Frau am Steuer ihres Autos

Reformen in Saudi-Arabien "Ich fahre Auto, in Dschidda!"

Stand: 24.06.2018 11:15 Uhr

Fast dreißig Jahre haben sie dafür gekämpft, ab heute ist es so weit: Frauen dürfen in Saudi-Arabien selbst Auto fahren. Sie sind begeistert - und kämpfen weiter.

Von Ute Brucker, SWR, z.Zt. in Dschidda

Dschidda, Punkt null Uhr an diesem historischen Tag für Saudi-Arabiens Frauen. Keine Sekunde länger wollen Dalal Kaaki und ihre Freundin Sahar Nasief warten. Gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer Frauen steigen sie in ihre Autos, starten und los geht’s!

Nach mehr als sechs Jahrzehnten Fahrverbot im sittenstrengsten Land der Welt rauschen die Damen ab in die nächtliche Stadt. Freudenjauchzer in jedem der Autos. "Ich bin so aufgeregt, so glücklich, es ist nicht zu fassen - ich fahre Auto, in Dschidda!"

Fahrverbot für Frauen in Saudi Arabien aufgehoben
tagesschau 20:00 Uhr, 24.06.2018, Ute Brucker, ARD Kairo zzt. in Riad

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Als Jugendliche Autofahren gelernt

Fahren kann die 57-jährige Dalal schon seit 40 Jahren. Ihr Vater ließ sie im Urlaub in Ägypten mit 17 das erste Mal ans Steuer. Später machte sie ihren Führerschein in Jordanien. Die 63-jährige Sahar Nasief sagt: "Mein Ex-Mann hat mir das Autofahren beigebracht, da war ich 14." Mit 15 heiratete sie, bekam sechs Kinder, ist aber längst geschieden. Überall auf der Welt sind die beiden Frauen schon Auto gefahren - nur nicht zu Hause in Saudi-Arabien.

Eine Frau präsentiert ihren Führerschein.
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Mit 17 brachte Dalal Taakis Vater ihr Autofahren bei.

Eine Frau präsentiert ihren Führerschein.
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Sahar Naseif saß mit 14 das erste Mal hinterm Steuer.

Fast dreißig Jahre Protest

1957 wurde das Autofahren für Frauen verboten, 1990 gab es dann die ersten Proteste gegen die rückständige Regelung. Damals war aber die Religionspolizei in Saudi-Arabien noch mächtig. Aktivistinnen setzten sich ans Steuer, ließen sich dabei filmen - und wurden prompt festgenommen.

2011 und 2013 dann ein neuer Anlauf: Jüngere Frauen starteten die Bewegung erneut. Die Videos wurden über Social Media verbreitet. Auch Sahar Nasief war mit dabei, bis gleich sieben Polizeiautos sie stoppten. Ihr ältester Sohn musste bei der Polizei dafür bürgen, dass sich die Mutter nie mehr ans Steuer setzen würde. "Er ist mein gesetzlicher Vormund, seit ich geschieden bin. Ja, so ist das hier, wir Frauen haben alle einen gesetzlichen Vormund. Irre, nicht?"

Fahrverbot für Frauen - auch ein finanzielles Problem

Das Fahrverbot ist also nur ein Teil des Problems, aber ein sehr lästiger. Die Abhängigkeit von Vater, Bruder, Ehemann oder Chauffeur - sie war nicht nur bedrückend, sondern auch ein finanzielles Problem. Längst nicht alle saudischen Frauen haben genügend Geld, um sich einen bezahlten Fahrer zu leisten, bei Berufstätigen geht oft ein Großteil des Einkommens für den Fahrservice drauf.

Im September 2017 dann die Erlösung mit der Ankündigung: Das Fahrverbot wird aufgehoben. Eine der Reformen im Rahmen der "Vision 2030", die im saudischen Königshaus maßgeblich vom jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman vorangetrieben wird. Die Frauen im Land jubeln: "Bald brauche ich keinen Mann mehr, um von A nach B zu kommen."

Geschäftsidee: das Autofahrgewand

Autohäuser freuen sich seither über zunehmend weibliche Kundschaft, eine Werbeaktion jagt die andere. Als Sahar Nasief twitterte, ihr Traumauto sei ein gelb-schwarzes Mustang-Cabrio , bekam sie per Tweet vom Hersteller ein Fahrzeug geschenkt. Der allerdings hängt momentan noch im Zoll fest.

Frau in Saudi-Arabien
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Designerin Eman Joharjy: Aus dem Traditionsgewand Abaya hat sie eine Autofahr-Version entworfen.

Designerin Eman Al Joharjy wittert ebenfalls ein gutes Geschäft und kommt pünktlich zum Fahrbeginn mit einer neuen Idee auf den Markt: eine Abaya, das lange, meist schwarze Traditionsgewand, ohne das saudische Frauen nicht aus dem Haus gehen, neu interpretiert. Ihre "Autofahr-Abaya" ist aus weichem Joggingstoff, hat Bündchen an den Ärmeln und ist unten am Saum deutlich kürzer. "Damit man sich beim Gasgeben nicht mit den Füßen verheddert. Die normalen Abayas stören beim Autofahren.“

Für Dalal Kaaki kein Problem an diesem großen Tag: Sicher und zumindest äußerlich vollkommen ruhig steuert sie ihr Auto durch das nächtliche Dschidda. Und plötzlich an einer Straßenkreuzung: Polizisten, die den Frauen Rosen überreichen. "Unglaublich, dass ich das noch erleben darf", sagt Dalal.

Alles Gute kommt "von oben"

Doch die Staatsmacht zeigte kürzlich auch ihr anderes Gesicht: Ende Mai wurden mehr als ein Dutzend Aktivistinnen verhaftet, die sich für die Fahrerlaubnis und andere Frauenrechte einsetzten. Unter ihnen war auch die 63-jährige Madeha Al-Ajroush, über die die ARD im Dezember 2017 berichtet hatte. Sie ist inzwischen wieder frei, aber andere Mitstreiterinnen sitzen weiter im Gefängnis. Was ihnen genau vorgeworfen wird, ist nicht bekannt.

Warum diese Verhaftungen gerade zu diesem Zeitpunkt? Königshaus und Regierung wollen verhindern, dass die Aktivistinnen die Fahrerlaubnis als ihren Sieg reklamieren, so die gängigste Erklärung. Alles Gute kommt "von oben" im Königreich der Al Sauds, so sollen die Saudis und die Welt das wahrnehmen.

Frauen in Saudi-Arabien feiern und zünden Kerzen an.
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Vor ihrer ersten Fahrt zünden die Frauen eine Kerze an.

Und so loben auch Dalal Kaaki, Sahar Nasief und andere Fahrerinnen heute Nacht König Salman und den jungen Kronprinzen vor den Kameras und Mikrofonen der Journalisten. Ihnen gelte Dank für die Öffnung des Landes und die Förderung der Frauenrechte.

Aber die Aufhebung des Fahrverbots sei nur eine Etappe. Der nächste Schritt, der kommen müsse, sagt Sahar Nasief, sei die Abschaffung der männlichen Vormundschaft. "Wir hoffen, dass auch die Abschaffung dieser Regelung nicht mehr lange auf sich warten lässt. Ihr werdet’s sehen!"

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Juni 2018 um 06:03 Uhr.

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