Panoramablick über die Stadt Longyearbyen

Tourismus und Klimawandel Welche Zukunft hat Spitzbergen?

Stand: 04.08.2019 02:10 Uhr

Früher förderten die Norweger Steinkohle auf Spitzbergen. Aber das ist fast vorbei. Jetzt fragen sich die Bewohner des arktischen Archipels, welche Zukunft sie haben? Eine Weltspiegel-Reportage:

Von Jan Liebold, ARD-Studio Stockholm

Etwas mehr als 2000 Einwohner leben dauerhaft in Longyearbyen, der größten Siedlung auf Spitzbergen. Aber nun, in der Sommersaison, wenn die Sonne 24 Stunden über dem arktischen Archipel scheint, legt hier beinah täglich ein Kreuzfahrtschiff an. Dann wird der Ort von Hunderten Touristen geflutet, die das arktische Abenteuer suchen. Sie wollen einmal in ihrem Leben so nah wie möglich an den Nordpol reisen. Meist nutzen sie die Zeit ihres Aufenthalts für viele Schnappschüsse in der Fußgängerzone, den Einkauf von Souvenirs und zu Exkursionen in die Hinterhöfe der roten, gelben und grünen Wohnhäuser von Longyearbyen.

Norwegen: Spitzbergen zwischen Tourismus und Klimawandel
Weltspiegel 19:20 Uhr, 03.08.2019, Jan Liebold, ARD Stockholm

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Die Einheimischen fühlen sich heimgesucht. Auch Hilde Røsvik, Chefin der Lokalzeitung "Svalbardposten" hat solche Situationen erlebt: "Viele hier berichten von Touristen, die ungeniert ihre Kinder im Kindergarten fotografieren, Müll auf die Straße werfen, oder sogar auf private Grundstücke pinkeln. Aber wir wünschen uns Respekt. Wir leben schließlich hier."

Whiskey mit Gletschereis

Longyearbyens Bewohner kämpfen mit den Folgen des Kreuzfahrttourismus, der in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Und dennoch will ihn die norwegische Regierung weiter fördern. Die örtliche Tourismusbehörde wirbt in Hochglanzvideos: Ferien im arktischen Winterwunderland, Expeditionen in die Wildnis, um Eisbären, Rentiere und Wale zu beobachten.

Wer will, kann das Glas Whiskey mit Gletschereis genießen. Schließlich braucht es neue Einnahmequellen auf Spitzbergen. Von der Zeit, als norwegische Unternehmen hier Steinkohle förderten, zeugen nur noch die eingefallenen Minenschächte in den steilen Hängen hoch über Longyearbyen. Die wenigen Forscher und Studenten des örtlichen Universitätszentrums UNIS machen noch lange keinen prosperierenden Wissenschaftsstandort aus der Siedlung.

Der Klimawandel verändert Spitzbergen

Gleichzeitig spüren die Menschen, dass der Klimawandel das Leben auf der Insel verändert. Im Winter schneit es seltener und regnet häufiger. Dann saugt sich die Erde voll wie ein Schwamm. Und irgendwann kommt sie ins Rutschen. 2015 begrub eine Lawine eine komplette Häuserzeile am Ortsrand von Longyearbyen, zwei Menschen starben.

Mittlerweile wurden mehrere massive Schutzzäune an den Hängen installiert. Und weitere Wohnblocks müssen geräumt werden. Denn die Gefahr ist groß, dass sich die Natur das zurückholt, was die Menschen ihr einst abtrotzten. Auch der kleine Friedhof am Westhang der Siedlung soll bald umgewidmet werden, ein Erdrutsch im vergangenen Jahr verfehlte das Gräberfeld nur knapp.

"Es gibt hier wirklich große Unsicherheit im Ort. Wir wissen nicht, wie sich das Leben in den kommenden Jahren verändern wird. Das macht es wirklich schwierig", sagt Pfarrer Ivar Smedsrød. Kürzlich haben sie in der Gemeinde von Longyearbyen sogar ein Klimagebet gesprochen. Auf dass das Leben lebenswert bleibt im Ort.

