Russlands Präsident Wladimir Putin | Bildquelle: AFP

Gerüchte in Russland Steht Putin vor dem Rücktritt?

Stand: 30.11.2020 06:00 Uhr

Seit Wochen wird in Moskau über einen möglichen Amtsverzicht des russischen Präsidenten getuschelt. Das Staatsoberhaupt sei schwer erkrankt, heißt es. Der Kreml dementiert.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Für den Historiker und früheren Professor der Moskauer Diplomatenkaderschmiede MGIMO, Walerij Solowej, gibt es keinen Zweifel: Anfang des Jahres werde sich in Russland vieles ändern. "Wladimir Putin will im Januar seine Pläne für den Machttransit bekannt geben", behauptet er. "Es geht um einen umfangreichen Kaderwechsel."

Die Chefin der Zentralbank werde gehen, erklärt Solowej im Gespräch mit dem Sender "Echo Moskvy". Der Regierungschef. Und: der Präsident selbst. Wladimir Putin habe dies seiner Familie versprochen, behauptet der Putin-Kritiker, der sich gern als Insider präsentiert. Zu denen, die Einfluss haben, gehören seiner Meinung nach Alina Kabajewa, seine Töchter und einige ihm sehr nahe stehende Freunde.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. | Bildquelle: REUTERS
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Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnet die Gerüchte als "totalen Quatsch".

Parkinson, Krebs, Antidepressiva

Das alles passiere natürlich nicht ohne Grund. Sondern, weil Putin schwer krank sei. Als Beweis führt Solowej den Telegram-Kanal "General SWR" an, der angeblich von Ex-Geheimdienstlern geführt wird. Dort findet sich ein Eintrag, der besagt, dass Präsident Putin mit Medikamenten gegen Parkinson behandelt werde. Er bekomme Antidepressiva und unterziehe sich einer Krebs-Therapie.

Also nicht Entweder-oder, sondern alles auf einmal. Als sie das gehört habe, sagt die regierungskritische Journalistin Julia Latynina kopfschüttelnd, habe sie große Augen gemacht. Jeder wisse, dass der Kreml eine Blackbox sei. Gerade bei den Themen Familie und Gesundheit. Sie glaubt, dass Solowej die Geschichte nur aufgebracht hat, damit geredet werde.

Über Putin. Und über Solowej, dessen Insiderwissen inzwischen allerdings von vielen öffentlich in Zweifel gezogen wird. Auch der Politologe Stanislaw Belkowskij hält das Ganze für ein Märchen, das sich nun vor allem im Ausland verbreite. Frei nach dem Motto: wo Rauch ist, muss doch irgendwo auch Feuer sein …

Das wichtigste Husten des Landes

Jeder Auftritt von Wladimir Putin wird nun also analysiert. Als der Präsident Mitte November während einer öffentlich übertragenen Video-Schalte mit Regierungsvertretern husten muss, hätten bei vielen Medien gleich die Alarmglocken geschrillt, kommentiert Julia Taratuta im unabhängigen Sender "Doschd" voller Ironie: Es sei immerhin der Husten des ersten Mannes im Staat. Also quasi der wichtigste Husten des Landes.

Und dann zählt sie auf, was man bei Putin in der Vergangenheit schon alles ferndiagnostiziert hat: von Wirbelschäden über das Asperger-Syndrom bis hin zu Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Neben Mimik und Gestik wird auch genau beobachtet, wie oft Putin seine Vorstadt-Residenz verlässt. Er sei nur noch selten in der Öffentlichkeit zu sehen, heißt es bedeutungsschwanger. Was allerdings auch mit der akuten Corona-Krise zusammenhängen könnte.

Neues Immunitätsgesetz

Aber da sind ja auch noch die anderen Indizien: Die vielen Rückblicke auf Putins Jahre an der Macht, die das Staatsfernsehen seit Wochen zeigt. Seine besten Witze, nie gezeigte Bilder aus seinem Privatarchiv, seltene Bilder aus dem Kreml.  

Oder aber das Gesetz über die Immunität des Präsidenten und seiner Familie nach dem Ende seiner Amtszeit. Das, wie der Parlamentarier Pawel Krascheninnikow sagt, extrem wichtig sei, um Racheakten vorzubeugen. Damit keiner aus wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Motiven auf die Idee komme, diese Person rechtlich in irgendeiner Form zu verfolgen.

Test des Kreml?

Und dann sind da noch die Gesetzesentwürfe, die gerade ins Parlament eingebracht werden. Die allesamt dazu dienen könnten, in der politischen Übergangszeit etwaige Gegner und Kritiker im Zaum zu halten: im Netz, auf der Straße oder auf der Ebene von Medien und Nichtregierungsorganisationen. Auch der Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Nawalny passe da gut ins Bild, findet Polit-Beobachter Solowej. 

Es gebe nichts zu kommentieren, kommentiert Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow all das: Es sei totaler Quatsch. Dem Präsidenten gehe es gut. Er habe nicht vor zurückzutreten. Er sei topfit.

Vielleicht, philosophiert die Journalistin Julia Taratuta, gehe es ja auch nur um einen Test des Kreml. Um zu sehen, wer loyal bleibe und wer sich in einen vermeintlichen Nachfolgekampf stürze. In dem, das nur um die Gerüchte zu vervollständigen, auch Putins Tochter eine Rolle spielen soll.

Die Gerüchteküche brodelt: Ist Putin krank und gibt die Macht ab?
Christina Nagel, ARD Moskau
30.11.2020 06:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. November 2020 um 10:50 Uhr.

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