Demonstranten Türkei | Bildquelle: Amiri

Wahl in der Türkei Nachrichten aus einer anderen Welt

Stand: 25.06.2018 15:46 Uhr

Monatelang hat Melike keine türkischen Medien verfolgt, sondern die Nachrichten aus ihrer Filterblase in den sozialen Netzwerken gelesen. Fest hat sie an einen Sieg der Opposition geglaubt.

Von Natalie Amiri, z.Zt. ARD-Studio Istanbul

Sonntag - Wahltag in der Türkei. Quietschend öffnet Murat das Tor zur Grundschule in Cihangir. Die Schule liegt mitten in dem bunten Stadtteil von Istanbul, bekannt für seine vielen Straßencafes und Kneipen.

Einige Menschen stehen schon davor und warten. Nicht, weil der Unterricht gleich beginnt, sondern weil an diesem Tag die Bevölkerung über das Schicksal ihres Landes entscheiden soll. Mit ihrer Stimme. Die 22-jährige Studentin Melike kommt mit strahlenden Augen aus dem Wahllokal: "Dieser Tag ist heute für unsere Generation so wichtig, denn das wird der Neuanfang sein."

Land ist in Milliardenhöhe verschuldet

Die Opposition ist sich sicher: Dieses Mal kommt der Präsident, der seit 16 Jahren das Land regiert, nicht durch. Sie haben seine, wie sie es nennen, "Tricks, Lügen und kurzfristigen Gesetzesänderungen zum eigenen Vorteil" satt. Mit seinem Steckenpferd, der Wirtschaft, kann Erdogan auch nicht mehr auftrumpfen, das Land ist in Milliardenhöhe verschuldet, die Währung im Kursverfall.

"Selbst AKP-Wähler beginnen doch zu zweifeln",  meint Melike zu ihrer Freundin, die auch erstmals seit langem wieder ihre Stimme abgegeben hat.

Die Opposition war sicherer geworden. Sie spürte es besonders in den Tagen vor der Wahl zum ersten Mal seit langem wieder: Wenn sie als Einheit gegen den Machthaber auftreten, dann erreichen sie auch etwas. Eine Stichwahl ist das Ziel.

Gefühl der Hoffnung

Der Spitzenkandidat der größten Oppositionspartei CHP, Muharrem Ince, versprach, wenn er die Wahl gewinne, führe er ein geteiltes Land wieder zusammen, versöhne es, baue die Beziehung zu Europa wieder auf.

Immer mehr Menschen konnte er mit seinen Argumenten überzeugen, immer mehr folgten ihm in den letzten Tagen vor der Wahl, er erweckte unter den Wahlmüden ein Gefühl der Hoffnung, und deshalb kamen sie an die Urne. Sie wollten die Tradition unterbrechen, dass wenn die Türkei wählt, am Ende immer Erdogan gewinnt.

Extra Wahlzettel in den Urnen?

Den ganzen Tag über hängt Melike über ihrem Handy, liest, dass aus den Städten im Südosten des Landes Meldung kommen, dass dort die Wahl manipuliert werde, extra Wahlzettel schon in den Urnen lägen. Dass ausgefüllte Wahlzettel, auf denen für die Opposition gestimmt wurde, im Müll lägen. Jeder einzelne Wahlzettel, so scheint es, wird mit Argusaugen verfolgt.

Darauf hatte sich die Opposition ja auch besonders intensiv vorbereitet und über die sozialen Medien immer wieder dazu aufgerufen, die Wahl ganz genau zu beobachten. 600.000 Wahlbeobachter konnten sie gewinnen. Es erweckte den Anschein, dass sie dieses Mal besonders gut auf ihre Stimme aufpassen wollen. Keine einzige Stimme sollte verloren gehen, denn jede Stimme kann die Zukunft entscheiden.

Erdogan hält die Tradition aufrecht

Um Punkt 17 Uhr zieht Murat das Tor zur Grundschule zu. Es quietscht wieder. Die Melodie für eine neue Ära in der Türkei? Melike hat sich mit Freundinnen getroffen, sie trinken Wein, stoßen an.

