Der spanische Stierkämpfer Enrique Ponce | Bildquelle: imago images / Agencia EFE

Corona-Krise in Spanien Das Ende der Stierkampfpause

Stand: 06.07.2020 04:12 Uhr

Die Lockerung der Corona-Maßnahmen in Spanien beendet auch die Zwangspause für Stierkämpfe. Nach vier Monaten können die Veranstaltungen wieder stattfinden. Tierschützer sind empört.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Überall klimpert und klappert es, wenn morgens um acht Uhr die Stiere loslaufen. An jedem der acht Fiesta-Tage von "Sanfermines" werden die Tiere durch die historische Innenstadt von Pamplona getrieben; hunderte Menschen laufen neben ihnen her. Das Ziel ist die Stierkampf-Arena. Doch nicht in diesem Jahr.

Dass die berühmteste Stierhatz Spaniens wegen Corona ausfällt, freut Marta Esteban, die Sprecherin der Tierschutz-Plattform "La tortura no es cultura", "Folter ist keine Kultur". Sie sagt: "Alles, was dazu beiträgt, dass keine Tiere getötet werden, nur um Menschen zu unterhalten, ist eine gute Nachricht. Hoffentlich können wir bald schon sagen, dass nirgendwo mehr in Spanien Stiere leiden müssen."

 Millionenverluste in der Branche

In den vergangenen fast vier Monaten musste kein einziger Stier in einer Arena leiden. Die Branche stand wegen des Virus still. Damit ist sie alles andere als glücklich: Allein den Züchtern der Bullen gingen nach eigenen Angaben Einnahmen von 70 Millionen Euro verloren. Schon kurz nach Ausbruch der Corona-Krise forderten die Stierkämpfer daher mehr Unterstützung vom Staat: Der Stierkampf sollte Teil des Rettungspakets der spanischen Regierung für den Kultursektor werden. Schließlich hingen spanienweit 6000 Jobs an dem Geschäft mit den Stieren. Doch das Kulturministerium lehnte Sonderhilfen ab.

Mitte Juni gingen tausende Anhänger des Stierkampfs auf die Straße, in mehr als 30 Städten Spaniens. Der Stierkampf gehöre zur Kultur, er dürfe nicht vergessen werden, sagte ein Torero in Sevilla. Und ein anderer meinte: Die Branche sei ein Wirtschaftsmotor Spaniens, sie leide nun und ihr stehe nach dem Gesetz weitere Unterstüzung zu.

Der spanische Stierkämpfer David Fandila El Fandi | Bildquelle: imago images / Agencia EFE
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In Spanien hängen 6000 Jobs am Stierkampf.

Unerlaubte Subventionen?

Tierschützer argumentieren dagegen: Der Stierkampf werde schon jetzt stark subventioniert vom spanischen Staat. Die italienische Tierschutzorganisation LAV wirft der Branche sogar vor, unerlaubterweise Geld von der Europäischen Union zu kassieren. Zu diesem Ergebnis kommt LAV-Vizechef Roberto Bennati in einer neuen Untersuchung. Es gehe um jährlich 130 Millionen Euro aus einem EU-Fonds, der für die Produktion von hochwertigem Fleisch gedacht sei.

"Die Branche sagt, sie züchte Tiere für die Fleischproduktion. Doch in Wirklichkeit züchten sie für Stierkämpfe. Hier werden die Gesetze missbraucht. Die Regeln der Europäischen Union werden auf betrügerische Art hintergangen", sagt er.

 "Stierkämpfe werden verschwinden"

Zwar wird das Fleisch der Kampfstiere auch oft an Restaurants geliefert. Wegen des Stresses, dem die Tiere beim Stierkampf ausgesetzt waren, sei das Fleisch aber nicht hochwertig, so Bennati, die Förderung daher nicht gerechtfertigt. Die Tierschützer fordern die EU auf, besser zu kontrollieren, wo ihre Subventionen hinfließen - und damit das Steuergeld der Bürger der Europäischen Union.

Wenn es nach Marta Esteban von der Plattform "Folter ist keine Kultur" geht, düften Stierkämpfer keinen einzigen Euro mehr von staatlicher Seite bekommen. Sie verweist auf Studien des spanischen Kulturministeriums, wonach mehr als 80 Prozent der Spanier die Tradition kritisch sehen. Die Zahl der Zuschauer von Stierkämpfen sei seit dem Jahr 2007 um 61 Prozent gesunken. "Stierkämpfe werden verschwinden, das ist sicher", sagt sie. "Die Viruskrise könnte das Ende beschleunigen. Viele Züchter mussten ihre Stiere schon notschlachten lassen, weil sie nicht gebraucht werden für Stierkämpfe."

Die Branche will von einem Ende ihrer Tradition nichts wissen. Sie startet wieder Stierkämpfe - mit Corona-Auflagen wie einem Besucherlimit, um die Sicherheitsabstände auf den Publikumsrängen einzuhalten. Spaniens größte Arena, "Las Ventas" in Madrid, bewirbt im Internet schon das nächste Spektakel an diesem Donnerstag.

Spanien: Corona-Pause für Stierkämpfe endet - zum Ärger der Tierschützer
Oliver Neuroth, ARD Madrid
06.07.2020 00:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Juli 2020 um 07:48 Uhr.

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