Ein Unterstützer des Präsidentschaftskandidaten Carlos Alvarado schwenkt eine Regenbogenflagge und das Parteibanner | Bildquelle: AP

Costa Rica Ehe für alle entscheidet die Wahl

Stand: 01.04.2018 13:06 Uhr

Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt in Costa Rica könnte ein radikaler evangelikaler Aktivist gewinnen. Der Streit um die Ehe für alle könnte dafür entscheidend sein - die Probleme liegen jedoch woanders.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko City

Rosalia Browne, eine arbeitslose Mittfünfzigerin, verpasst keinen Gottesdienst in der Asamblea de Dios, der evangelikalen Glaubensgemeinschaft "Versammlung Gottes". Die Stimmung ist gut. Rosalia und ihre Glaubensbrüder haben Grund zur Hoffnung, dass ihr Kandidat, der Prediger Fabricio Alvarado, die Stichwahl um das Präsidentenamt gewinnt.

"Fabricio Alvarado ist nicht korrupt, so wie die anderen Politiker", ist sie überzeugt. "Er wird sich nicht bereichern, sondern sich um die Menschen kümmern. Vor allem um die Armen, um die, die nicht wissen, wie sie Essen auf den Tisch bringen sollen."

Die evangelikalen Glaubensgemeinschaften kümmern sich um die Armen, vor allem in den von der Politik vernachlässigten ländlichen Gebieten - wie überall in Mittelamerika investieren sie dabei viel Geld.

Hilfe für die Armen

Das sei ein Grund für ihren politischen Erfolg, sagt der Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung in Costa Rica, Werner Böhler. Die Evangelikalen Kirchen griffen den armen Kreisen auch materiell unter die Arme, erklärt er. "Also durchaus auch mit Alimentation, den täglichen Nahrungsmitteln. Aber auch, wenn Katastrophen eintreten."

Die habe es an beiden Küsten durch starke Stürme, Ausläufer von Hurrikans und Überflutungen gegeben. "Da hat Solidaritätshilfe stattgefunden, Wiederaufbauhilfe mit einfachen Behausungen. Das war stark mitgeprägt von diesen evangelikalen Gruppen."

Der evangelikale Präsidentschaftskandidat Fabricio Alvarado | Bildquelle: AFP
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Der evangelikale Präsidentschaftskandidat Fabricio Alvarado ist nicht nur bei Mitgliedern seiner Gemeinde beliebt.

Jahrzehntelange Korruption

Dominierendes Wahlkampfthema ist zwar die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare - im Kern geht es aber um die Enttäuschung von einer korrupten Politikerklasse, die nicht in der Lage ist die dringenden Probleme des kleinen Landes zu lösen: hohe Staatsverschuldung und zunehmende Unsicherheit.

Die beiden Parteien, die sich bis zum Sieg eines Mitte-Links-Präsidenten 2014 jahrzehntelang an der Macht ablösten, sind abgemeldet. Sie haben es nicht einmal in die Nähe der Stichwahl geschafft.

Der Evangelikale Alvarado spielte Ende vergangenen Jahres noch keine Rolle. In den Umfragen lag der Politikneuling im einstelligen Prozentbereich. Doch dann platzte im Januar eine Entscheidung des Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte mitten in den Wahlkampf: Danach müssen die Mitgliedsländer alle Paare gleichstellen, also auch heiraten lassen.

Anhänger von Carlos Alvarado demonstrieren in San Jose. | Bildquelle: REUTERS
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Das Thema Ehe für alle polarisiert Costa Rica. Während die Anhänger von Carlos Alvarado mehrheitlich dafür sind,...

Anhänger von Fabricio Alvarado demonstrieren in San Jose. | Bildquelle: AFP
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...wollen die Anhänger von Fabricio Alvarado die Entscheidung der Regierung rückgängig machen.

Bangen um den guten Ruf

Die Entscheidung geht auf eine Initiative der Mitte-Links-Regierung Costa Ricas zurück. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass der Evangelikale Alvarado dadurch im Wahlkampf hochkatapultiert würde.

Ihr Kandidat in der Stichwahl, Carlos Alvarado (nicht verwandt mit Fabricio Alvarado, Anm.d.Red.), meint im ARD-Interview, die Wahl stelle die Demokratie in Frage. "Trotz großer Fortschritte ist die Homophobie immer noch stark", sagt er. "Konservative politische Kreise haben Angst und Desinformation verschärft und dadurch polarisiert." Diese Angst helfe ihnen, fundamentalistische Positionen salonfähig zu machen.

Der Kandidat der regierenden Mitte-Links-Partei, Carlos Alvarado, winkt seinen Anhängern zu | Bildquelle: AP
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Für den Kandidaten der regierenden Mitte-Links-Partei, Carlos Alvarado, geht es bei der Wahl um demokratische Werte.

Die Frage sei, ob ein einziges Thema - die Ehe für alle - wahlentscheidend sein könne, sagt Carlos Alvarado. "Wollen wir unsere Demokratie weiterentwickeln oder nicht? Zu Recht sind wir stolz auf unsere stabile Demokratie, die uns von anderen Ländern Lateinamerikas unterscheidet." Das stehe in der Stichwahl auf dem Spiel: "Unser guter Ruf, der zum Beispiel unserem Tourismus nützt."

Die Wahl wird eine Richtungsentscheidung für Costa Rica, das jahrzehntelang auf seine stabile Demokratie, auf die Wirtschaftskraft und die Bildung seiner Bevölkerung stolz sein konnte. Jetzt könnten radikale religiöse Kräfte in den Präsidentenpalast einziehen - mit Beispielwirkung für die ganze Region.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. März 2018 um 13:30 Uhr.

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