Zerstörter Tanklaster nach dem Luftangriff von Kundus

Tanklaster-Bombardement Die Schicksalsnacht von Kundus

Stand: 04.09.2019 03:36 Uhr

Der 4. September 2009 hat die Bundeswehr und deren Einsatz in Afghanistan verändert. Ein deutscher Oberst ließ nahe Kundus zwei Bomben auf von Taliban entführte Tanklaster abwerfen. Viele Zivilisten starben.

Christoph Heinzle und Kai Küstner, NDR

In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009, einer Vollmondnacht, steht der deutsche Oberst Georg Klein vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens: Tut er nichts, so fürchtet der Kommandeur des Bundeswehr- Lagers in Kundus, könnten die Taliban zwei von ihnen entführte Tanklaster als rollende Bomben gegen sein Camp einsetzen. Zerstört er die Fahrzeuge, könnten im Flammenmeer afghanische Zivilisten sterben.

"Ich meine, ich weiß nicht, ob wir da was abwerfen können, was meinst Du?", sagte einer der beiden US-Jet-Piloten, die Oberst Klein als Verstärkung angefordert hatte. "Es gibt keine unmittelbare Bedrohung. Nein", sagte der andere.

10 Jahre nach Angriff auf Tanklaster im afghanischen Kundus
tageschau 24 11:00 Uhr, 04.09.2019

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Piloten plagten Zweifel

Die beiden Piloten plagten Zweifel. Das belegt der Originalfunkverkehr, der in einem ARD-Doku-Drama nachgestellt ist. Unten am Boden hatten sich die Räder der Lastzüge in den Morast des Kundus-Flusses gefressen. Sie steckten manövrierunfähig in der Sandbank fest. Die Taliban riefen die Bewohner umliegender Dörfer herbei, die sich Benzin abzapften. Es wimmelte von Menschen. Die Zeit drängte. Der Oberst musste entscheiden. Doch es schien einen Ausweg zu geben.

Gleich mehrfach bieten die F15-Piloten an, die Afghanen durch Tiefflüge in die Flucht zu schlagen. Die Deutschen im Gefechtsstand lehnen ab. Womöglich witterte Oberst Klein eine Gelegenheit, hochrangige Taliban-Anführer auszuschalten. Ein Informant am Boden hatte immer wieder gemeldet, es seien keine Zivilisten vor Ort. Es war ein verhängnisvoller Trugschluss.

500-Pfund-Bombe auf jeden der Laster

Um 1.51 Uhr ließ Klein auf jeden der Laster eine 500-Pfund-Bombe abwerfen. Danach ging der deutsche Oberst schlafen. Doch als Deutschland am nächsten Tag erwachte, war die Welt eine andere geworden.

"In der Wahrnehmung der deutschen Politik hat Deutschland an diesem Tag seine Unschuld verloren", sagt Rainer Glatz, damals Chef des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr und somit verantwortlich für alle Auslandseinsätze der Deutschen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei einem Luftangriff dieser Dimension keine zivilen Opfer gibt, die habe ich mir gar nicht vorstellen können."

Die Illusion ging endgültig in Flammen auf

Genau das aber hatte die Bundeswehr auf ihrer Internetseite in einer ersten Pressemitteilung behauptet: Zivilisten seien nicht zu Schaden gekommen. Schnell wurde klar, dass in dieser Nacht die Illusion endgültig in Flammen aufging.

"Es ist für mich außer Frage, dass Einsatzregeln verletzt worden sind", sagte Verteidigungsexperte Omid Nouripour, der für die Grünen im damals eingesetzten Bundestags-Untersuchungsausschuss saß. "Ich glaube, dass der Oberst wirklich nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat. Ich glaube, dass er kein schlechter Mensch ist und es geht nicht darum, ihm jetzt an die Gurgel zu gehen für eine Situation, in der viele andere sicher auch überfordert gewesen wären", sagte Nouripour im Interview für die NDR-Info-Radio- und Podcastserie "Killed in Action".

Aber wenn jemand am Ende des Tages nachweislich Regeln verletze und es nicht mal ein Disziplinarverfahren gebe, dann mache das einfach ein ganz schlechtes Vorbild für den Rest der Truppe.

Debatte mitten im Wahlkampf

Die Debatte über die Schicksalsnacht von Kundus traf Deutschland im September 2009 mit voller Wucht und mitten im Wahlkampf. Warum hatte der deutsche Oberst "Feindkontakt" gemeldet, obwohl deutsche Soldaten sich nicht in unmittelbarer Nähe befanden? Warum fürchtete er einen Angriff, wo die Taliban doch ursprünglich die Laster vom Camp weg auf die andere Seite des Flusses zu bringen suchten? Warum folgte er nicht den kurz zuvor aufgestellten Regeln der Afghanistan-Schutztruppe ISAF, Luftangriffe möglichst zu unterlassen?

Der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg, der kurz nach dem Tanklaster-Angriff Verteidigungsminister wurde, sprach im NDR-Interview von "Fehlern", versuchte aber gleichzeitig, Oberst Klein in Schutz zu nehmen. "Man muss schon sehr genau unterscheiden zwischen einer menschlichen und einer dienstlichen Dimension eines solchen Vorkommnisses wie Kundus", sagte er. "Und es ist die Aufgabe und Pflicht eines Dienstherrn, Menschen, die auch Fehler machen, nicht fallen zu lassen."

Christoph Heinzle, NDR Info, zu den Hintergründen der Bombardierung
tagesschau24 11:00 Uhr, 04.09.2019

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Personelle Konsequenzen

Die Ermittlungsverfahren gegen Klein wurden eingestellt. Die Bundeswehr beförderte ihn später sogar zum General. Personelle Konsequenzen gab es aber doch: Unter anderem traten wegen der Informationspannen im Verteidigungsministerium ein Staatssekretär, der Generalinspekteur und  nachträglich auch der zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs zuständige Minister Franz Josef Jung zurück. Im NDR-Interview sagte er rückblickend: "Ich kann mir eigentlich keinen Fehler vorwerfen, da haben Sie vollkommen recht."

Aber warum ist er dann zurückgetreten? "Die Frage stellen heute alle. Aber es war damals ein solcher Medien-Hype, dass ich der Meinung war, man müsse sozusagen die Bundeswehr ein Stück aus dem Schussfeld nehmen", so Jung.

Eins jedenfalls war nach dem 4. September 2009 kaum mehr zu leugnen: Dass die Deutschen in Afghanistan in einen Krieg verwickelt waren.

Bundeswehr-Afghanistaneinsatz: Tod, Trauer, Verwundung
Christoph Heinzle, NDR
04.09.2019 05:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. September 2019 um 07:37 Uhr.

Korrespondent

Christoph Heinzle, NDR Logo NDR

Christoph Heinzle, NDR

Darstellung: