Ein junger Palästinenser steht vor einer Wand aus schwarzem Rauch | Bildquelle: MOHAMMED SABER/EPA-EFE/REX/Shutt

Proteste in Gaza Angst vor Eskalation wächst

Stand: 06.04.2018 05:10 Uhr

Die Lage vor den neuen Massenprotesten an der Grenze des Gazastreifens zu Israel ist angespannt. Befürchtet wird ein neuerlicher Gewaltausbruch - denn beide Seiten zeigen wenig Zurückhaltung.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Der Himmel über Gaza wird schwarz sein. Tausende Reifen haben vor allem palästinensische Jugendliche in den vergangenen Tagen in die Nähe der Grenze zu Israel gebracht.

Sie sollen vor den Massenprotesten angezündet werden und eine riesige Rauchwand aufsteigen lassen, erzählt ein junger Mann aus Khan Junis im Süden des Gaza-Streifens. "Wir sammeln alte Reifen um sie bei den friedlichen Protesten einzusetzen und uns damit vor den Juden zu schützen", sagt er. "Sie sollen uns nicht sehen können. Mit Allahs Hilfe werden wir geschützt sein und solange weiter machen bis Palästina befreit ist."

Dichter schwarzer Rauch soll den israelischen Scharfschützen die Sicht nehmen. Auch große Spiegel sollen zum Einsatz kommen, um die Soldaten zu blenden, wenn an verschiedenen Stellen der Grenze die palästinensischen Massenproteste fortgesetzt werden.

Ein palästinensischer Demonstrant hält eine Tränengasgranate in der Hand. | Bildquelle: ABED AL HASHLAMOUN/EPA-EFE/REX/S
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In der vergangenen Woche war es bereits zu schweren Ausschreitungen gekommen.

Israelische Soldaten beziehen Position an der Grenze zum Gazastreifen (30.03.18) | Bildquelle: ATEF SAFADI/EPA-EFE/REX/Shutters
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Die israelische Armee will an ihrer Taktik vom vergangenen Freitag festhalten und weiter hart gegen die Demonstranten vorgehen.

Blutige Karfreitagsbilanz schreckt nicht ab

Zehntausende werden erwartet und die Beteiligung könnte größer sein als vor einer Woche. Die Motivation ist hoch - vor allem unter den jungen Leuten. Rund die Hälfte der zwei Millionen Bewohner des abgeriegelten Küstenstreifens ist 18 und jünger. 

Die blutige Bilanz vom vergangenen Freitag mit zahlreichen Toten und mehr als tausend Verletzten hat, so scheint es im Vorfeld der nun anstehenden Demonstration, auf viele offenbar keine abschreckende Wirkung. Die Zeltlager, die an mehreren Stellen nahe der Grenze errichtet wurden, sind zum Anlaufpunkt für die Demonstranten geworden.

"Ich zelte hier seit acht Tagen", sagt ein junger Palästinenser. "Ich habe keine Angst, und wenn sie Raketen schießen - es ist mir egal. Ich werde solange Steine werfen, bis ich zu meinem Recht gekommen bin. Ich fürchte mich vor nichts."

Israelische Armee will weiter scharf schießen

Dass es erneut zu Gewalt kommen wird, ist wahrscheinlich. Beobachter rechnen damit, dass sich Palästinenser wieder in großer Zahl dem Grenzzaun nähern werden. Die israelische Armee will an ihrer Taktik vom vergangenen Freitag fest halten und zum Schutz des Zauns auch scharf schießen. Das machte Verteidigungsminister Avigdor Liebermann bereits deutlich. Er hofft offenbar weiterhin, dass ein hartes Vorgehen der Armee abschreckende Wirkung haben könnte.

"Ich denke, dass auch die andere Seite versteht, dass es sich nicht lohnt, weiterzumachen und ich warne sie davor, die Provokationen fortzuführen", so Liebermann. "Wir haben klare Spielregeln festgelegt und wir haben nicht vor, diese zu ändern. Jeder, der sich dem Zaun nähert, bringt sein Leben in Gefahr."

Avigdor Lieberman
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Israels Verteidigungsminister Liebermann: "Jeder, der sich dem Zaun nähert, bringt sein Leben in Gefahr."

Warnung an die Hamas

Israels Grenze entlang des Gaza-Streifens ist gut 60 Kilometer lang und besteht überwiegend aus einem Zaun. Angriffe auf diesen Zaun, Versuche ihn zu überwinden, stellen für die Sicherheitsbehörden Terrorattacken dar.

Gilad Erdan, Israels Minister für Innere Sicherheit, richtete sich an die radikal-islamische Hamas. "Wir bekräftigen: Ein erneuter Versuch, den Zaun zu beschädigen, wird wie ein Terroranschlag gewertet werden. Wir sprechen hier über eine Terrororganisation, die die Schwachstellen im Zaun für Anschlagsversuche ausnutzt, egal ob durch bewaffnete Angriffe gegen Soldaten der Armee oder durch das Eindringen in Gemeinden um den Gazastreifen und das Verletzen israelischer Souveränität." Die Hamas, die den Gaza-Streifen kontrolliert, unterstützt die Proteste, organisiert sie mit und hat zur Teilnahme aufgerufen.

Viel Rückendeckung für Armee, aber auch Kritik

Die israelische Bevölkerung steht mehrheitlich hinter dem harten Vorgehen der Armee. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem rief Soldaten dazu auf, nicht auf die Teilnehmer der Demonstrationen zu schießen. Betselem-Direktor Hagai el Ad warf die Frage nach den Ursachen der Proteste auf.

"Innerhalb des Gazastreifens leben zwei Millionen Menschen", sagt er. "Nicht jeder ist Hamas. Die Arbeitslosenrate ist immens hoch. Die Menschen müssen von humanitärer Hilfe leben. Und all das innerhalb eines großen Gefängnisses, das sie kaum verlassen können, außer in den dringendsten Fällen. Das ist ein Schnellkochtopf.“

Egal wie die Proteste nun verlaufen - sie sollen auf jeden Fall noch bis Mitte Mai fortgesetzt werden und Beobachter halten außerdem größere Unruhen in Ostjerusalem und im Westjordanland für möglich.

Neue Eskalation? Gaza-Grenze vor den nächsten Massenprotest
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
06.04.2018 09:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. April 2018 um 05:05 Uhr.

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