Proteste in den Straßen von Paris | Bildquelle: AFP

Geplante Rentenreform in Frankreich Weniger Proteste, dafür radikaler

Stand: 20.01.2020 10:07 Uhr

Die Streikfront gegen die geplante Rentenreform in Frankreich scheint zu bröckeln. Die Proteste werden weniger, dafür aber radikaler. So wurde in einer beliebten Brasserie Feuer gelegt und der Louvre blockiert.

Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron suchte wohl dringend ein wenig Ablenkung. Schließlich dürfte ihm das Gezerre um sein Prestigeprojekt, die große Rentenreform, ziemlich in den Knochen stecken. Doch der Theaterbesuch mit Gattin Brigitte am Freitagabend ging in Sachen Entspannung eher nach hinten los.

Mob vor dem Theater

Kaum hatte sich die Nachricht, Macron amüsiere sich im berühmten Pariser Théâtre des Bouffes du Nord, in den sozialen Netzwerken verbreitet, rottete sich vor der Tür ein Gruppe aufgebrachter Gegner des Präsidenten zusammen. "Macron demissionne" - "Macron tritt zurück", skandierten vielleicht 100 Protestierende. Darunter linke Studenten und Anhänger eines selbsternannten Streikkommandos. Und nicht nur das, die Menge versuchte auch, in das Theater einzudringen. Der Präsident musste die Vorstellung vorübergehend verlassen, Polizeikräfte konnten nur mit Mühe den Mob vom Sturm auf das Theater abhalten. 

Feuer in der Brasserie Rotonde

Andernorts ging die Nacht weniger glimpflich aus: "Um zehn nach fünf hat man mich angerufen und gesagt, dass es in der Rotonde brennt", erzählte am Morgen Gérard Tafanel, der sichtlich erschütterte Geschäftsführer eben dieser Rotonde. Unbekannte hatten Fenster eingeschlagen und im Inneren Feuer gelegt. Die historische Brasserie ist nicht nur bei Touristen, sondern auch bei französischen Politikern und Künstlern beliebt. Macron feierte hier den Einzug in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl. Noch sind die Täter nicht gefasst. Aber es gibt Anlass zu der Annahme, dass sie bewusst das historische Lieblingslokal des Präsidenten zerstören wollten. "Wir erhalten seit langer Zeit viele Drohungen", bestätigte Tafanel.

Passanten blicken in das ausgebrannte Bistro "La Rotonde" in Paris | Bildquelle: AFP
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Die historische Brasserie in Paris: Macron feierte hier den Einzug in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl.

Blick in das ausgebrannte Bistro "La Rotonde" in Paris | Bildquelle: AFP
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Unbekannte hatten die Fenster der Brasserie eingeschlagen und im Inneren Feuer gelegt.

Louvre blockiert, Krawall in Gewerkschaft

Beide Vorfälle stehen exemplarisch für eine Zuspitzung im Streit um die Rentenreform, in dem die Gegner offenbar bereit sind, immer weiter zu gehen. Am Freitag hatten einige Dutzend Reformgegner stundenlang das Louvremuseum blockiert, andere waren in die Geschäftsräume von Frankreichs größter und reformbereiter Gewerkschaft CFDT eingedrungen und hatten auch dort für Krawall gesorgt. Sabotage an der Stromversorgung gehörte schon zu Beginn der Streiks zum Repertoire der radikalen Gewerkschaften.

Regierung fordert "Grundrespekt"

Die Regierung reagiert verstört: "Man kann ja absolut mit der Politik der Regierung nicht einverstanden sein. Trotzdem bedarf es eines Grundrespekts, der uns ein demokratisches Zusammenleben erlaubt. Was wollen sie sonst? Einen Aufstand? Und wenn die Regierung gestürzt ist, wer ermächtigt dann die neue Regierung?", fragte Staatssekretärin Emmanuelle Wargon im Sender BFMTV.

Der Historiker Jean Garrigues zog dort Parallelen zu den Protesten vor gut einem Jahr: "Auch jetzt treten wieder Formen von Gewalt und Brutalisierung des öffentlichen Raums zu Tage. Es ist ein bisschen eine Vergelbwestung dieser Gewerkschaftsbewegung."

Proteste in den Straßen von Paris | Bildquelle: AFP
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Weniger Menschen gehen auf die Straßen, allerdings gibt es mehr Krawalle.

"Wird noch schlimmer werden"

Auch die Gelbwesten waren am Wochenende in Paris wieder auf der Straße. Es waren nur noch wenige Tausend, der harte Kern. Hier fanden die radikalen Aktionen der Rentenreformgegner Applaus: "Ist doch normal, was da passiert ist. Wenn man den Menschen nicht zuhört, kommt so etwas eben. Und das wird noch schlimmer werden", prophezeite Didier, der sich mit Obelix-Helm und Zöpfen als unbeugsamer Gallier im Demonstrationszug eingereiht hatte.

Am kommenden Freitag will die Regierung die Rentenreform im Kabinett verabschieden und hofft, dadurch für etwas Ruhe zu sorgen. Manche Gegner haben angekündigt, mit dem Protest dann erst richtig loszulegen.

Über dieses Thema berichtete mdr-aktuell HF am 20. Januar 2020 um 10:30 Uhr.

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