Gorbatschow wird 90 Weltweit verehrt, daheim ignoriert

Stand: 02.03.2021 10:44 Uhr

In Deutschland gilt er als Vater der Wiedervereinigung, daheim in Russland stößt er auf Ablehnung: Der letzte sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow feiert seinen 90. Geburtstag.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau

Glasnost und Perestroika, das Ende des kalten Krieges, die deutsche Wiedervereinigung - aber auch die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl und der Zusammenbruch der Sowjetunion: Es sind weltbewegende Ereignisse, die mit dem Namen Michail Gorbatschow verbunden werden. Große Anerkennung wird "Gorbi", wie er in Deutschland liebevoll genannt wird, in Russland nicht zuteil.

Präsident Wladimir Putin hatte dessen politisches Erbe schon vor Jahren auf einen einzigen Scherbenhaufen reduziert: "Der Zusammenbruch der UdSSR war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Für das russische Volk ist das zu einem echten Drama geworden."

1/14

Michail Gorbatschow: Ein politisches Leben in Bildern

Michail Gorbatschow

Sein Name steht wie kein anderer für den Fall des Eisernen Vorhangs und für die Annäherung zwischen Ost und West - Michail Gorbatschow. Nun wird der letzte Staatschef der UdSSR 90 Jahre alt. | Bildquelle: imago images/Everett Collection

Ablehnung oder Gleichgültigkeit in Russland

Viele Russen, die die Zeit miterlebt haben, verbinden damit Mangelwirtschaft und Verarmung. Gleichgültig bis ablehnend stehen Gorbatschow heute die meisten seiner Landsleute gegenüber: "Mir ist er eher negativ im Gedächtnis geblieben. Weil ich weiß, dass unter ihm die Sowjetunion letztendlich zusammengebrochen ist." "Man hört nicht viel von ihm und ich weiß auch nicht, was er macht, ehrlich gesagt. Ab und zu lese ich über Gorbatschow im Internet, aber nicht so oft."

Gorbatschow lebt zurückgezogen in der Nähe von Moskau. Er ist gesundheitlich angeschlagen, leidet an Diabetes. Rückblickend betrachtet er seine Politik der Perestroika als größte Errungenschaft seines Lebens. Nicht nur die Haltung der Menschen in Russland habe sich dadurch verändert, sondern atomare Abrüstung und mehr Sicherheit für die gesamte Welt seien dadurch ermöglicht worden, sagte er vor wenigen Tagen in einem Interview mit der russischen Agentur Interfax.

Furcht vor atomarem Aufrüsten

Letztendlich habe das die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht, resümierte Gorbatschow in einer Videoansprache zum 30. Jahrestag im Oktober vergangenen Jahres: "Der erste Anstoß für diesen Prozess ging von den Veränderungen aus, die in der Sowjetunion begannen - Perestroika und Glasnost. Unser Volk hatte die Freiheit gewonnen und das Recht, seine Führer zu wählen und die Politik wirklich zu beeinflussen. Und nachdem wir ihnen diese Rechte und Freiheiten gegeben hatten, konnten wir die Bestrebungen der Völker der Nachbarländer nicht behindern."

Besondere Sorge bereitet Gorbatschow heute das angespannte Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Man müsse alles dafür tun, ein erneutes atomares Aufrüsten zu verhindern. Zwar reagierte der Friedensnobelpreisträger unlängst mit Erleichterung darauf, dass unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden wenigstens der New-Start-Vertrag, das letzte große nukleare Abrüstungsabkommen, verlängert werden konnte. Putin und Biden sollten sich jedoch bald treffen, forderte Gorbatschow in einem Interview vor wenigen Tagen. Wenn man offen aufeinander zugehe, sei schon vieles gewonnen.

Putin will gratulieren

Das Bemühen um atomare Abrüstung ist eine von wenigen Gemeinsamkeiten zwischen Gorbatschow und dem jetzigen Kremlchef Putin. Gorbatschow pflegt ein distanziertes Verhältnis zum russischen Präsidenten und hält sich mit Kritik an Demokratiedefiziten nicht zurück. Trotz aller Differenzen will ihm Putin zum 90. Geburtstag gratulieren, so dessen Sprecher Peskow: "Ich habe keinen Zweifel, dass der Präsident Michail Sergejewitsch gratulieren und ihm gute Gesundheit wünschen wird. Wir werden Sie wissen lassen, wie es sein wird."

Der letzte sowjetische Staats- und Parteichef will seinen 90.Geburtstag bescheiden im engsten Kreis feiern. Glückwünsche kamen bereits aus Berlin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er dankte Gorbatschow für seine maßgebliche Rolle bei Zustandekommen der deutschen Einheit. Sein mutiges Wirken im Zeichen des Friedens und der Freiheit sei in Deutschland unvergessen.

Einer, der die Welt bewegte - Gorbatschow wird 90
Stephan Laack, WDR
02.03.2021 09:13 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. März 2021 um 06:11 Uhr.

Korrespondent

Stephan Laack Logo WDR

Stephan Laack, WDR

Darstellung: