Frauen versammelt unter einer Zeltplane | Bildquelle: Peter Hornung/ARD

Muslime in Indien Der Protest der "furchtlosen Großmütter"

Stand: 21.01.2020 17:03 Uhr

Dass Musliminnen, alte zumal, auf die Straße gehen, ist in Indien höchst ungewöhnlich. Doch seit Wochen beteiligen sich die "furchtlosen Großmütter" an einem Sitzstreik gegen das Staatsbürgerschaftsgesetz.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Hunderte junge Musliminnen haben eine wichtige Kreuzung im Süden Delhis blockiert - ein Sitzstreik seit Mitte Dezember schon. Inzwischen steht hier ein Zelt, damit die Frauen vor der Kälte geschützt sind. Vorne im Zelt ein Podest, vielleicht einen halben Meter hoch. Darauf sitzen einige alte Frauen.

"Sitzen, bis das Gesetz zurückgenommen ist"

Bilkis ist 82, sie trägt ein weißes Kopftuch und einen dunkelblauen Sari mit roten Ornamenten. "Ich bin seit anderthalb Monaten hier und protestiere. Alle vier oder fünf Tage gehe ich mal nach Hause. Ich werde hier sitzen, bis das Gesetz zurückgenommen ist. Das macht mir nichts aus. Zuhause sitze ich ja auch nur rum."

Bilkis trägt dunklen Kajal, ihr Blick durchdringend, der starke Wille ist ihr anzusehen. Sie ist eine der Dabbang Daadi, der "furchtlosen Großmütter", wie sie hier genannt werden. Denn eigentlich ist es unerhört, dass muslimische Inderinnen demonstrieren. Sie tun es zum ersten Mal. Nicht für sich, sondern für ihre Kinder und Enkel.

Menschen versammelt unter einer Zeltplane | Bildquelle: Peter Hornung/ARD
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Zu dem Protest im Zelt kommen Hunderte Frauen, egal ob Musliminnen oder Hindus.

Für ein einiges Indien

Sie habe Angst, dass ihnen in einem reinen Hindustaat ihre Staatsbürgerschaft entrissen werde, sagt die 75-jährige Sarwari. Sie wolle nicht, dass Indien in Einzelteile zerfalle. Ob Hindus, Muslime, Sikhs oder Christen - sie seien alle gleich. Das Gesetz solle zurückgenommen werden, dann würden sie alle nach Hause gehen.

Das Staatsbürgerschaftsgesetz entzweit Indien seit Wochen. Seit dem 10. Januar ist es in Kraft, doch es ist weiterhin umstritten. Jetzt soll das Oberste Gericht entscheiden. Das Gesetz sieht vor, dass Migranten aus Nachbarländern einen indischen Pass bekommen können. Muslime aber sind ausdrücklich ausgeschlossen. Erstmals wird damit Staatsbürgerschaft über Religion definiert. Eine Botschaft auch die eigene muslimische Minderheit, die etwa 200 Millionen Menschen umfasst.

Unterstützung von Hindus

Sie wolle nicht, dass damit ein Keil in Indiens Gesellschaft getrieben werde, sagt die Lehrerin Ritu Kaushik. Sie ist Hindu, keine Muslimin. Dennoch hilft sie bei dem Protest. "Das ist kein Kampf alleine der Muslime. Es ein gemeinsamer Kampf von Hindus, Muslimen, Sikhs und Christen, weil das Ganze gegen die Traditionen unserer Nation ist."

Inzwischen werden Gerüchte gestreut, die protestierenden Frauen seien bezahlt. 500 Rupien, gut sechs Euro, bekämen sie zugesteckt, damit sie hier sitzen. Alles Unsinn, sagt Bilkis, die furchtlose Großmutter. "Wir haben Premierminister Modi nicht um etwas gebeten, weder um Kleidung noch um Essen. Wir kriegen unser Essen von den Leuten aus der Umgebung. Und was die Anschuldigungen betrifft, wir säßen hier nur, weil wir 500 Rupien bekämen: Wir haben kein Geld genommen, wir werden von niemandem bezahlt."

Friedlicher Sitzstreik

Nein, sagt auch Lehrerin Ritu. Die Alten wie die Jungen - sie seien überzeugt, dass der Protest jetzt nötig ist. Nur deshalb seien sie hier. "Die Frauen sind hier für eine gerechte Sache, um ihr Land zu retten - und nicht, um Geld zu bekommen. Die Frauen sind weise und aufmerksam. Sie wissen, dass die Regierung das Land ruiniert."

Und so geht der friedliche Sitzstreik weiter unter dem Motto "Ich liebe mein Indien". Ein Indien, das - so wollen es die Menschen hier - sich nicht über Religion definiert.

Furchtlose Großmütter - Protest in Indien
Peter Hornung, NDR
21.01.2020 16:17 Uhr

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