Ölgemälde von Franciszek Mrozek | Bildquelle: Gauer/IPN

NS-Raubkunst Die Heimkehr eines Gemäldes

Stand: 28.07.2018 13:59 Uhr

Ist das Ölgemälde im Haus der Eltern Raubkunst? Allein in Polen wurden im Zweiten Weltkrieg bis zu 500.000 Kunstwerke gestohlen. Ein Enkel entschied sich, das Bild zurückzugeben.

Von Olaf Bock und Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Zwischen August und Ulrich Gauer liegen zwei Generationen - ein Dreivierteljahrhundert. August Gauer war Ulrich Gauers Großvater, ein angesehener Stahlhändler aus Kitzingen in Bayern, eine Straße ist dort nach ihm benannt. Der Enkel hat seinen Großvater als liebenswerten Opa erlebt, der allerdings bereits starb, als er acht war. Seine Rolle in der Nazizeit war wie in vielen deutschen Familien kein Thema: "Wir wussten, dass er in Polen war", sagt Ulrich Gauer. Was der Opa aber genau dort getan hat, habe er nicht gefragt. Sich auch nicht getraut zu fragen: "Ich hatte Bedenken, dass ich meinen Vater damit bloßstelle. Dass erst der Enkelsohn fragen muss, und er nicht von sich aus nachhakte. Dass er Dinge sagen muss, über die er nicht reden will, oder noch schlimmer, dass er lügt, und ich hinterher feststelle, dass er nicht die Wahrheit sagt."

August Gauer | Bildquelle: Gauer/IPN
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1939 rückte August Gauer mit der Wehrmacht in Polen ein.

Ulrich Gauer | Bildquelle: Gauer/IPN
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Jahrzehnte später findet sein Enkel, Urlich Gauer, seine Aufzeichnungen, Fotos und Farbdias.

Fotos und ein gestohlenes Ölgemälde

Beim Ordnen des väterlichen Nachlasses aber entdeckt Gauer junior zwei schwere Bände mit Schwarz-Weiß-Fotos, Negative, Farbdias und einen Video-Film, aber er ahnt nicht, welchen Schatz er in den Händen hält. "Polen-Feldzug" hat der Großvater auf eine Filmkassette geschrieben. Die Aufnahmen entstanden während des Einsatzes August Gauers als Offizier der Wehrmacht zwischen September 1939 und Mai 1940. Gauer senior war passionierter Fotograf, benutzte die neueste Technik, und war sehr interessiert an dem Land. Ab Winter diente er als Wachoffizier beim Oberbefehl Ost in Spała. Das frühere Jagdschloss des Zaren diente dem Befehlshaber der deutschen Besatzungstruppen Blaskowitz als Hauptquartier. Viel zu tun gab es offenbar nicht; das Album ist voller Freizeitaufnahmen, Gauer auf Skiern, nackt im Badesee, gemischt unter Land und Leuten.

Auf einem Foto entdeckt der Enkel ein Ölgemälde, das er aus seinem Elternhaus kennt; auf der Aufnahme hängt es in der Dienstwohnung eines Landschuldirektors, in die sich die Offiziere zwischenzeitlich einquartiert hatten. Und er findet einen korrespondierenden Brief: "Du weißt, was ich von solchen 'Kriegserinnerungen' halte", schreibt August Gauer per Feldpost an seine Frau. "Aber es gefiel mir ausnehmend gut und ich hätte es auch in Deutschland gekauft - allerdings hätte es dort bestimmt 300 Mark gekostet. Es wäre mir lieb zu hören, was Du davon hältst."

Polen- Geraubtes Bild
Europamagazin, Olaf Bock, ARD Warschau

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Raubkunst? Natürlich zurückgeben!

Ulrich Gauer ist klar, dass seine Familie im Besitz von Raubkunst ist. Er meldet sich bei der polnischen Botschaft in Berlin. Polnische Experten interessieren sich zu Gauers Überraschung aber nicht nur für das Bild, sondern auch für die historischen Aufnahmen seines Großvaters. Auf einem Farbdia, ungewöhnlich für die Zeit, ist der Leichnam von Henryk Dobrzanski zu sehen, Kampfname "Hubal", eine wichtige Figur des bewaffneten polnischen Widerstands, zuvor erfolgreicher Sportler und Major der polnischen Kavallerie. Gauer läuft ein Schauer über den Rücken, als er auf das Foto des vernachlässigt aussehenden, in eine Decke gehüllten Toten stößt. "Was hat mein Großvater mit dem Toten zu tun?"

Geschichtserfahrung durch die eigene Familie

Ulrich Gauer ist, wie vielen Deutschen, nicht klar, wie groß das Ausmaß der Verwüstung ist, das die Deutschen in Polen hinterlassen haben, wie viele Kunstschätze, Erinnerungsstücke, Archivalien zerstört oder geraubt worden sind, und dass Opas alte Fotos von höchstem Wert für Polen sind.

