Fans feiern auf der Nikolskaja | Bildquelle: dpa

Russlands neue Ausgelassenheit "Jetzt lächeln alle"

Stand: 23.06.2018 11:36 Uhr

Deutschland hatte 2006 das Sommermärchen - erlebt Russland bei der WM nun etwas Ähnliches? Zumindest ist die Stimmung im Gastgeberland ausgelassen wie selten. Selbst die Polizei macht mit.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Irina weiß noch gar nicht, wie ihr geschieht. Erst verheddert sich das Bändchen des bunt bestickten mexikanischen Sombreros in ihrer Sonnenbrille, dann kann sich die Russin Mitte 30 gar nicht entscheiden, in welche der vielen Handykameras sie schauen soll, die auf sie gerichtet sind. Lächelnde Russin mit Sombrero - ein häufiges Motiv dieser Tage in Moskau.

Beim Fußball freundet man sich schnell an und ist gleich beim Vornamen. Der mexikanische Fan, der den Sombrero mitgebracht hat, steht stolz im grünen Trikot seiner Nationalmannschaft daneben und strahlt über beide Wangen. Vermutlich hat er schon Hunderte Male seinen Hut für ein Foto ausgeliehen, in diesen verrückten Tagen in Moskau.

Fussball-Fans tragen Sombreros. | Bildquelle: REUTERS
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Moskau scheint fest in der Hand mexikanischer Fans - überall in der Hauptstadt sieht man ihre Sombreros.

Der Sombrero ist überall

Die Mexikaner geben unter den Fans in Moskau den Ton an. Fans keines anderen Landes scheinen so zahlreich, so auffällig einheitlich mit Sombrero und Trikot gekleidet und so ausgelassen singend durch Moskau zu ziehen. Irinas Mann Aidar steht lächelnd daneben. Er ist stolz auf sein Russland als Ausrichter der WM. "Dass die Leute alle zu uns kommen und so fröhlich sind, das ist das Allerwichtigste. Es ist ein großes Fußballfest!" Irina, die sich von ihrer Sombrero-Fotosession wieder loseisen konnte, ergänzt: "Es stimmt, dass Russen sonst eher ernsthafter sind, das ist jetzt anders. Jetzt lächeln alle!" Warum das so sei? "Weil so viele gut gelaunte Fans zu uns gekommen sind!" Und schon unterbricht ein verrückt tanzender Fan aus Marokko das Gespräch, Irina schaut erst irritiert und muss dann laut lachen.

Fußball scheint den Russen eine neue Freiheit und Ausgelassenheit zu entlocken, die Sorgen des Alltags sind verdrängt. Zum Beispiel die geplante Erhöhung des Rentenalters, die ausgerechnet kurz vor der WM-Eröffnung angekündigt wurde. "Ein schmerzhaftes Thema", sagt Aidar. Wir sollten doch lieber weiter über Fußball reden.

Ausgelassen wie sonst nur an Neujahr

Die Nikolskaja-Straße direkt neben dem Roten Platz und dem berühmten Einkaufszentrum "GUM" ist bei Touristen immer beliebt, doch sonst eher eine verhältnismäßig ruhige Flanierstraße. Jetzt ist sie ein Ort der Begegnungen, inoffizieller Treffpunkt von Fans aus aller Welt und interessierter Russen. Zeitweise ist die "Nikolskaja" so voll, dass man kaum noch durchkommt. Fans tanzen und hüpfen zu grölenden Fußballgesängen, alles friedlich, fröhlich, frei. So ausgelassen gibt es diese Straße sonst nur an Neujahr.

Ein Fussball-Fan und zwei berittene Polizisten in Moskau. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Auch die russische Polizei lässt sich von der neuen Lockerheit anstecken - zumindest teilweise.

