Es ist Frieden in Sri Lanka, doch Versöhnung zwischen Singhalesen und Tamilen ist noch fern.

Sri Lanka nach dem Bürgerkrieg Der lange Weg zur Versöhnung

Stand: 11.04.2015 03:09 Uhr

Seit fast sechs Jahren schweigen in Sri Lanka die Waffen. Doch die Wunden nach drei Jahrzehnten Bürgerkrieg sind längst nicht verheilt. Noch immer herrscht tiefes Misstrauen zwischen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilischen Minderheit.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Die Buchvorstellung findet mitten im Dschungel statt. Noch im Frühjahr 2009 ist hier viel Blut geflossen. Buchautor Puratchi kennt den Dschungel in- und auswendig. Er hat hier früher gegen die Armee gekämpft. Er wollte mit Gewalt einen eigenen tamilischen Staat im Norden Sri Lankas erzwingen. Er empfand die politische Vorherrschaft der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit als Unterdrückung. "Für uns Tamilen gab es nur die LTTE", erinnert er sich. "Sie war unsere Regierung, und sie war unser Schutz."

Der Tamile Puratchi hat lange für die LTTE gekämpft.
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Der Tamile Puratchi hat lange für die LTTE gekämpft.

Bis zum Schluss war Puratchi ein überzeugter Kämpfer der Befreiungstiger für Tamil Eelam, kurz LTTE. Er kämpfte schon als Minderjähriger für die Organisation, die zum Schluss auch in Europa als Terrorgruppe gelistet war. Heute ist Puratchi Mitte 30. Nach dem Ende des sri-lankischen Bürgerkriegs verbrachte er drei Jahre zur Umerziehung in staatlichen Internierungslagern und entdeckte dabei seine Leidenschaft für das Schreiben. "Ich schreibe über meine Erfahrungen im Krieg. Wir waren in einem tödlichen Kreislauf gefangen. Die tamilische Bevölkerung hat schreckliche Dinge erlebt, es war die Hölle", erzählt er.

Das Militär ist allgegenwärtig

Kein Wort verliert er über die Opfer auf der anderen Seite. Hinter der letzten Stuhlreihe bei der Buchvorstellung mitten im Dschungel sind Angehörige des militärischen Geheimdienstes aufgezogen. Die Armee ist in der ehemaligen Kampfzone bis heute omnipräsent. Sie hat sich viel Land für große Stützpunkte genommen. 

"Ich kann mich heute zwar frei bewegen, aber ich kann nicht alles frei sagen", sagt Puratchi. "Aber jeder weiß, was hier passiert ist. Alle wissen es. Die Wahrheit ist bekannt."

Doch welche Wahrheit? Die LTTE verübte Anschläge und Selbstmordattentate. Im Frühjahr 2009 kam es auf einem schmalen Küstenstreifen im Norden Sri Lankas dann zur letzten Schlacht. Die Armee rückte ohne jede Rücksicht auf die tamilische Zivilbevölkerung vor, die im Kreuzfeuer gefangen war. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben allein in dieser letzten Phase des Krieges bis zu 40.000 Menschen.

Friedensmahnmal in Jaffna im tamilischen Norden Sri Lankas
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Friedensmahnmal in Jaffna im tamilischen Norden Sri Lankas

Der Singhalese Alexander spricht von Befreiung. Der Buchhalter im Ruhestand lebt in Sri Lankas Hauptstadt Colombo. "Die Tamilen haben Unrecht begangen. Aber sie sind dafür bestraft worden, und das Unrecht ist damit Geschichte. Wir wollen friedlich mit ihnen zusammenleben. Die Tamilen sollten nicht der Vergangenheit nachtrauern."

Die Waffen schweigen seit bald sechs Jahren, die Touristen sind zurück im Tropenparadies, doch Sri Lanka hat seinen Weg zum inneren Frieden noch nicht gefunden. Die singhalesische Bevölkerungsmehrheit dominiert den Inselstaat weiter, während viele Tamilen im Norden das Gefühl haben, in einer militärischen Besatzungszone zu leben.

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