Mitarbeiter des Roten Kreuzes. | Bildquelle: REUTERS

Rotes Kreuz Mehr Gewalt gegen medizinisches Personal

Stand: 30.05.2020 01:53 Uhr

Medizinisches Personal wird in der Corona-Pandemie verstärkt zum Ziel von Angriffen und Gewalt. Das Rote Kreuz hat seit März mehr als 200 Fälle dokumentiert. Die Corona-Krise drohe zu einer Schutzkrise zu werden.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich 

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das IKRK, hilft Menschen in Regionen, in denen durch Krieg und Gewalt die Gesundheitssysteme weitgehend zerstört sind. Die Hilfe wird jetzt während der Covid-19-Pandemie besonders dringend gebraucht, doch - so berichtet IKRK-Präsident Peter Maurer im Exklusivinterview - erlebe man eine widersprüchliche Situation, "wo auf der einen Seite ein Ausfluss von Dankbarkeit gegen Krankenschwestern, Ärzten und medizinischem Personal ganz allgemein in der Gesellschaft erkennbar wird und das begleitet ist von einem Anstieg von Gewalt, verbaler Gewalt, physischer Gewalt."

Aufgerüttelt durch erste Fälle hat man damit begonnen eine Statistik zu erstellen für die Einsatzgebiete der Rotkreuz-Helfer - unter anderem für den Nahen Osten, etwa Syrien und Irak, für Afghanistan, Venezuela und für verschiedene Konfliktregionen Afrikas. Seit März dokumentierte das IKRK in 13 Ländern 208 Gewalttaten.

Ausgrenzung und Stigmatisierung

Peter Maurer spricht von einem besorgniserregenden Anstieg von verbalen und physischen Angriffen:

"Wir haben viele Krankenschwestern, Pflegepersonal, welche marginalisiert werden, ausgeschlossen werden von Familie von Gesellschaft, weil sie den Tag verbringen mit Covid-Patienten, also eine klassische Ausgrenzung, Stigmatisierung. Wir haben festgestellt, dass es verbale Aggressionen gibt in hohem Ausmaß, und dann haben wir physische Gewalt bis zu Totschlag von Krankenschwestern und Pflegern."

Die Erfassung der Fälle, so betont der IKRK-Präsident, sei sehr beschränkt. Tatsächlich müsse man wohl von wesentlich mehr Gewalttaten ausgehen. Außerdem gab es Zerstörungen von Einrichtungen, bei denen vermutet wurde, dass dort Covid-19-Patienten behandelt wurden:

"Wir haben in Afrika gesehen, dass wirklich Einrichtungen in Brand gesetzt wurden, zerstört wurden, und das gehört genau gleich zum Spektrum."

 Gewalt erschwert medizinische Versorgung zusätzlich

Anhand der Fälle werde deutlich, dass sich die Verhaltensweisen in Konfliktregionen während einer Pandemie nicht grundsätzlich ändern, sagt Peter Maurer. Derzeit werde durch die Angriffe und Misshandlungen die Situation echt schwierig:

"Diese Gesundheitszentren können nicht mehr normal funktionieren, weil sie sich in einem Umfeld von Gewalt befinden und weil dann Ärzte, Pfleger, Krankenschwerstern nicht mehr zur Arbeit gehen und dann auch aufhören, die Patienten zu pflegen. Also das ist eine wirklich dramatische Situation, die im Extremfall zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems führen kann."

Gemeinsam mit anderen weltweit tätigen Hilfsorganisationen ruft das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in einer Erklärung Regierungen, Gemeinschaften und Waffenträger dazu auf, die Angriffe zu beenden. Medizinisches Personal im Kampf gegen die Pandemie müsse jederzeit respektiert und geschützt werden.

In der Pandemie: Rotes Kreuz beklagt Gewalt geg. medizinisches Personal
Dietrich Karl Mäurer, ARD Zürich
29.05.2020 21:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Mai 2020 um 13:00 Uhr in den "Hundert Sekunden".

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