Das Erstaunlichste: Die russische Polizei steht gelassen daneben - und lässt einiges mit sich machen. Mexikanische Fans haben Polizisten schon ihren Sombrero aufgesetzt, ein Foto kursiert davon im Internet. Zwei Beamte der Touristenpolizei geben sogar ein Interview. "Wir achten auf die Leute und auf die öffentliche Ordnung. Da gibt es keinen Grund, mit einem traurigen Gesicht herumzulaufen, sagt Polizistin Irina. Ihr Kollege Maxim ergänzt: "Wir sind das Gesicht unseres Landes, die Leute gucken uns an." Möglicherweise hat man diese Touristenpolizisten vor der WM noch einmal gut geschult. Denn Russland will sich von seiner schönsten Seite präsentieren.

Zwei deutsche Fussball-Fans feiern auf dem roten Platz. | Bildquelle: dpa
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"Come on, let's drink." Die deutschen Fans Michael und Markus auf dem Roten Platz.

Fans feiern auf der Nikolskaja.
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Immer wieder werden sie wegen ihrer auffälligen Jacken angesprochen und fotografiert.

"Sehr offen und sehr fröhlich"

Auch die deutschen Fans Michael und Markus König werden in der "Nikolskaja" ständig um Fotos gebeten. Die Zwillinge aus Gießen und Friedberg haben sich weiße Jacketts mit den deutschen Nationalfarben besorgt. "Sehr, sehr offen und sehr, sehr fröhlich" seien die Russen, sagt Michael. Wenn sie nach dem Geldautomaten fragten, würden sie immer gleich direkt dorthin begleitet. "Oder gerade kam da ein Russe an, holte erst mal zwei Wodka raus und sagte: Come on, l​et's drink!"

Auch Nikolaj schießt mit seinem Fotoapparat ein Foto nach dem anderen von den beiden Deutschen. Der Rentner hat die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben und kommt von Michael und Markus gar nicht mehr weg. "Eine sehr originelle Jacke", sagt er auf Russisch. "Ich habe mir das gleich gemerkt. Bei der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft lasse ich mir auch so eine Jacke nähen, um aus der Menschenmenge hervorzustechen." Der Rentner möchte dann noch zwei deutsche Worte loswerden: "Alles Gute!" Kleine Brocken, der er bei Messebesuchen in Köln aufgeschnappt hat. Nikolaj wirkt wie voller Glück, Deutsche getroffen zu haben.

Mit einem Bodypaint in den Farben der russischen Mannschaft posiert Rigobert Youmbi aus Kamerun vor dem Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft 2018 im Luschniki-Stadion in Moskau | Bildquelle: AP
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Mit einem Bodypaint in den Farben der russischen Mannschaft posiert Rigobert Youmbi aus Kamerun vor dem Eröffnungsspiel.

Kritiker werden weiter verfolgt

Verändert die WM die Russen? Oder entlockt sie ihnen nur eine eigentlich Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, die im Alltag lediglich verdeckt ist? Für die einen ist es der Stolz, das ramponierte Image der Russen in der Welt durch die Begegnung mit den Fans etwas aufzubessern. Für die anderen vielleicht eher Erleichterung, die Politik einmal ausblenden zu können. Denn natürlich ist die neue Ausgelassenheit auf den Sport beschränkt.

Ein Oppositionspolitiker, der ein Plakat gegen die Rentenreform vor dem russischen Parlament hochhielt, wurde festgenommen. Radikalere Fußballfans, die das fröhliche Spiel stören könnten, haben die Sicherheitskräfte schon vor der WM mit erheblichem Druck aufgefordert, den Innenstädten fernzubleiben. Doch daran will jetzt hier in der "Nikolskaja" niemand denken.

Auf einer Bank ein paar Straßen weiter sitzen zwei ältere Damen und schauen dem Fantreiben zu. Sie haben ein Lächeln auf den Lippen, freuen sich über so viel Fröhlichkeit. Die Stimmung erinnert sie an ein großes Jugendfestival in den 1950er-Jahren. "Die russische Seele ist immer offen. Wenn Sie mit Offenheit auf uns zukommen, dann begegnen wir auch Ihnen mit offenem Herzen."

Über dieses Thema berichteten am 14. Juni 2018 die tagesschau um 12:00 Uhr und 20:00 Uhr, tagesschau24 um 15:00 Uhr, 16:00 Uhr sowie um 18:00 Uhr und das Nachtmagazin um 00:18 Uhr.

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