Menschen auf einem Bahnhof in Seoul sehen eine Fernsehnachrichtensendung in der sich der nordkoreanische Machthaber für die Erschießung eines südkoreanischen Ministerialbeamten nahe der Seegrenze durch seine Soldaten entschuldigt. | Bildquelle: AFP

Vorfall an nordkoreanischer Grenze Kim entschuldigt sich für getöteten Südkoreaner

Stand: 25.09.2020 14:04 Uhr

Ein Südkoreaner wurde offenbar von nordkoreanischen Soldaten erschossen und verbrannt. Seit einer Patrouillenfahrt war er verschwunden. Nordkoreas Machthaber Kim entschuldigte sich persönlich - eine ungewöhnliche Reaktion.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hat sich für die Erschießung eines südkoreanischen Ministerialbeamten nahe der Seegrenze durch nordkoreanische Soldaten entschuldigt. Das berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf das Präsidialamt. Kim habe mitgeteilt, dass ihm der "unerwartete" und "bedauerliche" Vorfall "sehr leid tut", so ein Berater des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In, Suh Hoon. Die Soldaten hätten auf den Mann in der Annahme geschossen, es handele sich um einen Eindringling. Kim habe den Vorfall als "schändliche Angelegenheit" bezeichnet. Er bat demnach um Entschuldigung dafür, dass er "Präsident Moon Jae In und die Südkoreaner enttäuscht" habe. Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein nordkoreanischer Machthaber sich beim Rivalen Südkorea entschuldigt.

Ein Schlag für die innerkoreanischen Beziehungen

In Südkorea gilt der Vorfall als Schlag für die Bemühungen der Regierung, den abgerissenen Dialog mit dem Nachbarland wieder aufzunehmen. Der Nationale Sicherheitsrat verurteilte das Vorgehen Nordkoreas. Es könne aus keinem Grund gerechtfertigt werden, dass Soldaten einen südkoreanischen Staatsbürger, der unbewaffnet gewesen sei, erschossen und seinen Leichnam geschändet hätten, hieß es.

Der Vorfall hatte sich Anfang der Woche ereignet. Nach Angaben Seouls war der 47-jährige Beamte des Ministeriums für Ozeane und Fischerei während einer Dienstfahrt auf einem Patrouillenschiff nahe der Seegrenze vor der Westküste Südkoreas unterwegs, als er plötzlich vom Boot verschwand. Das gab in seiner Heimat Rätsel auf. Er wurde daraufhin als vermisst gemeldet.

Mit Rettungsjacke im Wasser treibend erschossen

Später berichtete die nationale Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Informanten, er sei möglicherweise auf nordkoreanischer Seite erschossen worden. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Mann nach Nordkorea absetzen wollte. Eine Bestätigung dafür gab es zunächst nicht.

Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in  und Verteidigungsminister Suh Wook halten eine Schweigeminute für die Erschießung eines südkoreanischen Ministerialbeamten nahe der Seegrenze durch seine Soldaten. | Bildquelle: YONHAP/EPA-EFE/Shutterstock
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Die südkoreanische Regierung verurteilte die Tat und forderte, dass die Verantwortlichen bestraft werden.

Südkoreas Militär erklärte daraufhin, die Erschießung könne anhand der Auswertung geheimdienstlicher Informationen bestätigt werden. Demnach hatte am Dienstag ein nordkoreanisches Patrouillenboot den mit einer Rettungsjacke bekleideten Mann im Meer aufgespürt. Die Besatzung habe sich Gasmasken aufgesetzt und ihn aus sicherer Entfernung befragt. Er sei noch im Wasser treibend erschossen worden.

Drastische Corona-Maßnahme?

Südkorea hatte zuvor eine Suche nach ihm mit Schiffen und Flugzeugen eingeleitet. Zunächst hatte es geheißen, die Strömung könnte ihn in nordkoreanische Gewässer getrieben haben. Laut Yonhap liegen jedoch inzwischen Informationen vor, dass Nordkorea die Leiche des Beamten als Maßnahme gegen eine potenzielle Verbreitung des Coronavirus eingeäschert habe. Auch der hochrangige südkoreanische Militärangehörige Ahn Young Ho sagte, Nordkorea habe den Beamten wahrscheinlich den verschärften Coronavirus-Richtlinien folgend erschossen, das "willkürliches Schießen" beinhalte.

Verteidigungsminister Suh Wook erklärte, man gehe davon aus, dass der Beamte nach Nordkorea habe überlaufen wollen, weil er seine Schuhe auf dem Schiff gelassen, eine Rettungsweste angezogen und Zuflucht auf dem schwimmenden Objekt gesucht habe, als er in nordkoreanischen Gewässern aufgefunden wurde.

Südkoreanischer Geheimdienst ermittelt

Der südkoreanische Geheimdienst untersucht derzeit, was den Mann dazu gebracht haben könnte, in das abgeschottete Nachbarland überzulaufen. Berichte über übergelaufene Südkoreaner sind selten. Im Juli war ein nordkoreanischer Flüchtling, der drei Jahre in Südkorea gelebt hatte, in seine Heimat zurückgekehrt. Südkoreas Militär vermutete damals, dass der Mann von der grenznahen Insel Ganghwa nach Nordkorea hinübergeschwommen war.

Seltene Entschuldigung aus Nordkorea
Martin Fritz, ARD Tokio
25.09.2020 12:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. September 2020 um 10:00 Uhr.

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