Eine Sefer-Thora wird von Hand geschrieben | Bildquelle: dpa

Ultra-orthodoxe Politiker in Israel Sehnsucht nach dem Gottesstaat

Stand: 05.06.2019 11:16 Uhr

Rückkehr zur Geschlechtertrennung, das Thorarecht als Grundlage: Ultra-orthodoxe Politiker Israels wollen das Land radikal verändern.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Der Mann hat große Pläne, und er teilt sie gerne mit anderen. Bezalel Smotrich, Parlamentsabgeordneter des national-religiösen Parteienbündnisses rechte Union, will israelischer Justizminister werden. Und er will das Land radikal verändern.

Langfristig stelle er sich einen Staat vor, dessen Gesetze sich an der Thora orientieren, erklärte Smotrich. "Wir wollen das Thorarecht als Grundlage, und es wird so kommen. Wie Nablus, Hebron, die Klagemauer und der Tempelberg zu uns zurückkehrten, wird auch das Thorarecht zu uns zurückkommen."

Theokratie nach jüdisch-religiösem Recht

Was folgte, war Empörung. Für die Kritiker des national-religiösen Smotrich sind seine Vorstellungen nicht weniger als ein Wandel der rechtsstaatlichen säkularen Demokratie in Israel in eine Theokratie nach jüdisch-religiösem Recht. Ein Land also, in dem die Thora-Auslegung konservativer Rabbiner die Rechtskraft von Richtersprüchen hätte.

Horror für die Opposition

Das ist die Horrorvision von Oppositionspolitikern wie dem Liberalen Yair Lapid, der Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu einen Ratschlag erteilte. "Jeder, der Smotrichs Erklärung hörte, er wolle Justizminister werden, damit im Staat Israel das Thorarecht angewandt wird, versteht nun den ganzen Wahnsinn der Zeit, in der wir uns befinden. Ich rate Netanyahu: Wenn Sie wegen der Vergehen, derer Sie angeklagt sind, verurteilt werden, dann wollen Sie nicht, dass für Ihr Strafmaß Thorarecht angewandt wird."

Ein orthodoxer Jude schreibt die letzten Buchstaben auf eine Thora-Rolle | Bildquelle: dpa
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Ein orthodoxer Jude schreibt die letzten Buchstaben auf eine Thora-Rolle. Ultra-orthodoxe Politiker wollen, dass das israelische Volk nach den strengen Religionsregeln der Thora lebt.

Premierminister Netanyahu droht ein Korruptionsprozess. Außerdem stehen Neuwahlen im September an, weil es Netanyahu nicht gelang, nach den gerade erst abgehaltenen Wahlen im April eine Regierung zu bilden. Grund für das Scheitern seiner Gespräche war ein Streit zwischen einer säkularen und zwei streng-religiösen Parteien über die mögliche Einführung der Wehrpflicht für ultra-orthodoxe jüdische Männer.

Netanyahu beschwichtigt

Im aktuellen Streit über die Theokratie-Ideen von Smotrich bemühte sich Netanyahu ums Glätten der Wogen. Israel werde kein Staat nach jüdisch-religiösem Recht werden, erklärte der Regierungschef, und israelische Medien meldeten unter Berufung auf die Führungsebene von Netanyahus Likud-Partei, Smotrich habe nach diesen Äußerungen keine Chance mehr Justizminister zu werden.

Die Debatte um das Thorarecht steht stellvertretend für die Versuche streng und national-religiöser Politiker mehr Einfluss auf das Wesen des Staates zu nehmen. Die israelische Gesellschaft wird immer religiöser, das bestätigte das Wahlergebnis vom April. Der Anteil streng-religiöser Juden an der Gesamtbevölkerung liegt mittlerweile bei 15 Prozent. Bei der Staatsgründung 1948 war es ein Prozent.

Geschlechtertrennung bald wieder aktuell?

Über Gesetzgebung versuchen ultra-orthodoxe Politiker den säkularen jüdischen Israelis Regeln vorzuschreiben. So verlangte einem Medienbericht zufolge die Partei des Vereinigten Thora-Judentums während der Koalitionsgespräche, ein Gesetz, das die Geschlechtertrennung verbietet, abzuschaffen. Der Abgeordnete des Vereinigten Thora-Judentums Uri Makleff sagte dazu: "Es gab einen Entwurf, den wir dem Likud vorlegten, aber über diesen Paragrafen wurde nicht wirklich gesprochen, da die Koalitionsverhandlungen nicht weitergeführt wurden."

Sollten die streng religiösen Politiker vom Vereinigten Thora-Judentum nach den Neuwahlen im September erneut Koalitionsgespräche führen, könnte die Geschlechtertrennung wieder aktuell werden. Das Ringen zwischen säkularen und streng und national-religiösen Juden um das Wesen des israelischen Staates wird ganz sicher weiter gehen.

 

Sehnsucht nach Theokratie? - Streit über Einführung von Thora-Recht
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
05.06.2019 09:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 05. Juni 2019 um 14:50 Uhr.

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