Alltagsszene aus Polen im Zweiten Weltkrieg | Bildquelle: Gauer/IPN
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Soldat Gauer war passionierter Fotograf und interessiert an Polen. Seine Fotos dokumentieren den Alltag in dem besetzten Land.

Seit dem Fund hat das zuständige staatliche IPN-Institut in Warschau die Aufnahmen digitalisiert; Originale seinem Finder zurückgegeben. Gauer half mit eigenen Recherchen bei der Zuordnung der Fotos; die Hubal-Aufnahme ist die einzige nach seinem Tod; andere zeigen erstmals Innenansichten vom Hauptquartier Blaskowitz und bezeugen die Anwesenheit weiterer Generäle.

Im Gegenzug durfte Gauer junior ins Allerheiligste des Instituts, wo die Kartei deutscher Kriegsverbrecher aufbewahrt wird, er hielt dort Originaldokumente in den Händen, unter anderem den Stroop-Bericht über die Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstands oder das Tagebuch eines Assistenzarztes von Josef Mengele. Er nennt Mitarbeiter des IPN heute "meine Freunde". Und die Forscher am IPN widersprechen nicht: "Herr Gauer verdient höchste Anerkennung", lobt Konrad Slusarski vom IPN-Archiv. "Er hat uns sehr geholfen."

Polen - Reise in die Vergangenheit

In Polen war Gauer vor seiner Entdeckung nie. Jetzt reiste er mit seiner Frau gleich mehrmals dorthin. Das IPN organisierte Studienfahrten nach Auschwitz und er besichtigte die Orte, an denen der Großvater seine Fotos schoss. Gemeinsam mit dem ARD-Team fuhr er nach Nowy Sacz. Das Stadtmuseum der Stadt in den Beskiden beherbergt jetzt das Gemälde, das Großvater Gauer Jahrzehnte zuvor stahl: der Geburtsort des Malers und die Küchenszene in Öl, die August Gauer so gefiel.

Hinweise auf direkt durch den Großvater begangene Kriegsverbrechen fanden die polnischen Behörden nicht - zu Ulrich Gauers Erleichterung. Den toten Partisan hat er, darauf deuten Negative hin, wohl tatsächlich selbst fotografiert, aber getötet wurde "Hubal" vermutlich andernorts.

War August Gauer also unschuldig? So unschuldig, wie man als Mitglied einer Besatzungsarmee sein kann, in dessen Hinterland die berüchtigten Einsatzgruppen vom ersten Tag an Zivilisten massakrierten, Juden wie Angehörige der nicht-jüdischen polnischen Intelligenz oder ganz einfach Zivilisten als "Strafe" für Partisanen-Widerstand. Oberbefehlshaber Blaskowitz immerhin wendet sich in zwei Denkschriften in jenem Winter gegen die Gräuel an der polnischen Zivilbevölkerung. August Gauer schreibt im September, noch vor seinem Einsatz als Wachoffizier, einen Feldpostbrief nach Hause, den sein Enkel so entziffert hat: "Gestern haben wir 4 Polen gefangen, die sich in den Wäldern herumtreiben, junge Soldaten. Wir hätten sie erschießen können, aber wozu? Heute morgen sind sie dann nach hinten abtransportiert worden."

Tausende Kunstschätze sind noch verschollen

Die polnische Seite schätzt die im Krieg verlorenen Kunstschätze, darunter auch viele Gemälde, auf bis zu 500.000. Allein in Nowy Sacz verlor das Stadtmuseum, das jetzt um ein Bild reicher wurde, die gesamte Sammlung, als das deutsche Munitionsdepot nach einem sowjetischen Angriff explodierte. Die Deutschen hatten es in der Burg der Stadt angelegt, die zugleich Museumssitz war. Ab und an werden verschollene Kunstwerke auf dem Markt oder in Sammlungen entdeckt. Dass ein Bild einfach so zurückgeben wird, kommt eher selten vor.

Ölgemälde von Franciszek Mrozek | Bildquelle: Gauer/IPN
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"Das Gemälde gehört nach Polen", das war für Ulrich Gauer klar.

 "Wenn meine Geste als eine Art von Wiedergutmachung gesehen wird, würde ich mich freuen, wobei das nicht mein Ansinnen war", sagt Ulrich Gauer. "Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, das Bild zurückzugeben. Wenn ich einen winzigen Teil dazu beitragen kann, angesichts der gewaltigen Verluste, die Polen erlitten hat, dann bin ich schon zufrieden."

Sehen Sie dies und weitere Themen im Europamagazin am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

NS-Raubkunst: Heimkehr eines Bildes
Jan Pallokat, ARD Warschau
28.07.2018 11:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 29. Juli 2018 um 12:45 Uhr.

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