Flüchtlinge an der türkisch-syrischen Grenze. | Bildquelle: REUTERS

Syrische Flüchtlinge in der Türkei "Uns sind alle Türen verschlossen"

Stand: 07.08.2020 03:50 Uhr

Die freundliche Stimmung, mit der die Türkei syrische Flüchtlinge zu Beginn des Bürgerkrieges aufgenommen hat, ist inzwischen gekippt. Die Corona-Krise hat ihre Lage noch verschlimmert.

Von Christian Buttkereit, ARD-Istanbul

Eine ruhige Seitengasse in einem einfachen aber irgendwie doch ganz beschaulichen Istanbuler Viertel nahe des Goldenen Horns. Auf der Straße spielen Kinder Fußball, türkische Kinder. Wassim dagegen sitzt mit seinen vier Geschwistern in der Wohnung. Sie sind Syrer. Auf die Straße traue er sich nicht mehr, sagt der 10-Jährige:

"Ich habe dort mit dem Roller gespielt und die Nachbarin hat mir gesagt, wenn ich eines der anderen Kinder anfahre, wird sie mich verprügeln. Sie sagte zu mir, komm nie wieder hierher." 

In den fünf Monaten, die die Wassims Familie hier lebt, waren er und seine Geschwister nur zweimal draußen. Erst durften sie nicht wegen Corona, später befürchteten sie, von den anderen Kindern oder Nachbarn schlecht behandelt zu werden. Ihr Vater Mohammed macht sich Sorgen: 

"Sie haben ihre Selbstsicherheit verloren. Schon vor Corona, aber nach Corona noch viel mehr. Sie haben Angst, sie sagen, wir wollen nicht auf die Straße gehen, da sind türkische Kinder."

Stimmung gegenüber Flüchtlingen gekippt

80 Prozent der Türken in ihrem Viertel seien rassistisch, meint Mohammed. Tatsächlich sei die freundliche Stimmung, mit der die Türkei syrische Flüchtlinge zu Beginn des Bürgerkrieges aufgenommen hat, inzwischen gekippt, sagt Arzu Karacanlar von der Hilfsorganisation Mavikalem, einer Partnerorganisation der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit:

"2015 war die Bereitschaft der türkischen Gesellschaft, die Syrer als Gäste aufzunehmen, sehr groß. Aber nach 2015 hat man erkannt, dass die syrischen Flüchtlinge zum großen Teil bleiben und nicht mehr zurückkehren werden. Und bei jedem Problem, das auftauchte, richtete sich der Unmut mehr und mehr gegen die Syrer."

Viele würden gerne die Türkei verlassen - Richtung Europa. Mohammeds Frau Marwan sagt, sie würde auch wieder nach Syrien gehen:

"Wenn die Situation in Syrien besser wird und Assad geht, dann würde ich zurückkehren. Aber es wird nicht besser. Außerdem will mein Mann nicht gehen. Und von Europa werden wir zurückgewiesen. Uns sind alle Türen verschlossen."

Corona hat Lage verschlimmert

Und so leben weiterhin nach offiziellen Angaben rund 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei. Häufig mehr schlecht als recht. Zwar hat Vater Mohammed in einer Mopedwerkstatt Arbeit gefunden, aber auch nicht regelmäßig. Corona habe die Lage für viele Flüchtlinge verschlimmert, sagt Arzu Karacanlar von der Hilfsorganisation Mavikalem:

"Die Flüchtlinge arbeiten überwiegend im Dienstleistungssektor und meistens in kleinen Unternehmen wie Friseurläden, Restaurants oder Cafes. Das sind genau die Unternehmen, die wegen der Pandemie zuerst dicht gemacht und als letztes wieder geöffnet haben."

Von den Überweisungen aus Europa in die Türkei im Zuge des Flüchtlingspakts profitiert die Familie von Mohammed und Marwan nicht. Damit sei sie kein Einzelfall, sagt Natalie Gruber von der Hilfsorganisation Josoor. 

Bürokratische Hürden

Die Familie aus dem beschaulichen Istanbuler Stadtteil nahe des Goldenen Horns hat nicht einmal Zugang zur Krankenversorgung. Und weil sie im 1000 Kilometer entfernten Mersin registriert wurden, können die Kinder in Istanbul nicht zur Schule, beklagt Vater Mohammed:

"Ich glaube nicht, dass sie dieses Jahr zur Schule gehen können. Ich habe versucht, sie anzumelden, aber sie haben sie abgewiesen."

Durch den coronabedingten Fernunterricht waren ohnehin schon viele Flüchtlingskinder benachteiligt - weil sie oft nur wenig Türkisch sprechen und kein Tablet haben. Zusammen mit der schlechten Wirtschaftslage und der feindseligen Nachbarschaft seien das finstere Aussichten, meint Mutter Marwan:

"Unsere Kinder erwartet ein hartes Leben, wenn sie hier aufwachsen. Für sie wird es noch schlimmer werden, als für uns." 

Es ist zu befürchten, dass sie Recht hat.

Situation syrischer Flüchtlinge in der Türkei
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
07.08.2020 05:47 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 07. August 2020 um 05:15 Uhr im Deutschlandfunk.

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