Zelte im Camp | Bildquelle: Michael Lehmann, ARD-Studio Athe

Flüchtlinge auf Samos Angst vor dem Knall

Stand: 15.09.2019 16:32 Uhr

Seit auf Samos die Zahl der Neuankömmlinge aus der Türkei wieder steigt, wird die Versorgungslage auf der Insel immer schwieriger. Einheimische und Flüchtlinge fühlen sich von Athen und Brüssel im Stich gelassen.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen, zzt. Samos

Sie bauen sich ihre eigenen Hütten: Iraker, Palästinenser und viele Afrikaner tragen Holzstämme, Plastikplanen und andere Baumaterialien hoch aus Vathi, dem Hauptort der Insel Samos, ins wilde Camp am Registrierungszentrum. In und um den Ort, an dem laut offizieller Planung knapp 700 Menschen Platz finden sollten, leben inzwischen gut 5000.

Ein Mann transportiert Holzlatten. | Bildquelle: Michael Lehmann, ARD-Studio Athe
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Mit Holzlatten und Planen bauen sich die Flüchtlinge auf Samos Notbehausungen.

Leben in Notzelten

Familien, alleinreisende junge Männer und Schwangere wohnen in Notzelten, in kaum isolierten Hütten, zwischen Ratten, Essensresten, prallen schwarzen Mülltüten und auch Fäkalien. "Ein Meter Plastikplane hat fünf Euro gekostet", berichtet ein Iraker. "Meine Freunde dort im Nachbarzelt haben mir geholfen. Ich bin mit meinen Kindern und meiner Frau hierher auf die Insel geflohen. Zuletzt haben wir in einem engen Hotelzimmer bei Izmir gewohnt für 50 Euro die Nacht. Die türkische Polizei hat uns geschnappt und Geld verlangt."

Vor zehn Tagen ist der 40-Jährige, der anonym bleiben will, um sein Asylverfahren nicht zu gefährden, wie viele andere auch im August und September mit dem Schlauchboot aus der Türkei nach Samos gekommen. Kritik an den Zuständen im Camp kann die eigene Lage unsicherer machen. 1000 Euro pro Familienmitglied hätten die irakischen Migranten an ihre Schleuser in der Nähe von Izmir bezahlt, berichtet er. Dazu seien noch einmal 100 Euro als Versicherung gekommen, wie das die türkischen "Agenten" genannt hätten.

Vor ein paar Tagen gab es auf der Insel ein Unwetter mit heftigem Regen. Plötzlich war es kalt im Camp zwischen Felsen und Olivenbäumen. Die neu angekommenen Flüchtlinge haben nur wenig Sommerkleidung zum Wechseln. "Mäuse gibt es hier überall - so groß wie kleine Katzen", sagt der Iraker - und er meint die Ratten.

Zur Körperpflege steht ein Waschbecken mit kaltem Wasser zwischen den Zelten, daneben eine mit einer alten WC-Schüssel selbstgebaute Toilette. Die Abwasserleitung führt in einen Busch. "Wir haben im Irak Kämpfe, in Syrien ist Krieg. Die Menschen müssen hierher flüchten", sagt der Familienvater ernst.

Zelte im Camp | Bildquelle: Michael Lehmann, ARD-Studio Athe
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Rund um das Registrierungszentrum ist ein wildes Camp entstanden.

"Grenzen seit langem überschritten"

Der neugewählte Bürgermeister von Samos-Stadt, Georgios Stantzos, ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Er spricht mit freundlichem, aber entschlossenem Gesicht von unerträglichen Zuständen für die Flüchtlinge, sieht aber auch, was die eigene Bevölkerung speziell in Samos-Stadt seit 2015 mitmacht und inzwischen kaum noch ertragen kann: "Wir müssen uns von Tag zu Tag durchkämpfen mit dieser Lage", sagt er. "Sicherheitsleute und Bevölkerung bewahren halbwegs Ruhe. Aber ich kann nicht verheimlichen, dass wir das Schlimmste befürchten müssen, dass alles doch noch aus dem Ruder läuft."

Er hoffe, "dass das Glück weiter auf unserer Seite bleibt", sagt Stantzos. Die Menschen auf Samos seien gastfreundlich, aber durch die große Zahl von Migranten, die seit 2015 auf die Insel kamen, seien die Grenzen seit langem überschritten. "Die Migranten müssen deshalb runter von der Insel."

Flüchtlingsproteste gegen miserable Lebensbedingungnen auf der griechischen Insel Samos. | Bildquelle: Michael Lehmann
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Im Januar hatten viele Flüchtlinge gegen die Bedingungen auf der Insel protestiert.

Kaum medizinische Versorgung möglich

Nur gelegentlich kann ein Arzt im Flüchtlingscamp nach dringenden Notfällen schauen. Medikamente gibt es so gut wie keine. Das kleine Krankenhaus der Insel ist zunehmend überlastet. Selbst ein Syrer, der mit Bombensplittern in der Lunge dringend operiert werden müsste, wartet seit vielen Tagen auf einen Arzt.