Das Meer frisst das Land

Und das Meer nicht noch mehr Land frisst, so wie unterhalb des Flughafens. Hier, direkt an der Küste, lebte die Deutsche Christiane Hübner mit ihrer Familie in einem kleinen Häuschen. Aber weil es im Winter auf dem Fjord kaum mehr Eis gibt und der Wind die Wellen ungehindert auf das Land treibt, kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Küstenabbrüchen.

Auch Hübners Haus war kurz davor, weggerissen zu werden. Sie musste es räumen. Plötzlich war der Klimawandel ganz konkret greifbar für ihre Familie. Nun fragt sie sich, welche Zukunft Spitzbergen hat, wenn die Temperatur immer weiter steigt: "Die Gletscher hier sind stark zurückgegangen. Inzwischen sitzen wir hier ab und zu sogar mit T-Shirt draußen. Das haben wir früher nicht so gemacht."

Die Arktis wird grüner

In der Wildnis des Dickson Fjords, 60 Kilometer nördlich von Longyearbyen, können Forscher schon beobachten, was passiert, wenn es immer wärmer wird. "Pflanzenarten, die eigentlich aus südlicheren Gefilden kommen, können sich inzwischen immer besser in der Arktis ausbreiten", sagt Pernille Bronken Eidesen, eine norwegische Biologin. Sie untersucht mit ihren Studenten auf Spitzbergen das Phänomen des sogenannten "Arctic Greening" - der immer grüner werdenden Arktis.

Eine grün bewachsene Strandzone des Dickson Fjords,
galerie

Eine grün bewachsene Strandzone am Dickson Fjords. Hier können Forscher beobachten, was passiert, wenn es in der Arktis immer wärmer wird. Pflanzen aus dem Süden breiten sich aus, arktische Moose verschwinden.

"Hochspezialisierte Arten, die bisher auf Spitzbergen wuchsen, werden verdrängt. Die haben ja keinen Platz zum Ausweichen." Nur die anpassungsfähigste Spezies hat Bestand, lautet das Naturgesetz. Und falls neue Pflanzen arktische Moose und Flechten verdrängen, hat das Auswirkungen auch auf den Permafrostboden. Denn höherwachsende Pflanzenarten isolieren ihn besser, im Winter kann er nicht mehr tief gefrieren. Und im Sommer taut er immer weiter auf, gibt umweltschädliches CO2 frei. Ein verhängnisvoller Kreislauf, der einmal in Gang gesetzt, nicht mehr zu stoppen ist.

Ist das Winterwunderland bald Geschichte?

Wie schnell der Klimawandel das empfindliche Ökosystem auf Spitzbergen verändert, kann kein Wissenschaftler exakt vorherbestimmen. Aber das arktische Winterwunderland, mit dem sie in Zukunft noch mehr Touristen auf die Insel locken wollen, könnte irgendwann Geschichte sein.

Für Robert Johansen wäre das eine Horrorvorstellung. Er braut das Bier für die Hotels und Kneipen in Longyearbyen, in seiner "Svalbard Bryggerie", dem nördlichsten Brauhaus der Welt. Er zählt auf die zahlungskräftigen Touristen. "Lasst uns doch nicht hysterisch werden", meint er zur Debatte über den Klimawandel auf Spitzbergen. "Immer dieses 'Wir stehen kurz vorm Abgrund!'. Das macht doch keinen Sinn. Die Menschen hier sind Überlebenskämpfer. Wir müssen uns nur anstrengen, dann überstehen wir das auch."

Ein bisschen klingt das nach Verdrängung. Und auch trotzig irgendwie. Aber so denken viele Menschen hier. Wenn sie sich mal etwas in den Kopf gesetzt haben, dann bleiben sie dabei. Gut möglich also, dass sie auch die Sache mit dem Tourismus weiter durchziehen werden. Und bald eine noch größere Lücke klafft zwischen denen, die sich noch mehr Kreuzfahrtschiffe auf Spitzbergen wünschen, und anderen, denen es schon jetzt zu viele Fremde sind.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 04. August 2019 um 19:20 Uhr in der Sendung "Weltspiegel".

Korrespondent

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