Der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier während der Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag eines Massakers der deutschen Wehrmacht in Italien | Bildquelle: dpa

Steinmeier in Fivizzano Versöhnung an schwieriger Stätte

Stand: 25.08.2019 07:37 Uhr

Bundespräsident Steinmeier trifft sich heute mit seinem italienischen Kollegen Mattarella in Fivizzano, um der Opfer der Massaker deutscher Soldaten im Jahr 1944 zu gedenken.

Von Birgit Schmeitzner, ARD-Hauptstadtstudio

Erinnern, um nicht zu vergessen, darüber reden, um zu versöhnen - das ist der Gedanke, mit dem deutsche Bundespräsidenten Orte aufsuchen, an denen deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewütet haben, sei es in Frankreich, Griechenland oder Italien.

Johannes Rau tat es im Frühjahr 2002, als er gemeinsam mit dem damaligen italienischen Staatspräsidenten Carlo Ciampi in Marzabotto an den 29. September 1944 erinnerte. Rau sagte, "am Morgen dieses Tages kamen die Mörder", und zwar "wie Hyänen, um alle Spuren menschlichen Lebens auszulöschen". So stehe es auf einer Gedenktafel.

Blutbad unter den Zivilisten

Damals starben 770 Menschen in der Ortschaft südlich von Bologna, vor allem Zivilisten. Etwa 140 Kilometer weiter westlich, im Bergdorf Sant'Anna di Stazzema, waren es 560 Opfer. Ihrer erinnerte Joachim Gauck bei seinem Besuch im Jahr 2013, in Umarmung mit dem italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano.

Gruppe deutscher Soldaten in einer Verteidigungsstellung bei Cassino (1944)
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Gruppe deutscher Soldaten in einer Verteidigungsstellung bei Cassino im Jahr 1944

Gauck griff damals auch die Enttäuschung der Bewohner und Angehörigen der Opfer über die juristische Aufarbeitung des Massakers auf - der Staatsanwaltschaft Stuttgart war es im Jahr zuvor nicht gelungen, den Beschuldigten die Tat nachzuweisen. Gauck betonte, dass die Öffentlichkeit nicht schweigen müsse, wenn es die Gerichte täten: "Wir nennen Schuld Schuld, und wir delegitimieren so schuldhaftes Geschehen."

Gedenken an die Opfer von Fivizzano

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein italienischer Kollege Sergio Mattarella haben sich einen Ort ausgesucht, der wenig bekannt ist. Also eine Art "blinder Fleck" in der gemeinsamen Erinnerung: Fivizzano, eine kleine Gemeinde mit 7500 Einwohnern in der Toskana, in den Apuanischen Alpen. Hier zogen Angehörige einer Waffen-SS-Division unter der Führung von Walter Reder zwischen Mai und September 1944 mehrfach durch die Ortsteile. Es waren Vergeltungsmaßnahmen nach Partisanenangriffen, Hunderte Menschen starben.

Zwischen Partisanen und Alliierten

Der Historiker Arnd Bauerkämper von der Freien Universität Berlin spricht von Exzessen und Massakern der Waffen-SS und SS-Einheiten, logistisch unterstützt und abgeschirmt von der Wehrmacht. Der Oberbefehlshaber in Italien, Albert Kesselring, habe sich 1944 zunehmend in der Defensive gefühlt: auf der einen Seite die Partisanen, die nach dem Sturz von Benito Mussolini aktiver wurden, auf der anderen Seite die Alliierten, die vordrangen.

Und so ordnete Kesselring an, rigoros gegen Partisanen vorzugehen, notfalls ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Erwischt hätten die deutschen Soldaten aber in aller Regel nicht die Partisanen, die sich schnell zurückzogen - sondern "sie haben unbeteiligte Leute, die nicht ausweichen konnten, sie haben hilflose Opfer niedergemetzelt." Das sei ein "flagranter Verstoß gegen Völkerrecht."

Lehren für das heutige vereinte Europa

Laut Bundespräsidialamt will Steinmeier bei seinem Besuch die deutsche Schuld anerkennen und auf die Verantwortung hinweisen, die aus dieser Schuld erwächst. Steinmeier tue dies mit Blick auf eine gute Nachbarschaft in einem vereinten Europa. Anders als bei seinen Vorgängern gehe es nicht mehr nur um das Erinnern und um die Bitte um Vergebung, sondern auch darum, den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Also zu einem Europa, in dem das aktive Wissen um die Gräueltaten schwindet, weil es kaum noch Zeitzeugen gibt, in dem Nationalismus und Populismus im Aufwind sind und in dem Stimmung gemacht wird gegen andere EU-Mitgliedsstaaten, etwa in der Flüchtlingspolitik.

Steinmeier und Mattarella wollen auf die dunkle Vergangenheit hinweisen, damit Europa die daraus gezogenen Lehren nicht vergisst und sich gegen solche Abgründe absichert.

Entschädigung ist kein Thema

Die Frage nach Reparationszahlungen, die in Italien immer wieder aufkommt, wird bei dem Besuch keine Rolle spielen. Die Frage ist komplex. Im Jahr 1961 hatte Deutschland pauschal 40 Millionen Mark an Italien gezahlt. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag sprach 2012 ein Grundsatzurteil, wonach Opfer von Nazi-Verbrechen vor ausländischen Gerichten nicht auf Entschädigung klagen dürfen. Zur Begründung hieß es, das würde das Prinzip der Staatenimmunität verletzen.

Aus deutscher Sicht ist damit die Frage geklärt, für Italien aber nicht. Wobei Deutschland auch andere Wege beschreitet - der Historiker Arnd Bauerkämper spricht von einer Art "verdeckter Entschädigung" durch das Investieren in Projekte, die der Aufarbeitung dienen.

Was will Fivizzano? Ein Schulprojekt

Die italienische Gemeinde Fivizzano hat sich gewünscht, dass deutsche Schüler in die apuanischen Alpen kommen und sich vor Ort mit den NS-Gräueltaten von damals beschäftigen. Das Geld dafür - erst einmal 20.000 Euro - kommt aus dem deutsch-italienischen Zukunftsfonds. Im nächsten Frühjahr sollen die deutschen Schüler dann kommen: Von den deutschen Schulen in Italien und aus dem nordrhein-westfälischen Steinhagen, der Partnergemeinde von Fivizzano.

Steinmeier gedenkt der NS-Opfer in Italien
Birgit Schmeitzner, ARD Berlin
24.08.2019 23:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 25. August 2019 um 06:35 Uhr und 07:35 Uhr.

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