Migranten aus Afrika in Saudi-Arabien | Bildquelle: Human Rights Watch

Äthiopische Geflüchtete "Sie behandeln uns wie Ameisen"

Stand: 09.09.2020 02:46 Uhr

In Saudi-Arabien sind möglicherweise Tausende Geflüchtete aus Äthiopien in Lagern eingesperrt, die Menschenrechtler als Folterzentren bezeichnen. Die Behörden fürchten, dass die Migranten das Coronavirus verbreiten.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Ein Video, das durch geflieste, dunkle Räume voller Müll führt. Männer, die durch Wasser stapfen, das aus überlaufenden Toiletten kommen. Und eine Männerstimme, die sagt: "So leben wir hier. Und dann werden wir auch noch mit Knüppeln verprügelt. Sie behandeln uns wie Ameisen. Unser Tod bedeutet ihnen nichts."

Es sind Bilder wie diese, die in den vergangenen Tagen international Bestürzung ausgelöst haben. Es geht um Lager, in die Saudi-Arabien Hunderte, wenn nicht Tausende Migranten sperrt, um die Ausbreitung von Covid einzudämmen. Tatsächlich aber ähnelten die Einrichtungen eher Folterzentren, klagen Menschenrechtler.

Allein im vergangenen Jahr sind fast 140.000 Menschen über die jemenitische Grenze nach Saudi-Arabien gekommen, schätzt die UN-Organisation für Migration. Die meisten sind Äthiopier, die aus ihrem Land geflohen sind, vor Arbeitslosigkeit, Dürren oder Menschenrechtsverletzungen. Regelmäßig deportiert Saudi-Arabien Migranten zurück nach Äthiopien.

Migranten aus Afrika in Saudi-Arabien | Bildquelle: Human Rights Watch
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Bilder von Human Rights Watch zeigen, unter welchen Umständen die Geflüchteten eingesperrt sind.

Angst vor dem Coronavirus

Als die Corona-Pandemie Saudi-Arabien im März erreichte, fürchtete das Königreich - wie viele Golfstaaten -, die zahlreichen Migranten könnten das Virus schnell verbreiten. 3000 Äthiopier wurden im April kurzfristig zurückgeschafft, laut einer UN-Notiz war angeblich die Rückführung von 200.000 weitere vorgesehen. Internationaler Druck folgte, aber auch der Wunsch der äthiopischen Regierung nach einer Atempause. "Leider hat Äthiopien die Wiedereinreise abgelehnt mit der Behauptung, es gebe bei der Ankunft nicht genug Quarantäneeinrichtungen", hieß es zunächst aus der saudischen Botschaft in London. Inzwischen ließ die Regierung wissen, es seien "Untersuchungen eingeleitet worden".

Die Migranten in den Lagern vegetieren vor sich hin, seit Monaten. Weil das Königreich nicht viel von Öffentlichkeit hält, fiel das bislang kaum jemandem auf. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) blieb weitgehend unbeachtet, ein Artikel des britischen "Telegraph" löste nun aber einen internationalen Proteststurm aus, Amnesty International bereitet einen eigenen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen vor.

Kontakt über eingeschmuggelte Handys

Der äthiopische Journalist Zecharias Zelalem und sein "Telegraph"-Kollege Will Brown kommunizierten mit den Gefangenen über Mobiltelefone, die in zwei der Lager eingeschmuggelt waren. "In einem großen Raum des ersten Lagers sind etwa 200 Personen", so Zelalem gegenüber der ARD. "Wenn die anderen zwölf Räume genauso voll sind, leben hier Tausende – aber das wissen wir nicht."

Die heimlich erlangten Zeugenaussagen belegten, dass es nicht genug zu essen gebe und, trotz der Hitze, auch kaum etwas zu trinken. Die sanitäre Situation sei katastrophal, es entwickelten sich Hautausschläge und Krankheiten. Einen Augenzeugen zitiert Zelalem mit den Worten: "Ein Junge, etwa 16 Jahre alt, hat sich im vergangenen Monat erhängt. Die Wachen schmeißen die Körper einfach raus, wie Müll."

Migranten aus Afrika in Saudi-Arabien | Bildquelle: The Daily Telegraph
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Auf Fotos, die der "Telegraph" veröffentlichte, sind verdreckte Räume zu sehen, die unter Wasser stehen.

Die Berichte häufen sich

Vieles deckt sich mit den Erkenntnissen von Human Rights Watch. Demnach werden Familien getrennt. Frauen stehen in einem Raum in knöchelhohem Wasser. Und wieder: Bilder von Entzündungen und offenen Wunden, alles unbehandelt.

HRW schildert aber auch einen Vorgang an der Grenze im April: Auf der jemenitischen Seite hätten Houthi-Rebellen ein Lager mit Hunderten von Migranten gestürmt, sie als "Coronavirus-Träger" beschimpft. Die Menschen sollen mit Gewehrfeuer und Mörsergranaten auf die andere Seite getrieben worden sein. Dort seien die saudischen Sicherheitskräfte genauso gegen sie vorgegangen, heißt es in dem Bericht. Wahrscheinlich seien Dutzende gestorben, die UN müsse den Vorgang untersuchen, fordert die Organisation.

Auch Äthiopien wünscht vor allem Ruhe

Nun soll erstmal Ruhe einkehren, das wünscht sich nicht nur Saudi-Arabien. Das äthiopische Konsulat setzt Berichten zufolge Betroffene unter Druck, sie sollen öffentlich kein Zeugnis ablegen. Und dem reichen Königreich dankt die äthiopische Regierung noch für die "außerordentliche Unterstützung" der illegalen Äthiopier.

"Wir arbeiten an einem Plan, um sie komplett bis Oktober zurück zu holen", erklärt Äthiopiens Außenamtssprecher Dina Mufti gegenüber dem ARD-Studio Nairobi. Für beide Länder wird die Lage unangenehm. Für Zecharias Zelalem waren die Recherchen ein einschneidendes Erlebnis: "Ich habe von der bequemen Couch aus mit Menschen gesprochen, die weit entfernt gefoltert wurden. Dieser Kontrast - er hat meinen Blick auf das Leben verändert."

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