Ein Wissenschaftler bereitet Proben eines Impfstoffs gegen Covid-19 in einem Labor in Sankt Petersburg, Russland, am 11. Juni 2020 vor | Bildquelle: REUTERS

Kritik an russischem Corona-Impfstoff "Hochriskantes Experiment"

Stand: 11.08.2020 18:47 Uhr

Der erste Corona-Impfstoff weltweit ist zugelassen - diese Meldung kam heute aus Russland. International stößt das Vorgehen aber bei Regierungen und Medizinern auf Kritik, denn der Impfstoff ist nicht ausreichend getestet.

Nach der Zulassung des weltweit ersten Corona-Impfstoffs in Russland haben Regierungen und Experten international Kritik geübt. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums sagte den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland, zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des russischen Impfstoffs seien keine Daten bekannt.

"Es muss ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis des Impfstoffs nachgewiesen werden, bevor er in der Breite angewendet werden kann." In der EU gelte, dass der Patientensicherheit "höchste Priorität" zukomme. Das Ministerium führt den Angaben zufolge derzeit keine Gespräche mit russischen Stellen zu dem Impfstoff.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, warnte vor überstürztem Handeln. Es sei auch in der aktuellen Pandemiesituation zwingend erforderlich, dass alle Prüfungen und Bewertungen mit der gleichen Sorgfalt erfolgen wie bei anderen Impfstoffen, sagte PEI-Präsident Klaus Cichutek in einem Statement auf YouTube.

Bei der Zulassung des Corona-Impfstoffs in Russland seien geringe Transparenz und nach bisherigen Informationen auch fehlende Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten aus klinischen Prüfungen an mehreren Tausend Probanden zu bemängeln. Die Zulassung sei daher mit Vorsicht zu betrachten, so Cichutek.

Internationale Kritik an Russland wegen Corona-Impfstoff-Zulassung
tagesschau 20:00 Uhr, 11.08.2020, Jo Angerer, ARD Moskau

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Populistische Maßnahme?

Auch Mediziner sind skeptisch. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, nannte die Zulassung des Impfstoffs "ein hochriskantes Experiment am Menschen". Es dränge sich der Eindruck auf, dass es sich um eine populistische Maßnahme eines autoritär regierten Staates handele, der der Weltgemeinschaft seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit demonstrieren möchte, so Reinhardt in der "Rheinischen Post". "Es ist unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen."

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor bekannt gegeben, dass ein Corona-Impfstoff zugelassen werde, dessen sogenannte dritte Testphase noch nicht abgeschlossen ist. Diese dauert normalerweise mehrere Monate und umfasst mehrere Tausend Versuchspersonen.

Der experimentelle russische Impfstoff wurde vom Moskauer Gamaleja-Institut entwickelt und vor nicht einmal zwei Monaten erstmals an ein paar Dutzend Freiwilligen getestet. Bislang wurden keine wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlicht. Den russischen Gesundheitsbehörden zufolge sollen medizinisches Personal, Lehrer und andere Risikogruppen als erste geimpft werden. Putin gab an, eine seiner Töchter sei schon geimpft worden und fühle sich gut.

Kritik aus den USA

Warnungen vor dem Impfstoff kamen auch aus den USA. "Es kommt nicht darauf an, der erste mit einem Impfstoff zu sein. Es kommt darauf an, einen Impfstoff zu haben, der sicher und effektiv ist, für das amerikanische Volk und die Bevölkerung der Welt", so US-Gesundheitsminister Alex Azar.

Renommierte US-Mediziner sehen das ähnlich: "Behauptungen, einen Impfstoff zu haben, der verbreitet eingesetzt werden kann, bevor man testet, ist nach meiner Ansicht bestenfalls problematisch", sagte Anthony Fauci, der Topexperte für Infektionskrankheiten in den USA. Dem schloss sich Scott Gottlieb, der frühere Chef der Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel-Sicherheit (FDA), im US-Fernsehen an: "Aktuell würde ich ihn nicht nehmen, ganz sicher nicht außerhalb einer klinischen Versuchsreihe."

Lawrence Gostin, Experte für globale Gesundheitsgesetze an der Georgetown University in Washington, zeigte sich besorgt, dass Russland beim Verfahren wichtige Schritte übergehe und "der daraus hervorgehende Impfstoff vielleicht nicht nur unwirksam, sondern auch nicht sicher ist."

Israel prüft

Israel zeigte hingegen Interesse an dem russischen Impfstoff, der international unter den Namen "Sputnik V" vermarktet werden soll. Der israelische Gesundheitsminister Juli Edelstein sagte, es gebe bereits Beratungen.

"Wenn wir zu der Überzeugung gelangen, dass es sich um ein ernsthaftes Produkt handelt, werden wir auch versuchen, Verhandlungen aufzunehmen", sagte Edelstein nach einem Bericht der Nachrichtenseite "ynet". Er wolle aber niemandem Illusionen machen: "Der Impfstoff wird nicht morgen kommen."

WHO erinnert an internationale Standards

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass potenzielle Impfstoffe stets durch alle Testphasen gehen müssten, bevor sie auf den Markt kämen. "Es gibt etablierte Praktiken und Richtlinien", sagte Sprecher Christian Lindmeier.

Damit ein Impfstoff in Deutschland eingesetzt werden kann, benötigt er eine behördliche Zulassung. National ist dafür das PEI zuständig. Alternativ kann eine zentrale europäische Zulassung durch die EU-Kommission erteilt werden. Sie wird unter Mitwirkung des PEI von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA koordiniert.

Derzeit laufen weltweit mehr als 170 Impfstoffprojekte, aber nur sechs befinden sich nach Angaben der WHO in der fortgeschrittenen dritten Phase der klinischen Prüfung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. August 2020 um 18:00 Uhr.

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