Ein Jugendlicher in Baltimore. | Bildquelle: AFP

Baltimore gegen Trump "Lieber ein paar Ratten als selbst eine zu sein"

Stand: 30.07.2019 06:03 Uhr

Nachdem US-Präsident Trump die Stadt Baltimore als einen von Ratten und Nagetieren verseuchten Dreck bezeichnet hatte, regt sich nicht nur dort stimmgewaltiger Protest.

Von Martina Buttler, ARD-Studio Washington

"Lieber ein paar Ratten haben, als selbst eine sein" - schreibt die "Baltimore Sun". Eine klare Botschaft an Donald Trump. Unter dem Hashtag #WeAreBaltimore posten Menschen aus der Stadt mit etwas mehr als 600.000 Einwohnern Fotos von ihren Straßen, die mit Bäumen gesäumt sind. Bilder von Straßenmärkten und Musikern und Porträts vor der glitzernden Skyline des schicken Hafens, der Touristen anzieht. Sie stehen auf für ihre Stadt - auch wenn sie Probleme hat.

Fotograf Devin Allen ist hier geboren. Er lebt in Baltimore, fotografiert seine Leute und ihr Leben. Dass die Stadt Probleme hat, daraus hat er schon vor Jahren keinen Hehl gemacht:

"Es gibt so viele Probleme hier von der Kriminalität über Drogen und das Schulsystem."

Trumps Attacken auf den demokratischen Kongressabgeordneten Elijah Cummings, in dessen Wahlbezirk Baltimore liegt, riefen eine Protestwelle in der Stadt und über ihre Grenzen hinaus hervor. | Bildquelle: AFP
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Trumps Attacken auf den demokratischen Kongressabgeordneten Elijah Cummings, in dessen Wahlbezirk Baltimore liegt, riefen eine Protestwelle in der Stadt und über ihre Grenzen hinaus hervor.

309 Morde im vergangenen Jahr

Im vergangenen Jahr sind 309 Menschen in Baltimore ermordet worden. Die meisten von ihnen sind durch Waffengewalt gestorben. Donte Hickman kennt die Probleme seiner Stadt, weil er sie selbst erlebt hat, bevor der schwarze Mann Pastor wurde:

"Ich gehörte zu den Leuten, die Autos geklaut, Drogen genommen, Drogen verkauft haben, bin mehrfach aus der High School geflogen. Jede Generation stand an den gleichen Straßenecken, nahm Drogen, kam in den Knast, kam wieder raus, nahm wieder Drogen. Ein endloser Kreislauf."

In Baltimore gibt es wohlhabendere Viertel, wo beispielsweise das renommierte Johns-Hopkins-Krankenhaus steht. Durch Bahnlinien oder große Straßen getrennt davon sind die ärmeren Blocks mit leerstehenden, zum Teil mit Brettern vernagelten Häusern. Auf beiden Seiten unterschiedliche Welten.

Polizei diskriminiert

2016 kam eine Untersuchung des US-Justizministeriums zu dem Schluss, dass die Polizei in Baltimore über die Maßen gewaltsam vorgehe und nach Hautfarben diskriminiere. Bill Janu, ein weißer Polizist in Baltimore, gibt zu, dass er bei seinen Einsätzen an sozialen Brennpunkten lange ein Raster im Kopf hatte, wenn er dort schwarze Jungs gesehen hat:

"Ich habe nie das Potential gesehen, das in ihnen stecken könnte. Stattdessen habe ich gedacht: Naja, die werde ich womöglich in zehn Jahren festnehmen, wenn sie erwachsen sind."

 Als der weiße Polizist sich in die schwarze Anwältin Shanna verliebt, überprüft er seine Vorurteile und merkt, wie sehr seine Arbeit jeden Tag dadurch geprägt war. Er weiß, dass ihr gemeinsamer Sohn später womöglich mal einer der jungen Männer sein könnte, den ein Polizist mit Vorurteilen härter anpackt.

Baltimore vereint gegen Trump

Trotz aller Probleme verteidigen die Menschen ihr Baltimore gegen die Angriffe von Donald Trump. Der Sportartikel-Hersteller Under Armour hat hier seit Jahren seine Zentrale, ist einer der größten Arbeitgeber in der Stadt. Ihr Chef hat auf Instagram ein Video gepostet - Liebeserklärung und Aufruf an Baltimore in einem.

Die Welt schreibt Baltimore nicht ab, heißt es da. Egal, was die Herausforderung sei - die Stadt und ihre Menschen würde sie meistern. Fotograf Allen hat auf Twitter eine Bilderflut eingestellt. Fotos von Männern, Frauen und Kindern. Sie tanzen, essen Eis, demonstrieren oder sitzen einfach auf einer Treppe. Er will wie bei seinem Buch "A Beautiful Ghetto" sein Baltimore zeigen:

"Ich will den Alltag hier zeigen. Zeigen, wie schön meine Stadt ist - trotz aller Probleme wie Vergiftungen durch bleihaltige Farben, leerstehende Häuser oder Gewalt."

In Baltimore aufzuwachsen, sei Geschenk und Fluch in einem gewesen, twittert Allen. Viele seiner Freunde seien Opfer von Gewaltverbrechen geworden, allein in diesem Jahr waren es zehn. Baltimore sei nicht perfekt, aber er liebe seine Stadt.

Baltimore wehrt sich gegen Trumps Beschimpfungen und diskutiert die Probleme der Stadt
Martina Buttler, ARD Washington
30.07.2019 06:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. Juli 2019 um 06:08 Uhr.

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