Genau 105 Minuten, nachdem die letzte Stimme abgegeben wurde, veröffentlicht die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu die ersten Zahlen: Erdogan knapp 60 Prozent, sein Kontrahent Ince 25 Prozent. Vollständig ausgezählt ist erst nach Mitternacht. Doch auch laut dieser Zahlen ist der alte Präsident der neue. Erdogan hat die Tradition aufrechterhalten. Er hat gewonnen.

Erdogan feiert Wahlsieg als "Fest der Demokratie"
tagesthemen 22:00 Uhr, 25.06.2018, Katharina Willinger, ARD Istanbul

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Eine Welt bricht zusammen

Und Ince? Er sagte bis Montagmittag überhaupt nichts dazu. Er, der so sehr die Hoffnung aller anregte und sie ermutigte, dass es eine andere Zukunft, eine demokratischere geben kann. Er schreibt lediglich einem Journalisten auf dessen Anfrage eine SMS, in der es heißt: "Der Mann hat gewonnen."

Melike ist wie gelähmt. Das war´s? Wie soll sie jetzt noch in diesem Land leben? Eine Welt bricht für sie zusammen. Ihre eigene.

Melike hat seit Monaten kein einziges Mal den Fernseher angemacht, die Tageszeitungen gelesen, auf Meldungen im Radio geachtet. Sie war auf Facebook, auf Twitter, im Internet auf den kürzlich eingerichteten Internetseiten, die die Wahl beobachten und kontrollieren sollten.

Demonstranten Türkei | Bildquelle: Amiri
galerie

Am Wahlsonntag wurde in der Türkei viel gefeiert. Die Dame auf dem Bild ist nicht die Protagonistin des Artikels.

Euphorische Pro-Erdogan-Stimmung

Hätte sie den Fernseher angemacht wie die andere Hälfte der Bevölkerung, hätte sie deren Realität mitbekommen. Sie hätte die Stimmung erlebt, die in 80 Prozent der Massenmedien verbreitet wurde: eine euphorische Pro-Erdogan-Stimmung. Laut Reporter ohne Grenzen sind sie Pro-Erdogan-Medien, laut OSZE hätten Erdogan und seine Partei einen deutlichen Vorteil gehabt, vor allem durch die Brichterstattung regierungsnaher Medien. Die Welt eben, in der sich die andere Hälfte der türkischen Bevölkerung bewegt und auch deshalb begeistert ihre Stimme dem "Reis" ("Chef") gegeben hat.

Melike wurde eine eigene Welt in den sozialen Medien suggeriert. In dieser Welt ging sie fest davon aus, dass ihr Favorit Präsident wird. Und selbst wenn das nicht passieren sollte - dann wäre der Wahlbetrug bestimmt so groß, dass er angefochten wird, war sich Melike sicher.

Ince bleibt bei der Demokratie

Ihr Favorit meldete sich schließlich Montagmittag zu Wort. Muharrem Ince verweist erst einmal auf seiner Pressekonferenz den öffentlich-rechtlichen Sender TRT des Raumes: "Ihr habt mich nicht ausgestrahlt, jetzt will ich Euch nicht sehen." Er beginnt erst zu sprechen, nachdem das Fernsehteam den Raum verlassen hatte. 

"Ja, sie haben Stimmen gestohlen. Aber nicht zehn Millionen. Leute, der Unterschied beträgt zehn Millionen Stimmen. Wir wollen Demokratie, dann müssen wir die Demokratie auch einhalten."

Ince hat die Wahl nicht gewonnen. Und er hat auch dem ersten intuitiven Wunsch seiner Wähler, er möge jetzt zur Revolution aufrufen, nicht nachgegeben. Er bleibt Demokrat. Er akzeptiert das Ergebnis, das Erdogan zum Sieger macht. Vielleicht dann doch eine gute Grundlage für einen Politiker, das Land eines Tages wieder zu mehr Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu verhelfen, schreibt Melike auf Twitter.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Juni 2018 um 12:00 Uhr.

Darstellung: