Hintergrund

Russische S-400-Raketen bei einer Militärparade in Moskau | Bildquelle: AFP

Russisches S-400-System Raketenabwehr mit Spaltungspotenzial

Stand: 14.06.2019 04:06 Uhr

Das russische Luftabwehrsystem S-400 ist eine Vielzweckwaffe. Es ist westlichen Systemen deutlich überlegen und steht auf der Einkaufsliste zahlreicher Staaten. Die Kaufabsicht der Türkei löst schweren Streit in der NATO aus.

Das russische Luftabwehrsystem S-400 hat sich in den vergangenen Jahren auf dem Rüstungsmarkt zu einer Art Verkaufsschlager entwickelt. Zahlreiche Staaten haben es erworben oder beabsichtigen, es zu kaufen, darunter China, Saudi-Arabien, Indien und Katar. Der prominenteste und für die NATO heikelste Fall ist die Türkei.

Das S-400-System kann gleichzeitig 36 Ziele in einem Radius von 400 Kilometern und bis in eine Höhe von 27 Kilometern treffen - für viele Staaten bedeutet das eine erhebliche Ausweitung ihrer Verteidigungsfähigkeit. S-400 hat damit eine größere Reichweite als das US-amerikanische Patriot-System, das über einen Radius von nur 100 Kilometern verfügt.

Russisches S-400-System auf einer Basis in Syrien | Bildquelle: dpa
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Bislang war das S-400-System noch nicht im Kampfeinsatz. Russland stationierte es aber auf einem Stützpunkt in Syrien.

Tarnkappenbomber werden verwundbar

Das russische System ist nicht nur auf die Abwehr von Raketen oder Flugzeugen ausgelegt, es kann alle Arten von Flugobjekten treffen. Auch das unterscheidet es von Konkurrenzsystemen, die entweder für die Bekämpfung von Raketen oder Flugzeugen gedacht sind. Besonders problematisch für die NATO-Staaten ist, dass S-400 auch Tarnkappenflugzeuge wie die amerikanische F-35 angreifen kann.

Das russische System ist obendrein außerordentlich mobil und schnell. Es kann innerhalb weniger Minuten auf nahezu jeder Art von Straße eingesetzt werden. Fachleute wie Siemon Wezeman vom Stockholmer SIPRI-Institut bezeichnen es deshalb als eines der besten Systeme, die es auf dem Rüstungsmarkt gibt.

Was den Nachbarn missfällt

Da es die Verteidigungsfähigkeit eines Landes erheblich verändert und erhöht, ist nahezu zwangsläufig, dass jede Kaufvereinbarung von Nachbarländern misstrauisch beäugt wird. So haben Katars Überlegungen, das System zu erwerben, zu zusätzlichen Spannungen mit Saudi-Arabien geführt, das selbst an einen Kauf denkt.

Kein Verkaufsabschluss hatte aber so einschneidende Folgen wie der Deal zwischen Russland und der Türkei. Die USA stoppten nach einem Ultimatum die Ausbildung türkischer Piloten an dem F-35-Kampfjet. Auch milliardenschwere Zulieferverträge mit türkischen Unternehmen für die F-35-Produktion stehen zur Disposition. Unklar ist auch, ob die von der Türkei bestellten 100 F-35-Jets am Ende ausgeliefert werden.

Die USA befürchten, dass Russland über die Einbindung der S-400 in das NATO-System einen tiefen Einblick in die Funktionsweise der F-35 und darüber - zum Beispiel durch russisches Wartungspersonal - indirekten Zugriff auf NATO-Daten bekommen wird. Im schlimmsten Fall, kritisieren amerikanische Militärexperten, werde die Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses geschwächt.

Russisches S-400-Sytem bei Kalinigrad | Bildquelle: REUTERS
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In Russland ist die S-400 unter anderem in der Enklave Kaliningrad stationiert.

Präzedenzfall Griechenland?

Sollte die Türkei hart bleiben, wäre es aber nicht das erste Mal, dass ein NATO-Staat russische Militärtechnik erwirbt. 2006 übernahm Griechenland von Zypern das Vorgängermodell S-300 und baute es in sein Verteidigungssystem ein. Auch andere Rüstungstechnik wie Panzerabwehrraketen und Luftkissenboote kaufte die griechische Regierung in den vergangenen Jahren in Russland. Keines aber gilt als so entwickelt wie das S-400-System.

Russland rechnet in den kommenden Jahren mit Milliardeneinnahmen durch das S-400-System. Die westlichen Konkurrenten drohen dagegen lukrative Märkte zu verlieren. Gravierender aber dürften die politischen Folgen sein. Die Unstimmigkeiten innerhalb der NATO nehmen zu, während Russlands Einfluss in vielen Regionen wächst.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Januar 2019 um 08:00 Uhr in Informationen am Morgen.

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