Russlands Präsident Wladimir Putin beantwortet Bürgerfragen im TV. | Bildquelle: ALEXEY NIKOLSKY/SPUTNIK/KREMLIN

TV-Sprechstunde Putin gibt den Kümmerer

Stand: 20.06.2019 18:17 Uhr

Einmal im Jahr gibt sich Russlands Präsident Putin nah am Volk. Zum inzwischen 17. Mal beantwortete er im TV Fragen seiner Landsleute. Dieses Mal ging es um Gehälter, Orcas und Rücktrittsgedanken.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Bis zum Start der Sendung sollen bereits 1,5 Millionen Fragen eingegangen sein. Minütlich kämen 900 weitere hinzu - via App, SMS, online oder telefonisch, erklärte die Moderatorin. Es war die 17. Ausgabe von Wladimir Putins Bürgersprechstunde "Der direkte Draht", live übertragen von sechs Fernseh- und drei Radiosendern.

Es ist eine Show, in der der russische Präsident einmal im Jahr zeigen kann, dass er seinen Bürgern zuhört. Angesichts sinkender Umfragewerte und einer zunehmenden Unzufriedenheit innerhalb der russischen Bevölkerung lag der Fokus in diesem Jahr ganz klar auf dem sozialen Bereich.

In einem russischen TV-Studio beantwortet Präsident Putin Fragen der Bevölkerung | Bildquelle: ALEXEY NIKOLSKY/SPUTNIK/KREMLIN
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Die russischen TV-Zuschauer kennen das Ritual: Einmal im Jahr antwortet Putin auf auserlesene Fragen der Bevölkerung.

Problem angesprochen - Problem gelöst

Die erste direkte Bürgerfrage, kam per Videobotschaft und ging genau in diese Richtung: "Guten Tag, ich heiße Stanislaw, komme aus dem Gebiet Kaliningrad und arbeite auf der Feuerwache 31. Sagen sie bitte, wann werden unsere Gehälter erhöht? Bei den heutigen Preisen können wir davon nicht leben."

Putins Antwort: "Wir haben in den letzten Monaten mehrmals darüber gesprochen und nun eine Entscheidung getroffen. In diesem Jahr bekommt der Katastrophenschutz 4,3 Milliarden Rubel - was ermöglichen soll, auch die Gehälter anzuheben." Etwa ein Drittel mehr Gehalt würde der Feuerwehrmann damit bekommen. Problem angesprochen - Problem gelöst. So läuft es regelmäßig in der Sendung.

Alle kommen zu Wort

Eine Mutter mit Baby auf dem Arm, eine 15-jährige Beauty-Bloggerin mit mehr als drei Millionen Followern auf Instagram, Bürgerinnen und Bürger aus den entlegensten russischen Regionen: Sie alle kommen zu Wort. Ihre Probleme betreffen das Gesundheitssystem, marode Straßen, die Wasserversorgung, Mülltrennung. Putin schreibt konzentriert mit, antwortet mit der Botschaft: Ich kenne das Problem, ich kümmere mich.

Selbst beim Thema Sanktionen, einem der wenigen internationalen Themen, die zur Sprache kommen, signalisiert Putin, dass Russland nicht nur verloren habe: "Wir waren gezwungen, unser Hirn einzuschalten und zu überlegen, wie und was wir in den hochtechnologischen Wirtschaftsbranchen machen müssen", erklärt er. "Und wir haben investiert. Wir haben uns in Wirtschaftsbereichen weiterentwickelt, wo wir früher keine Kompetenzen hatten."

Kritische Fragen trotz sorgfältiger Auswahl

Kritiker bemängeln, dass die Fragen zuvor ebenso ausgesucht würden, wie die Menschen, die in der Sendung zu Wort kämen. Tatsächlich scheint wenig dem Zufall überlassen zu sein. Auch wenn es in der Sendung so inszeniert wird - wie die lange geforderte Freilassung von Orca- und Beluga-Walen aus einem Wasserpark in Wladiwostok.

Dennoch tauchen auf den TV-Bildschirmen auch immer wieder kritische Fragen auf, die Zuschauer per SMS oder Messenger ins Studio schicken: "Würden sie die Möglichkeit zulassen, das Präsidentenamt vorzeitig zu verlassen?" Oder kürzer gefasst: "Nur eine Frage: Wann treten Sie zurück?" Die einzige dieser Fragen, auf die Putin eingeht, ist die, ob er nicht amtsmüde sei. Sonst wäre er doch nicht nochmal zur Wahl angetreten, lautet seine lapidare Antwort.

80 Fragen in vier Stunden

Zum Ende der Show wird es dann aber doch noch einmal emotional. Ob es etwas gäbe, wofür er sich schäme? Ja, sagt Putin mit leicht zitternder Stimme. Eine alte Frau habe ihm einmal einen Zettel in die Hand gedrückt - und dieser sei verloren gegangen. "Das werde ich nie vergessen. Ich schäme mich noch heute dafür. Alles was in meine Hände gerät - das versuche ich anzupacken, manchmal auch später. Es gibt verschiedene Fragen, aber manche kann man einfach nicht lösen."

Nach der Sendung sollen die Fragen und Sorgen der Bürger weiterhin bearbeitet werden. Bis zum Ende der mehr als vierstündigen Show sollen es 2,1 Millionen Fragen gewesen sein - beantworten konnte der Präsident in dieser Zeit aber nur knapp über 80.

"Der direkte Draht": Putins inszenierte Bürgersprechstunde
Martha Wilczynski, ARD Moskau
20.06.2019 18:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Juni 2019 um 06:31 Uhr.

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