Notfallkrankenhaus in Calarasi | Bildquelle: AP

Rumänien und Bulgarien Wenn die Ärzte im Westen sind

Stand: 26.10.2020 19:37 Uhr

Seit Jahren gibt es eine stetige Abwanderung von Ärzten aus Bulgarien und Rumänien in westliche EU-Staaten. In der Corona-Pandemie zeigen sich die verheerenden Folgen. Kann eine Abgabe das Problem lösen?

Von Christian Limpert, ARD-Studio Wien

Die Kliniken in Rumänien und Bulgarien sind seit Jahren im Krisenmodus. Doch angesichts explodierender Infektionszahlen fürchten viele Kliniken die große Katastrophe. Ärztinnen und Ärzte sind in westliche EU-Länder abgewandert, vor allem auf Intensivstationen gibt es einen dramatischen Mangel an Fachpersonal.

Dr. Catalin Dumitrașcu ist geblieben. Der 38-Jährige ist Facharzt für Notfallmedizin am Landkreiskrankenhaus in Alexandria, einer rumänischen Kleinstadt gut 80 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Bukarest. Das Krankenhaus ist das einzige im gesamten Kreis, das schwer erkrankte Covid-19-Patienten überhaupt versorgen kann.

Doch auch hier fehlen Notfallmediziner, von den zwölf vorgeschriebenen Planstellen sind nur fünf besetzt. "Das sind sieben Notärzte zu wenig, die fehlen rund um die Uhr", klagt Dumitrașcu. "In einer Schicht muss sich ein Arzt inzwischen um bis zu 200 Einlieferungen kümmern, das ist die Realität hier."

Catalin Dumitrascu und Notfallteam | Bildquelle: ARD-Studio Wien
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Sie sind im Land geblieben und machen auf die Mängel im Gesundheitssystem aufmerksam: Catalin Dumitrascu und sein Notfallteam

Auch an der Ausrüstung mangelt es

Das Hauptproblem: Die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen haben Rumänien verlassen. Verständlich, sagt der junge Arzt: "Vor allem Krankenhäuser abseits der großen Kliniken arbeiten oft mit fehlender Ausrüstung."

Seit Jahren leiden Rumänien und Bulgarien, die beiden ärmsten Länder der EU an einem massiven Mangel an Ärztinnen und Ärzten. Die meisten von ihnen sind nach Deutschland oder in andere westliche EU-Staaten ausgewandert, seit 2007 waren es mehr als 53.000.

Einige Intensivmediziner sind schon im Rentenalter

Experten für Intensivmedizin zufolge gibt es im Land derzeit noch rund 1000 Intensivärztinnen und -ärzte, für eine Bevölkerung von rund 19 Millionen Menschen.

Schon während der ersten Corona-Welle im Mai hatte Dorel Sandesc, Vorsitzender der rumänischen Gesellschaft für Intensivmedizin, auf die dramatische Lage im Land hingewiesen. "Die aktuelle Zahl von Intensivmedizinern umfasst auch Ärztinnen und Ärzte im Rentenalter, die nicht in dem riskanten Corona-Bereich arbeiten dürfen", so der Professor. Heißt: Im Intensivbereich der Kliniken arbeiten weniger als die genannten 1000.

Ein Kind wird von Pflegepersonal im rumänischen Timisoara versorgt | Bildquelle: AFP
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Im Intensivbereich rumänischer Krankenhäuser ist der Mangel an Ärzten besonders eklatant.

Wenn die Spezialisten selbst erkranken

Dramatisch ist die Lage auch im Nachbarland Bulgarien. Auch dort gibt es zu wenige Intensivmediziner, und selbst von ihnen haben sich viele selbst mit Corona infiziert haben und fallen über Tage oder länger aus.

Inzwischen hat das bulgarische Gesundheitsministerium Medizinstudierende im letzten Studienjahr dazu aufgerufen, sich bei den Covid-19-Stationen der Kliniken zu melden, um das Fachpersonal dort zu unterstützen.

Hilft eine Mediziner-Abfindung?

Um den Ärzte-Exodus aus Rumänien grundsätzlich zu stoppen, sieht Sandesc vor allem die EU in der Pflicht, man müsse dringend über eine Abfindung für Mediziner reden. Heißt: Länder, in die die Ärztinnen und Ärzte abwandern, müssten pro Mediziner eine Gebühr an den rumänischen Staat zahlen. "So viel Solidarität muss innerhalb der EU möglich sein", sagte Sandesc im Mai der ARD. Mit dem Geld könnten Ärztegehälter aufgestockt werden.

Es müsse gelingen, Ärzte zum Bleiben zu bewegen, sagt auch der junge Notfallmediziner Dumitrașcu am Landkreis-Krankenhaus in Alexandria. Er weiß: Wer einmal weg ist, kommt nicht wieder.

Ein Patient wird beatmet | Bildquelle: ARD-Studio Wien
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Ärztemangel ist das eine Problem in Rumänien, Mangel an medizinischer Ausrüstung ein weiteres.

Die Betten werden knapp

Schon muss er sich um den nächsten Corona-Patienten kümmern, ein älterer Herr muss ans Beatmungsgerät angeschlossen werden. Zwei Drittel der Intensivbetten in Rumänien sind bereits belegt, die Zahl der Intensivpatienten steigt weiter. "Wir hatten schon den Fall, dass erst ein Bett frei werden musste, bevor wir neue Patienten aufnehmen konnten."

Lange werden er und sein kleines Team in der Notaufnahme dem enormen Druck nicht mehr Stand halten, sagt Dumitrașcu. Vor zwei Wochen hatten sie einen Warnstreik ausgerufen. Allerdings, ohne die Arbeit dafür niederzulegen. Denn das hätten einige Patienten womöglich nicht überlebt.

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