Die Explosion in Tianjin aus der Ferne

Ein Jahr nach den Explosionen in Tianjin "Ich will nie mehr zurück"

Stand: 12.08.2016 14:26 Uhr

Chemie-Explosionen im Hafen der Millionenstadt Tianjin vor einem Jahr: Mehr als 160 Menschen starben, fast 1000 wurden verletzt, Tausende Wohnungen zerstört. Die Häuser wurden aufgebaut, doch viele Menschen wollen nicht zurück.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Beijing, z.Zt. Tianjin

Wir fahren mit dem Auto durch Binhai, den Stadtteil der nordchinesischen Millionenstadt Tianjin, der von den Chemie-Explosionen betroffen war. Links und rechts der Straße stehen moderne Hochhäuser. "Das war unsere Wohnung", ruft Frau Qi auf einmal und zeigt auf ein Fenster. Wir fahren langsamer und versuchen auf das Gelände zu kommen, auf dem das Hochhaus steht, doch die Wachleute lassen nur Anwohner mit Ausweis rein. Die Polizei fährt Patrouille in dem Wohngebiet. Journalisten werden hier nicht gerne gesehen. In den letzten Wochen kamen viele hier her. Chinesische und ausländische Journalisten. Alle wollen wissen, wie es hier jetzt aussieht, ein Jahr nach den verheerenden Explosionen.

Wohnhäuser in Tianjin
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Die Wohnhäuser in Tianjin wurden wieder aufgebaut - nur wohnen will hier kaum jemand.

Fast alles verloren

Frau Qi ist Mitte 30 und hat bei der Katastrophe fast alles verloren. Ihren Vornamen will sie nicht nennen, sie möchte anonym bleiben. Frau Qi hatte Glück im Unglück. Am 12. August vergangenen Jahres war sie mit ihren beiden Kindern bei ihren Eltern, 30 Kilometer vom Ort der Explosion entfernt. Selbst in dieser Entfernung konnten sie die Erschütterungen spüren, die Erde bebte. Dass ihre Familie einer Katastrophe entkommen war, wurde Frau Qi erst klar, als sie ihr Telefon anstellte: "Ein Freund hatte mir eine Nachricht geschrieben: Seid ihr noch vor Ort? Wir sind verletzt, was ist mit euch? Die Fenster in eurer Wohnung sind alle kaputt. Sollen wir euch retten?"

Nach der Explosion ging Frau Qi drei Mal in die stark beschädigte Wohnung zurück, um Dokumente und persönliche Gegenstände zu retten. Vieles musste sie aber zurücklassen, weil es zerstört war. Möbel zersplittert, alles mit Glasscherben übersät, ein übler Gestank hing in der Luft: "Zu der Zeit hatte ich die US-Serie 'The Walking Dead' geschaut. Jedes Mal, wenn ich zurück in der Wohnung war, fühlte ich mich, wie in der Serie. Danach dachte ich immer, ich bin einem Ort voller Zombies entkommen. Ich wollte nie mehr zurück. Es machte mich sehr traurig."

Ein paar Tausend Euro für Möbel

Der Staat hat eine Entschädigung gezahlt, umgerechnet gab es ein paar Tausend Euro für die Möbel. Dazu ein paar hundert Euro, um in der Zwischenzeit eine andere Wohnung mieten zu können. Nicht genug, sagt Frau Qi. Die Familie beschloss, nicht mehr zurückzukehren und die Wohnung aufzugeben. Der chinesische Staat kaufte sie zurück, für 130 Prozent des damaligen Kaufpreises: "Die meisten haben ihre Wohnung an den Staat verkauft. Damals dachten alle, das ist ein guter Preis. Heute denken wir anders darüber. Mit dem Geld kann man sich heute keine vergleichbare Wohnung mehr kaufen. Die Preise sind viel höher jetzt."

Wohngebiet - wie ausgestorben

Von der Katastrophe sieht man heute kaum noch was. Die zerstörten Gebäude im Hafen sind weitgehend abgerissen. Die verseuchte Erde ist mit Folien abgedeckt. Der Ort der Explosion ist weiterhin für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Fensterscheiben im Wohngebiet sind fast alle ersetzt, die zerstörten Wohnungen repariert. Doch das Wohngebiet wirkt ausgestorben. Die meisten Menschen wollen nicht mehr zurück. Viele Wohnungen stehen leer.

Nach den Explosionen im vergangenen Jahr gab es heftige Kritik am Krisenmanagement. Medien konnten nicht frei berichten, die Behörden löschten massenweise Posts im Internet. Lange Zeit war nicht klar, was die Explosionen ausgelöst hatte. Auch die Feuerwehr schien nicht gewusst zu haben, welche Chemikalien im Spiel waren. Viele Feuerwehrleute kamen in den Flammen ums Leben.

Greenpeace kritisiert mangelnde Transparenz

Der generelle Umgang mit Chemieanlagen und Chemikalien in China geriet nach der Explosion in den Fokus. Auch heute, ein Jahr nach der Katastrophe beklagt Cheng Qian von Greenpeace in Peking, dass es nicht genügend Transparenz gibt: "Obwohl es einige Regelungen für gefährliche Chemikalien in China gibt, sind die meisten Details nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Regierung stellt diese Informationen weiterhin nicht von sich aus zur Verfügung."

Die Umweltschutzorganisation lobt zwar, dass Regierung und Behörden mittlerweile bei der Schaffung von Gesetzen verstärkt zusammenarbeiten. Dennoch gebe es noch viel zu tun. Noch immer existiere keine zusammenhängende Regelung in China für die Handhabung von gefährlichen Chemikalien, sagt die Chemie-Expertin von Greenpeace: "In der EU und in den USA beispielsweise gibt es sehr fortschrittliche Regelungen. Chemikalien sind Teil unseres modernen Lebens. Wir profitieren wirtschaftlich von Chemie-Produkten, aber wir sollten auch den Gefahren Aufmerksamkeit schenken, beziehungsweise dem potentiellen Schaden, den sie der Gesundheit und der Umwelt zufügen können."

Ohne psychologische Hilfe

Frau Qi und ihre Familie hatten Glück, sie waren bei der Explosion in Tianjin vor einem Jahr nicht in ihrer Wohnung. Ihr Leben hat sich seitdem trotzdem komplett verändert. Alle Nachbarn und Freunde leben heute woanders. Neben dem Sachschaden, den die Regierung teilweise kompensiert hat, bleibt der seelische Schaden - mit dem sie ganz alleine gelassen wurden: "Psychologische Hilfe gibt es gar keine. Vielleicht, weil wir so viele Menschen sind in China. Von der Regierung gibt es da keine Unterstützung. Das Volk hat sich daran gewöhnt, ohne solche Hilfe klarzukommen. Ich glaube China ist ein starkes Land, die Menschen haben sehr gute Selbstheilungskräfte."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2016 um 13:21 Uhr

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