Stefan Löfven, Ministerpräsident von Schweden | Bildquelle: dpa

TV-Debatte zur Corona-Krise Schwedens Opposition schaltet auf Angriff

Stand: 08.06.2020 18:58 Uhr

Anfangs gab es Lob für den "schwedischen Weg" durch die Corona-Krise. Doch inzwischen sind viele Menschen gestorben. Die Opposition fordert den Rücktritt des Regierungschefs.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Fairness oder Feigheit? Das ist die Frage. Fakt ist, dass die schwedischen Oppositionsparteien, allen voran die konservativen Christdemokraten, die bürgerlichen Moderaten und die rechtspopulistischen Schwedendemokraten, seit Beginn der Corona-Krise zur Pandemiepolitik der rot-grünen Minderheitsregierung weitgehend schwiegen - bis gestern Abend.

Da fand eine Fernsehdebatte der acht Parteichefs oder ihrer Sprecher statt. Und zwar nur wenige Tage, nachdem es in einer Umfrage Hinweise auf einen Stimmungsumschwung in Schweden gab. Statt 63 Prozent wie im April beurteilen demnach nur noch 45 Prozent das Krisenmanagement der Regierung mit "gut" oder "sehr gut". Der Grund dafür ist vor allem die vergleichsweise hohe Zahl der Todesfälle. Mehr als 4600 Menschen starben - das ist mehr als das Vierfache der drei Nachbarländer Dänemark, Norwegen und Finnland zusammen.

Lag der Staatsepidemiologe richtig?

"Es ist an der Zeit, nicht zuletzt die Regierung für das Scheitern verantwortlich zu machen. Viele sollten zurücktreten, auch Stefan Löfven und Anders Tegnell - als Symbol für unser Handeln in dieser Situation", forderte Jimmie Akesson, Chef der Schwedendemokraten, vor der Debatte.

Anders Tegnell (li.), der schwedische Staatsepidemiologe, nimmt zu den aktuellen Coronavirus-Zahlen Stellung. | Bildquelle: AFP
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Tegnell (li.) hat den "schwedischen Weg" entwickelt - hat er sich geirrt?

Tegnell ist Schwedens Staatsepidemiologe und gilt als "Erfinder" des eher entspannten schwedischen Weges durch die Corona-Krise. Stefan Löfven von den Sozialdemokraten ist der Regierungschef. Er musste sich in der Debatte schwere Vorwürfe anhören, den schwersten von der besonders aggressiv auftretenden Ebba Busch, der Vorsitzenden der Christdemokraten: "Für Schweden können wir sagen, dass der hohe Anteil derer, die in diesem Frühjahr den Verlust eines Angehörigen beklagen mussten, darauf beruht, dass die Regierung vorsätzlich viele Ansteckungen im Land einfach zugelassen hat."

"In Altersheimen sind viel zu viele Menschen gestorben"

Löfven blieb ruhig und verteidigte sich und seine Pandemie-Politik:

"Unsere Strategie ist meiner Meinung nach richtig. Aber in den Altersheimen sind viel zu viele Menschen gestorben. Nicht in allen Altersheimen, da gibt es große Unterschiede. Man sollte mit dem Vergleichen abwarten, bis wir wissen, wie hart andere Länder betroffen sind. Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass die Altenpflege massiv gestärkt werden muss, da sind wir uns alle einig."

Oder auch nicht. Während Löfven viel von kommenden Herausforderungen sprach, schimpfte die Opposition über Verfehlungen der vergangenen Wochen: Zu wenig Tests, zu wenig Schutzausrüstung.

Sozialdemokraten in Umfrage vorn

Mats Knutson vom öffentlichen Sender SVT bilanzierte: "Jetzt ist der Burgfrieden endgültig beendet. Die Attacken vor allem auf Löfven waren hart und man bezeichnete die Corona-Strategie ebenso wie die Durchführung der Tests als gescheitert. Insbesondere das Handeln der Regierung zu Beginn der Krise wurde in Frage gestellt und sie wurde für die hohe Zahl an Todesfällen verantwortlich gemacht."

Trotzdem gewinnen Löfvens Sozialdemokraten nach einer Umfrage des statischen Zentralamtes in der Krise an Popularität. Sie liegen nämlich mit 33,7 Prozent an der Spitze des Parteienspektrums deutlich vor den Nummern Zwei und Drei. Die oppositionellen Moderaten kommen auf 20,1 Prozent und die Schwedendemokraten auf 17,1 Prozent. Allerdings fand diese Umfrage lange vor der TV-Debatte statt, als der "Burgfrieden" noch galt.

Corona: Schwedens Opposition beendet Burgfrieden
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
08.06.2020 17:14 Uhr

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