Der Bauer Abdullah Zorlu steht auf einer Straße.  | Bildquelle: SWR

Corona-Krise in der Türkei Einsam im Ramadan

Stand: 22.04.2020 14:19 Uhr

Der muslimische Fastenmonat Ramadan beginnt. Was diese Zeit ausmacht, fällt in der Corona-Krise weg: das Erleben von Gemeinschaft. In einem Bergdorf in der Türkei macht das Gläubigen zu schaffen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

In der Nacht vom 23. auf den 24. April beginnt der Fastenmonat Ramadan. Für viele Muslime - auch in der Türkei - ist das ein ganz besonderer Monat. Es wird nicht nur gefastet und viel gemeinsam in der Moschee gebetet. Es ist auch eine Zeit, in der die Menschen zum Fastenbrechen am Abend in der Großfamilie, mit Nachbarn und Freunden zusammenkommen.

Reduziertes Dorfleben

Auch in dem kleinen Bergdorf Gükceören ganz im Südwesten der Türkei ist das so - normalerweise. Dieses Jahr fällt das alles wegen Corona aus, genauso wie die gemeinsamen Gebete. Den Einwohnern fehlen damit nicht nur religiöse Rituale, sondern auch ein ganz wichtiger Teil des Dorflebens.

Gükceören liegt versteckt in den Bergen. Die kleinen Häuser zwischen den sattgrünen Wiesen auf der Hochebene wirken wie Würfel verstreut auf einem Spielbrett. Das Dörfchen hat nur ein paar hundert Einwohner. Die freuen sich jedes Jahr auf Ramadan.

Das Dorf Gükceören | Bildquelle: SWR
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Das Dorf Gükceören

Auch Abdullah Zorlu: "Wer gläubiger Muslim ist und fasten will, der freut sich auf diesen Monat", sagt er. "Manchmal sagen die Nachbarn: 'Heute Abend machen wir Fastenbrechen bei uns'. Das sind dann bis zu 20 Personen, die zusammen essen."

Dann geht es zum Nachtgebet in die Moscheen. Als es noch keine Moschee im Dorf gab, habe man zuhause gebetet, erzählt Zorlu. "Einen Tag in dem Haus des einen, am nächsten Tag in dem eines anderen. So verlief bei uns Ramadan."

Nachtgebet zu Hause statt in der Moschee

Dieses Jahr werden sie in Gökeören wieder daheim beten, allerdings jeder für sich. Die Moschee ist geschlossen. Zorlu muss sowieso zu Hause bleiben. Er ist 73 Jahre alt. Und für alle ab 65 gilt in der Türkei Hausarrest.

Sie gehören zur Risikogruppe, weiß er: "Wir kommen ja nicht mal unseren Kindern und Nachbarn zu nahe. Vielleicht haben sie Corona und ich nicht, oder ich hab es und sie nicht. Eigentlich ist es gar nicht erlaubt, dass ich gerade hier draußen bin. Unsere Abwehrkräfte sind schwächer als die der jungen Leute."

Das Gemeindezentrum von Gökceören mit verschlossenen Türen. | Bildquelle: SWR
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Das Gemeindezentrum von Gökceören ist geschlossen.

Er steht auf der staubigen Straße und hält ein Schwätzchen mit einem Nachbarn. Zorlu war als Bauer sein Leben lang draußen. Das sieht man an seiner sonnengegerbten Haut. Er trägt eine Baseball-Kappe und eine weite, dunkelgraue Pluderhose, wie sie hier üblich sind.

Alte und Kranke müssen nicht fasten

Mit seinen 73 Jahren müsste Zorlu in Corona-Zeiten eigentlich nicht fasten, erklärt Sedat Turhan, Imam in der nächstgößeren Stadt Kas: "Ältere Menschen, chronisch Kranke oder diejenigen, die mit dem Virus infiziert sind, sind von der Fastenpflicht befreit. Nichts ist wichtiger als die Gesundheit. Wenn der Mensch nicht gesund ist, kann er seinen Glauben nicht ausüben. Der Islam zwingt die Gläubigen nicht." Schwangere, Kinder und Kranke sind sowieso immer vom Fasten ausgenommen.

Der 53-Jährige sitzt in seinem Büro und bereitet sich auf die nächste Woche vor. Er freut sich auf Ramadan - auch wenn der Fastenmonat unter Corona anders sein wird: "Leider wird es in diesem Jahr eine Reihe von Einschränkungen geben. Zum Beispiel wird das Nachtgebet in den Moscheen dieses Jahr nicht stattfinden", erklärt er. "Beim Fastenbrechen werden wir uns diesmal auf die Familie beschränken, keinen Besuch empfangen und auch kein öffentliches Fastenbrechen der Gemeinde organisieren."

Normalerweise zelebrieren Gemeindemitglieder mit Bedürftigen nach Sonnenuntergang an langen Tafeln auf den Straßen ein gemeinsames Fastenbrechen. Auch das fällt dieses Jahr flach.

In Gökceören ist das kleine Gemeindezentrum geschlossen, genauso wie die Teestube, wo sich die Männer sonst immer treffen. Auf den kleinen Schotterstraßen sind nur ein paar Hühner und Hunde unterwegs, keine Menschen.

Bei dem Gedanken daran, auch beim Fastenbrechen und den Gebeten fast allein zu Hause bleiben zu müssen, blutet dem Bauern Zorlu das Herz: "Das ist so traurig. Wir waren hier im Dorf alle sehr eng, und man hat sich immer miteinander unterhalten. Und jetzt gibt es sogar kein Freitagsgebet mehr."

Leiden unter der Einsamkeit

Seine kleinen Augen versinken unter Tränen. Seine Stimme wird immer leiser. "Wir sind immer alle zusammengekommen, 20, 50 Leute. An Ramadan und an religiösen Feiertagen treffen sich in der Moschee mehr als 200 Menschen. Und jetzt? Nur die Verwandten, drei, vier Leute." Dem alten Mann versagt die Stimme. Er ist ganz in sich zusammengesunken.

Der Imam Sedat Turhan sitzt in seinem Büro am Computer. | Bildquelle: SWR
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Imam Sedat Turhan hofft, dass es nach der Pandemie wieder schöne Tage geben wird.

Sedat Turhan ist Imam mit Leib und Seele und das seit mehr als 25 Jahren. Auch er kann sich schwer vorstellen, den Fastenmonat weitgehend von seiner Gemeinde isoliert zu verbringen: "Mit der Gemeinde in der Moschee zusammen zu sein - das ist schon sehr schön. Natürlich vermissen wir das gemeinsame Beten. Nach der Pandemie werden wir - inschallah - wieder zu diesen schönen Tagen zurückkehren. Das wünschen wir uns vom Herrn."

Kein Online-Ramadan für Bauer Zorlu

Auch Abdullah Zorlu in dem kleinen, idyllischen Bergdorf im Süden-Westen der Türkei wünscht sich das so sehr. Viele pflegen ihre Kontakte in Corona-Zeiten ja per Videokonferenz. Aber ein Online-Ramadan kommt für den Bauern nicht in Frage, auch wenn es in dem abgelegenen Gökceören Internet gibt. Er findet: "Das macht wirklich keinen Spaß."

Einsam im Ramadan - die Türkei zu Corona-Zeiten
Karin Senz, ARD Istanbul, zzt. Antalya
22.04.2020 10:46 Uhr

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