"Im letzten Monat hatten wir 1200 Menschen, die neu nach Samos geflüchtet sind", sagt Bogdan Andrei von der Nichtregierungsorganisation "Samos Volunteers". "Da können Sie sich vorstellen, wieviel Arbeit es macht, die auch nur mit dem Nötigsten auf so einer relativ kleinen Insel zu versorgen."

Keine Hilfe von der neuen Regierung

Die inzwischen zur Regierungspartei gewählte "Nea Demokratia" hatte im Wahlkampf dieses Sommers eine schnelle Besserung der Zustände versprochen. Manos Stefanakis, Herausgeber der Zeitung "Samiakon Vima", der einzigen Zeitung auf Samos, kritisiert heftig, dass von den Versprechen bisher kein einziges umgesetzt sei.

"Die Mitglieder der neuen Regierung, die jetzt Minister sind, hatten uns vor der Wahl hier auf Samos besucht", sagt er. "Sie haben Lösungen, ganz neue Konzepte für die Flüchtlingsunterbringung versprochen. Gar nichts ist passiert." Der für Migration zuständige stellvertretende Minister für Bürgerschutz, Giorgos Koumoutsakos, sei wenige Tage vor der Wahl im Juli auf Samos gewesen und habe gesagt, man könne dafür sorgen, dass Boote sehr früh in der Türkei abgefangen werden. Das sei noch kein einziges Mal passiert.

Mit einem Zeppelin ließ die konservative Partei Samos aus der Luft erkunden, um ein klareres Bild vom Flüchtlingslager zu bekommen. Statt der daraufhin versprochenen Linderung der Probleme sind aber nur die Ankunftszahlen stark gestiegen. Jede Woche kommen einige hundert Menschen - viel zu viele für eine kleine Insel, sagt Stefanakis.

"Für 5000 Menschen zusätzlich auf unserer Insel jeden Tag frisches Wasser bereitzustellen, ist ein Problem. Im Gegensatz zu den Kykladen haben wir auf Samos zwar Quellen, aber für 5000 wird es echt eng. Dazu kommt der Abfall, den so viele Menschen zusätzlich machen - viele, viele Tonnen jeden Monat. Das alles ist kaum zu stemmen."

Müllsäcke liegen neben einer Mülltonne. | Bildquelle: Michael Lehmann, ARD-Studio Athe
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Die Infrastruktur der Insel ist inzwischen am Limit. Auch die Abfallentsorgung ist betroffen.

Erdogan droht mit weiteren Flüchtlingen

Die Kritik der Bewohner von Samos richtet sich nicht nur gegen die neue konservative Regierung. Auch von europäischen Institutionen fühlen sich die Menschen der dicht vor der Türkei liegenden Insel zunehmend alleine gelassen. Bürgermeister Stantzos fordert eine effektivere Überwachung der Grenze.

Diese sei extrem wichtig nach der jüngsten Drohung des türkischen Präsidenten: Recep Tayyip Erdogan hatte angekündigt, bald deutlich mehr syrische Flüchtlinge nach Griechenland zu schicken, wenn die Türkei nicht mehr finanzielle Unterstützung bekommt.

Der Druck in der Bevölkerung steigt

Unterdessen wird die Versorgungslage für die Flüchtlinge auf Samos immer schwieriger. Bis zu zwei Stunden lang müssen Migranten für ein Frühstück im Camp anstehen. Selbst Wasserflaschen sind immer wieder Mangelware. Noch sei die Lage halbwegs ausgependelt, sagt Stantzos. Die Menschen versuchten sich untereinander zu helfen - aber viele Einheimische ziehen sich in ihre eigenen vier Wände zurück, weil Spielplätze und Straßen des Hauptortes vor allem von Migranten besucht werden.

"Es könnte durch einen dummen Zufall bald eine Tragödie geben", befürchtet der Bürgermeister. "Der Druck in der Bevölkerung ist einfach auch gestiegen. Diese Tragödie könnte ein Unfall sein, oder wenn im Camp Feuer ausbricht - oder es könnte einen Aufstand geben, bei dem - Gott bewahre uns davor - alles dem Erdboden gleichgemacht würde."

Eine Warnung, die Stantzos erst am Ende seines Interviews mit dem ARD-Hörfunk vorsichtig ausspricht. Wie er hoffen viele Bewohner der Insel, dass dieses Mal doch einige Politiker und EU-Verantwortliche Ernst machen mit ihrem Versprechen: Griechenland besser zu unterstützen bei der Versorgung von immer mehr Menschen, die aus der Türkei nach Griechenland flüchten.

Flüchtlingscamp auf Samos - kurz vor dem Kollaps ?
Michael Lehmann, ARD Istanbul
15.09.2019 21:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR Fernsehen am 16. März 2019 um 18:45 Uhr in der Sendung "Aktuelle Stunde" sowie Deutschlandfunk Kultur am 12. September 2019 um 05:08 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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