dass die Beschränkungen, die wir ergriffen haben, wie das zu Hause bleiben und die Wohnung nur für die Arbeit zu verlassen, effektiv sind", sagt Gesundheitsministerin Marta Temido.

Mehr Schutz für Alte und Obdachlose

Deshalb bleibt der Alarmzustand in Kraft. Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa hat die Regierung aufgefordert, weitere Maßnahmen zu ergreifen. Arbeitgeber sollen ihren Beschäftigten nicht so schnell kündigen können, alte Menschen sollen besser geschützt werden, ebenso Gefängnisinsassen und Obdachlose. Die sozialistische Regierung wird diese Anordnungen heute per Verordnung umsetzen müssen.

Mit Blick auf die nahenden Ostertage ruft Ministerpräsident António Costa die Portugiesen auf, keine Familienfeste zu feiern:

"Die Leute dürfen zu Ostern nicht zur Familie fahren. Sie müssen einfach zu Hause bleiben. Es ist zwar hart, das unseren vielen im Ausland lebenden Gastarbeitern sagen zu müssen, aber: 'Kommt in diesem Jahr nicht! Bleibt, wo ihr seid. Denn wenn ihr kommt, dürft ihr das Haus nicht verlassen'".

Mehr Kontrollen rund um Ostern

Beobachter gehen davon aus, dass die portugiesische Polizei rund um Ostern vermehrt Autos stoppen und kontrollieren wird. Es werden andere Ostern sein als sonst, sagt Nuno aus der Nähe von Lissabon. Aber er geht davon aus, dass die meisten seiner Landsleute auch das anstandslos über sich ergehen lassen.

Er selbst kann die Zeit nach Corona kaum abwarten, erzählt der 44-Jährige - wann auch immer diese Zeit kommen wird. "Ich spüre so etwas wie Angst in der Luft. Anspannung, wenn ich draußen auf der Straße bin. Zu Hause geht es, ich lebe seit Jahren alleine, das bin ich gewohnt. Aber ich vermisse meinen Sohn, ich habe ihn 15 Tage nicht gesehen. Das schmerzt", sagt er.

Noch mindestens 15 weitere Tage dauert der Ausnahmezustand in Portugal an. Eine erneute Verlängerung - durchaus wahrscheinlich.

Portugal: Spaniens Nachbar hält die Zahl der Corona-Opfer niedrig
Oliver Neuroth, ARD Madrid
03.04.2020 07:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 03. April 2020 um 10:21 Uhr.

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