Wolodymyr Selenskyj. | Bildquelle: AP

Ukraine Der Bald-Präsident und der Oligarch

Stand: 23.04.2019 18:44 Uhr

Der Fernsehstar Selenskyj hat die ukrainische Präsidentenwahl klar gewonnen, weil er eben nicht zur alten Polit-Elite gehört, die oft von Oligarchen gesteuert wird. Doch auch Selenskyj pflegt Kontakte zu den Reichen und Mächtigen im Land.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Ein frischer Kopf fürs ukrainische Präsidentenamt. Einer, der nicht zur alten Polit-Elite gehört. Einer, der kein Oligarch ist oder nach den Wünschen eines Oligarchen handelt. Dafür steht Wolodymyr Selenskyj. Und deswegen haben bei der Stichwahl am Sonntag so viele Ukrainer für ihn gestimmt.

Doch es gibt auch diejenigen, die seinem Saubermann-Image misstrauen, die vermuten, dass der Ex-Showmacher und Bald-Präsident doch nur eine Marionette ist - nämlich die des Oligarchen und Medienmoguls Ihor Kolomojskyj. "Es wäre lächerlich zu sagen, dass ich nicht aufgeregt bin. Natürlich will ich, dass er Präsident wird", sagte Kolomojskyj vor der Wahl.

Öl- und Bankengeschäfte

Kolomojskyj stieg durch Öl- und Bankengeschäfte zu einem der reichsten Männer der Ukraine auf. Ihm gehört auch der TV-Sender "1plus1". Das ist der Kanal, der die Serie "Diener des Volkes" ausstrahlt, in der Selenskyj den ukrainischen Präsidenten spielte. Auf dem Sender laufen auch die Shows von Selenskyjs Comedy-Truppe "Kwartal 95".

Ihor Kolomoiskyj | Bildquelle: REUTERS
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Ihor Kolomoiskyj

Doch dass die beiden Medienpartner mehr als eine reine Geschäftsbeziehung verbinden könnte, hat Selenskyj stets bestritten. "Ich habe mit ihm keine Vereinbarungen, nichts unterschrieben, dass ich einem Herrn Kolomojskyj diene. Er ist für mich kein Herr. Ich habe keinen Herren", sagte Selenskyj. Jeder Fernsehsender würde irgendwem gehören. "Was soll ich tun. Es ist halt so."

Berater: "Das Risiko ist zu hoch"

Und auch in Zukunft - also als zukünftiger ukrainischer Präsident - habe Selenskyj nicht vor, besondere Beziehungen zu Kolomojskyj zu pflegen, wie sein Berater Ruslan Rjaboschapka noch vor der Wahl betonte. "Wolodymyr hat mehrmals gesagt, dass er nicht plant, Kolomojskyj zu unterstützen - egal ob es um seine Bank, den Öl- und Gaskonzern UkrNafta oder andere wirtschaftliche Beziehungen geht", sagte Rjaboschapka. Für Selenskyj sei das Risiko zu hoch, dadurch seine Reputation zu verlieren.

Stattdessen wolle Selenskyj das erreichen, was sein Vorgänger Petro Poroschenko nicht geschafft habe: den Einfluss der Oligarchen in den Institutionen einzuschränken. "Eines seiner Schlüsselprinzipien ist, dass an der Spitze unseres Rechtssystems ehrliche Profis stehen sollen", sagte Rjaboschapka. "Das sind Menschen, die wissen, was sie tun. Und die auch Nein sagen können zu einem Kolomojskyj, Achmetow oder Poroschenko."

Petro Poroschenko | Bildquelle: dpa
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Vorgänger Poroschenko. Selenskyjs Berater sagt ihm nach, den Einfluss der Oligarchen in den Institutionen nicht genügend eingeschränkt zu haben.

Gerüchte halten sich hartnäckig

Trotzdem halten sich die Gerüchte über die enge - auch politisch enge - Zusammenarbeit Selenskyjs und Kolomojskyjs hartnäckig. Sie halten sich wohl auch deswegen, weil Kolomojskyj noch eine Rechnung mit dem nun abgewählten Präsidenten Poroschenko offen hat. Während seiner Regierungszeit wurde dem Oligarchen nämlich die Kontrolle über den Öl- und Gaskonzern UkrNafta entzogen. Es kam zum Bruch zwischen den beiden Männern, die zuvor eher gute Beziehungen pflegten.

Heute lebt Kolomojskyj im Ausland. Doch er kündigte bereits an, in die Ukraine zurückkehren zu wollen. "Natürlich kehre ich zurück. Eigentlich wollte ich schon vor der Stichwahl zurück. Da aber der Wahlkampf so hart und intensiv war, wollte ich kein zusätzliches Chaos stiften", sagte er.

Oder er wollte eben die Gerüchte nicht noch weiter anheizen - und somit möglicherweise Selenskyj schaden.

Kolomojskyj: Der Oligarch hinter dem neuen ukrainischen Präsidenten?
Martha Wilczynski, ARD Moskau
23.04.2019 17:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. April 2019 um 18:21 Uhr in der Sendung "Informationen am Abend".

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