Demonstration am 20. Juli von Oppositionellen in Moskau gegen den Ausschluss von 57 Kandidaten bei Wahl des Stadtparlaments. | Bildquelle: dpa

Proteste in Moskau Es geht nicht mehr nur um freie Wahlen

Stand: 31.08.2019 12:39 Uhr

Die Opposition in Moskau will erneut demonstrieren - wieder sind die Proteste nicht genehmigt. Es geht dabei längst nicht mehr nur um freie Wahlen. Vor allem junge Menschen wollen eine Veränderung des Systems.

Von Sabine Stöhr, ARD-Studio, Moskau

Sergej ist ein sportlicher junger Mann mit weichen, lässigen Bewegungen, schwarzen Haaren und wachen Augen. Er war bei den Protesten am 3. August in Moskau dabei und wurde festgenommen.

Er habe Polizisten gebeten, einem anderen Demonstranten, der auf die Knie gezwungen worden war, nicht weh zu tun, erzählt Sergej. Zu viel gesagt. Schnell saß er mit anderen in einem der Polizeibusse, erinnert sich der junge Mann: "Dann wurden wir gebeten, unsere Gürtel und die Schnürsenkel abzunehmen und unsere Handys abzugeben."

Sie hätten alles abgegeben, berichtet Sergej. Die Dokumente, den Pass. "Auf der Wache dann saßen wir zusammen in einem Raum und wurden von Polizisten bewacht."

Sein Handy hat er bis heute nicht wieder bekommen. Weil er so etwas ahnte, sagt Sergej, hatte er nur ein altes dabei. Ansonsten sei er gut behandelt worden.

"Die Polizei darf alles mögliche"

Das ging aber nicht allen so. Insgesamt gab es etwa 1000 Festnahmen, darunter auch Journalisten. Und es gab Verletzte. Sergej macht das wütend: "Die Polizei darf alles Mögliche. Sie fühlt sich niemandem gegenüber verantwortlich - mit allen Rechten."

Der junge Mann ist Tutor an einer Privatschule. Ihm droht jetzt ein Gerichtsverfahren, weil er gegen das Demonstrationsrecht verstoßen hat, heißt es.

Dabei will Sergej nur sein Recht wahrnehmen, friedlich demonstrieren zu können, bekräftigt er. Und er wird auch heute wieder dabei sein. Auch, wenn er die Angst, auf die Straße zu gehen, nicht abschütteln kann.

Aber in Ruhe einfach auf dem Sofa sitzen und zusehen, wie die Führung die Bürgerrechte mit Füßen tritt, kommt für ihn nicht in Frage. Schon gar nicht bei dieser neuen Brutalität, die noch nicht mal die Führungstreuen verstehen, erklärt er. Damit könne er nicht einverstanden sein. Und er werde nicht schweigen, sagt Sergej: "Ich mache ihnen nicht die Freude, dass sie glauben schon wieder einen verängstigt zu haben."

Festnahmen bei Protesten in Moskau. | Bildquelle: dpa
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Die Polizei geht bei den Protesten in Moskau gegen Demonstranten vor.

Es geht nicht mehr nur um freie Wahlen

Bei den Protesten in Moskau geht es schon längst nicht mehr nur um die Wahlen. Und darum, dass die Behörden oppositionelle Kandidaten nicht auf die Listen gelassen haben.

Es geht um die allgemeine Unzufriedenheit der Menschen. Damit, wie die russische Führung mit ihnen umgeht. Dass sich innenpolitisch trotz vieler Missstände nichts bewegt. Und sich deswegen die Lebensbedingungen von vielen verschlechtern. Gerade die jungen Moskauerinnen und Moskauer wollen, dass sich im politischen System etwas grundsätzlich verändert.

"Sie sollten längst im Ruhestand sein"

Es dürfe nicht sein, dass die Regierung 20 Jahre lang dieselbe ist, betont Sergej. Dass darin Leute säßen, die keine Ahnung haben. Sie seien alle noch aus der Sowjetunion und vertreten nur die Interessen der Generation 60+.

"Sie sollten lägst im Ruhestand sein. Am besten im Gefängnis, denn das sind Verbrecher. Und dafür sollten sie die Verantwortung tragen müssen", fordert er.

Damit bezieht sich Sergej auf den unerklärlichen Reichtum vieler russischer Beamter, den der Korruptionsaktivist Alexej Nawalny in seinen Internetvideos aufdeckt.

Wie viele andere im Land wünscht sich auch Sergej endlich Gerechtigkeit. Und erzählt, dass er demnächst seine Prüfung zum Juristen macht. Er will Anwalt derjenigen werden, die sich wie auf Protesten und anderswo für die Bürgerrechte und dafür einsetzen, dass sich die Führung an die Verfassung hält. Damit in Russland ein verlässliches Rechtssystem, freie Medien und freie Meinungsäußerung möglich sind, wie er sagt.

Sergej kämpft für Rechtssystem, freie Medien und Meinungsäußerung
Sabine Stöhr, ARD Moskau
31.08.2019 00:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 31. August 2019 um 07:23 Uhr.

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