Sendungsbild

Rückkehrer nach Syrien Von Wuppertal nach Idlib

Stand: 04.09.2020 09:21 Uhr

Vor fünf Jahren entschied die Bundesregierung, die Grenzen für Flüchtlinge offen zu lassen. So konnte der Syrer Abu Ali nach Deutschland fliehen. Inzwischen lebt er wieder in Idlib - in Trümmern und unter Lebensgefahr.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Irgendwann wollte Moaz Abu Ali einfach nur noch weg. Als freiwilliger Helfer der syrischen "Weißhelme" hatte er in Idlib nach Luftangriffen über Jahre Opfer aus den Trümmern gezogen, Leben gerettet. Er sah Kinder sterben, barg Leichen. Zweimal wurde er bei Einsätzen selbst verletzt.

Im Sommer 2015 kam er an seine Grenzen. Fast täglich bombardierten syrische und russische Kampfjets Ziele in der letzten Rebellenhochburg Syriens. Sie trafen auch Wohngebiete, Märkte, Kliniken. Bei einem gemeinsamen Rettungseinsatz starb ein enger Freund von ihm. "Diese Erfahrung hat mich sehr stark mitgenommen", erzählt der 26-Jährige rückblickend. "Es war der entscheidende Grund dafür, dass ich Syrien verlassen wollte und zu einem Ort, am dem ich mich sicherer fühlte."

Nach Luftangriffen steigt über der Stadt Binnish in der syrischen Provinz Idlib eine Rauchsäule auf | Bildquelle: AFP
galerie

Die Kampf um Idlib dauert an - die Provinz wird weiter von syrisch-russischen Militärallianz aus der Luft bombardiert.

Ein neues Leben in Wuppertal - und Ohnmachtsgefühle

Abu Ali will nach Deutschland. So wie etwa 800.000 andere Syrer seit Ausbruch des Krieges auch. Er hatte gehört, dass die Grenzen offen, Flüchtlinge willkommen seien. Es war eine beschwerliche, riskante Reise über die Türkei, das Mittelmeer und den Balkan. In Wuppertal schließlich begann er ein neues Leben: Er zog in ein Wohnheim, lernte ein wenig Deutsch, unterrichtete Arabisch.

Er fühlte sich willkommen: "Die Menschen waren sehr nett zu mir. Als sie erfahren haben, dass ich ein Flüchtling bin, haben sie mir dort wirklich sehr geholfen." Und doch litt er darunter, seinen Landsleuten im Krieg nicht helfen zu können. Die furchtbaren Bilder aus Idlib erreichten ihn auch in Deutschland. Ihn quälte das Gefühl von Ohnmacht.

Ein Jahr nach der Einreise hielt ihn nichts mehr in Wuppertal. Auf eigene Faust kehrte er zurück nach Idlib. Mit dem Flugzeug nach Griechenland, dann über die Türkei mit dem Bus nach Syrien. Abu Ali wollte niemandem zur Last fallen, auch wenn Deutschland für die freiwillige Rückkehr von Syrern bis zu 3500 Euro zahlt. Mehr als tausend Asylbewerber haben davon schon Gebrauch gemacht. Abschiebungen nach Syrien finden bislang nicht statt. Die Innenminister von Bund und Ländern halten das Land für unsicher.

Moaz Abu Ali auf privaten Handyfoto in Wuppertal | Bildquelle: Pirvat
galerie

Ein Bild aus vergangegen Tagen: Dieses Selfie machte Abu Ali in Wuppertal vor der Schwebebahn.

In Regierungsgebieten drohen Entführungen und Folter

In den Gebieten unter Kontrolle von Machthaber Baschar Al-Assad drohen Entführungen und willkürliche Verhaftungen. 1,5 Millionen Syrer sollen auf einer Liste gesuchter Personen stehen. Sie müssen Folter und Mord fürchten, wie Amnesty International in einer Studie schreibt. Häftlinge im berüchtigten Sednaja-Gefängnis etwa seien mit Stöcken und Peitschen misshandelt, mit kochendem Wasser übergossen worden. Leichen hätten dort tagelang in den Zellen herumgelegen.

