Behälter mit Uranhexaflourid werden in Novouralsk gelagert | Bildquelle: picture alliance/dpa

Deutscher Atommüll in Russland Protest gegen die "Uran-Zöpfe"

Stand: 28.09.2020 14:51 Uhr

Deutschland löst einen Teil seines Atommüllproblems durch den Export von Abfallprodukten nach Russland - zur Wiederaufbereitung. Umweltschützer kritisieren. dass der Müll im Land bleibe.

Von Palina Milling, ARD-Studio Moskau, zurzeit Köln

"Russland ist keine Mülldeponie", schreiben Greenpeace-Aktivisten in ihrer aktuellen Petition. Sie lehnen sich gegen deutsche Atommüll-Transporte auf und sind alarmiert. Erst vor kurzem traf wieder eine Ladung in der Nähe von St. Petersburg ein. Und sie sei größer als frühere gewesen, sagt Greenpeace-Aktivist Raschid Alimow: 

"In einem Brief des Bundesumweltministeriums, der an die Aktivisten in Deutschland weitergeleitet wurde, wird von 900 Tonnen pro Lieferung gesprochen, nicht von 600, wie es in den früheren offiziellen Schreiben hieß. Diese Transporte werden ungefähr alle drei Wochen aus Deutschland entsandt."

Vertrag und Wirklichkeit

Geliefert wird zum Beispiel Uranhexafluorid, das in Atomreaktoren eingesetzt wird. Nach der Verwendung, abgereichert, wird er abtransportiert. Er wird als Wertstoff behandelt.  

So soll es im Vertrag zwischen dem Unternehmen Urenco aus Nordrhein-Westfalen und dem russischen Uran-Händler Techsnabexport stehen. Eigentlich müsste das Uranhexafluorid in Russland wiederaufbereitet und nach Deutschland zurückgeführt werden. Das geschehe aber nicht, beklagt Alimow:

"Wenn Sie die Mengen zusammenzählen, ist es klar, dass das meiste, was importiert wird, in Russland bleibt. Nach Angaben der deutschen Bundesbehörden hat es außerdem bislang keinen einzigen Rücktransport dieses Urans nach Deutschland gegeben."

Behälter mit Uranhexaflourid werden in Novouralsk gelagert | Bildquelle: picture alliance/dpa
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In Novouralsk werden Fässer mit Uranhexaflourid gelagert - die Anlage ist eine der ältesten Atomfabriken des Landes.

Kritik an den "Uran-Zöpfen"

Deshalb sehen die Umweltschützer die Lieferungen als Transporte von Atommüll an. "Uran-Zöpfe" werden sie auch genannt, Abfall-Produkte der Anreicherung. Die hochgiftig und radioaktiv sind, sagt Andrej Oscharowskij von der Umweltschutzorganisation "BezRao":

"Wenn Uranhexafluorid in Kontakt mit Wasser tritt oder mit Luftfeuchtigkeit, entsteht Flusssäure, eine giftige Substanz, die auch die Umgebung verseuchen kann. Es enthält Uran, ein natürliches Isotop. Bei einem Unfall wären große Gebiete kontaminiert, also auch Lebensmittel oder Wasser wären verschmutzt."

Lagerung unter freiem Himmel

Laut Greenpeace nehmen in Russland vier Betriebe die Abfälle auf. Die Aktivisten erzählen, sie würden dort alles andere als sicher verwahrt: "Sie werden unter freiem Himmel gelagert. Zum Beispiel in Stahlfässern. Das kann man vom Weltraum aus sehen - auf Satellitenbildern."

Die deutschen "Uran-Zöpfe" sind nur ein Teil des radioaktiven Mülls. Russland stellt Atomwaffen her und betreibt selbst Kernkraftwerke. Die Abfälle davon - mit verschiedener Radioaktivität und Herkunft - werden auf Deponien im ganzen Land eingelagert. Insgesamt sind das mehr als acht Millionen Kubikmeter.  

Putin amüsiert sich

Dabei wird die Kernkraft in Russland als saubere Energie angesehen. Die AKW produzieren knapp 20 Prozent der Energie des Landes. Über den deutschen Ausstieg aus der Atomkraft witzelt Präsident Wladimir Putin sogar:

"Ich habe mal bei einem Auftritt in Deutschland gesagt, 'Ihr macht die Kernkraftwerke dicht. Das Gas bei uns wollt Ihr auch nicht kaufen. Wie wollt Ihr heizen? Mit Holz? Aber auch Brennholz habt Ihr nicht - man muss es in Sibirien holen.' Das ist ein Witz, natürlich, aber das Problem ist ja real."

Man wolle in Europa nicht einsehen, dass die Kernkraft saubere Energie sei, sagt Putin. Doch bis in Russland selbst eine Technologie ausgereift ist, um den Atommüll loszuwerden und die Kernkraft wirklich sauber zu machen, wird es dauern. Erst bis 2080 soll zum Beispiel das angehäufte Uranhexafluorid verarbeitet sein.  

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. September 2020 um 14:00 Uhr.

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