Rote Schwedenhäuschen aus Holz stehen am Wasser auf einem Campingplatz in der Nähe von Kungsham an der Westküste von  Schweden. Daneben stehen Caravans. | Bildquelle: picture alliance / Wolfram Stein

Corona-Krise in Schweden Hohe Ferienqualität oder hohes Risiko?

Stand: 03.06.2020 11:27 Uhr

Schweden hat vergleichsweise laxe Regeln gegen das Coronavirus erlassen. Es gibt also viele Freiheiten - auch für Touristen. Und die sind sehr erwünscht. Nur das Risiko ist möglicherweise nicht so ohne.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

"Weil Schweden keine so strengen Corona-Einschränkungen hat, haben wir gedacht, es wäre doch nett, Skandinavien zu besuchen und sind losgefahren. Wir sind froh über die offene Grenze. Es fühlt sich an wie eine ganz normale Reise."

So etwas hören die Schweden gern: Eine junge deutsche Touristin freut sich im öffentlichen Sender SVT über die Offenheit des Landes und genießt die Freiheiten hier. Vermieter und auch eine große Reederei mit ihren Ostseefähren werben für Schweden: Hier sei doch alles anders, besser und natürlich in Ordnung.

Lockere Maßnahmen und viele Tote

Allerdings sind die Schweden selbst zur Zeit bei ihren nordischen Nachbarn und in Teilen des weiteren europäischen Auslands als Urlauber eher unerwünscht - wegen der lockeren Corona-Maßnahmen, der vergleichsweise hohen Zahl von Toten und wenigen Tests, die es schwer machen, das wirkliche Ausmaß der Pandemie im Land seriös auch nur zu schätzen.

Die Regierung hat deshalb alle Bürger gebeten, sich in den Sommerferien nicht weiter als zwei Autostunden vom Wohnort zu entfernen. Aber warum dürfen Touristen dann kommen und sich frei im Land bewegen?

Staatsepidemiologe Anders Tegnell sagt: "Das kann man merkwürdig finden, aber ich glaube nicht, dass das Risiko für eine Ausbreitung von Corona dadurch besonders groß ist. Die Frage wird politisch diskutiert, und ich hoffe, dass es bald eine einheitliche Linie zum Sommerurlaub in der EU gibt."

Ärztliche Versorgung - wenn es sie gibt

Er sieht es aus schwedischer Perspektive und nimmt nicht an, dass das Coronavirus zum Beispiel von Deutschland neu eingeschleppt wird. Aber was ist, wenn sich deutsche Urlauber anstecken? Dann hätten sie Anspruch auf ärztliche Versorgung, so Tegnell.

Wenn es die Versorgung denn gibt. Die Insel Gotland weist zum Beispiel darauf hin, dass ihr Gesundheitssystem nur für ein paar Tausend Einwohner ausgelegt sei. Und die Reederei der Stockholmer Schärenfähren warnt wegen - aus Abstandsgründen - reduzierter Plätze vor unnötigen Fahrten. Es könne passieren, dass man dann möglicherweise erkrankt und nicht mehr von einer der vielen kleinen Inseln zurück aufs Festland gebracht werden könne und erst einmal ohne Arzt festsitze.

... wenn alle sich an die Empfehlungen halten

Aber laut Tegnell ist das nicht wahrscheinlich: "Wir glauben, dass der Sommer verhältnismäßig ruhig wird, wenn sich alle weiter an unsere Empfehlungen halten. Die große Frage ist, was im Herbst kommt. Das kann sich ganz unterschiedlich entwickeln je nach Region."

Doch im Herbst ist die Touristensaison vorbei und das Geld mit den Urlaubern verdient, auf das so viele hoffen - wie auch Nisse Åkesson, der südlich von Göteborg Kanus verleiht. "Es wird wohl keine Einschränkungen für Touristen geben. Wir hoffen, dass sie ihre Verantwortung ernst nehmen und nur kommen, wenn sie gesund sind. Davon abgesehen, sollten sie sich auch in der Natur aufhalten - nicht dort, wo viele Leute sind."

Viel Gedränge und Nicht-Einhaltung der Regeln

Seit Tagen wird über immer neues Gedränge etwa in den Stockholmer Bars und auf den Schärenschiffen berichtet. Und darüber, dass sich immer mehr und nicht nur junge Leute kaum noch an die wenigen Empfehlungen halten. Urlaub in Schweden trotz Corona bietet demnach wohl beides: Mehr Ferienqualität vor allem auf dem Land, aber auch eine höhere Infektionsgefahr besonders in den Städten.

Schärenurlaub trotz Corona: Schwedisches Roulette?
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
03.06.2020 11:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Radio am 03. Juni 2020 um 10:24 Uhr.

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