Auch Abu Ali könnte bei einer Einreise nach Damaskus ein solches Schicksal blühen. Als Helfer der "Weißhelme" in Idlib gilt er der Regierung als hochverdächtig, ja sogar als Terrorist. Männliche Rückkehrer, die den Sicherheitsdiensten unverdächtig sind, müssen den Wehrdienst antreten. Mindestens zwei Jahre in der syrischen Armee dienen, womöglich auch mit Einsätzen an der Front. Allein das schreckt viele Syrer vor einer Heimkehr ab.

Zudem ist die Infrastruktur vielerorts zerstört. Ganze Stadtviertel sind nach Jahren des Krieges noch immer unbewohnbar. Hinzu kommt noch die katastrophale wirtschaftliche Lage. Schätzungsweise jeder zweite Syrer ist arbeitslos. Mehr als 80 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Die Währung ist dramatisch eingebrochen, zuletzt auch wegen neuer US-Sanktionen.

Ein Hochzeitsgesellschaft fährt durch die Straßen von Ariha in der Provinz Idlib - an Häuserruinen vorbei. | Bildquelle: AFP
galerie

Alltag in einer zerstörten Stadt: Eine Hochzeitsgesellschaft fährt durch die Straßen von Ariha in der Provinz Idlib.

Lebensmittelpreise explodieren, es fehlt an Ärzten

Die Lebensmittelpreise explodieren: Viele Menschen können sich von ihrem Monatsgehalt nur noch wenige Kilo Obst kaufen. Auch die medizinische Versorgung gilt als katastrophal. Fast jede zweite Klinik ist außer Betrieb, weil sie im Krieg beschädigt wurde. Es fehlen Ärzte, Medikamente, während die Corona-Infektionen rapide steigen.

Besonders hart hat es die Menschen in Idlib getroffen. Seit März gilt in der jahrelang umkämpften Provinz zwar eine Waffenruhe. Niemand aber weiß, wie lange sie hält. Immer wieder flammen an der Front Gefechte auf. Auch in der Rebellenhochburg unter Kontrolle islamistischer Milizen gibt es kaum Jobs, die Preise sind massiv gestiegen. Viele Waren, auch Medikamente, sind unerschwinglich. Hunderttausende wurden aus anderen Landesteilen vertrieben, leben nun in Zelten. Die Menschen sitzen in der Falle, denn der Weg in die Türkei ist ihnen versperrt.

Eine Rückkehr nach Syrien: Die Geschichte von Moaz Abu Ali
Tagesthemen 21:45 Uhr, 04.09.2020, Daniel Hechler, ARD Kairo

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Zurück bei den "Weißhelmen"

Abu Ali hat in einem halb zerstörten Haus eine neue Bleibe gefunden. Er engagierte sich trotz der Risiken wieder bei den "Weißhelmen". Bei einem Einsatz brach er sich das Becken, musste drei Monate im Bett liegen. Dennoch versuchte er, wieder Wurzeln zu schlagen in seiner alten Heimat. Er heiratete, bekam eine Tochter, studiert nun an der Universität von Idlib.

Und doch bangt der 26-Jährige um das Schicksal seiner kleinen Familie. Seine Tochter erlebte etliche Luftangriffe, weinte deshalb oft, wie er erzählt. In solchen Momenten bedauert Abu Ali seine Rückkehr nach Syrien. Und doch ist er auch froh, dass er so vielen Menschen helfen konnte in seiner Heimat. Seine Zukunft sieht er hier, nicht in Deutschland. Auch wenn er das Land gerne wieder besuchen möchte, irgendwann einmal. 

Die Reportage von Daniel Hechler sehen Sie auch in den Tagesthemen, heute um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 04. September 2020 um 21:45 Uhr.

Darstellung: