Trump am Rednerpult | Bildquelle: AP

Corona und der US-Wahlkampf Trump auf Entzug

Stand: 26.05.2020 01:17 Uhr

Die Corona-Krise hat den US-Wahlkampf ausgebremst. Trump, der Auftritte vor Massen genießt, werden schon Entzugserscheinungen nachgesagt. Er drängt wohl auch deshalb vehement auf eine Rückkehr zur Normalität.

Eine Analyse von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

"USA, USA", rufen 10.000 Menschen in der Arena von Charlotte, North Carolina. Minutenlang stehende Ovationen für US-Präsident Donald Trump, bei dessen bislang letzter Wahlkamp-Rallye vor der Corona-Pandemie, am 2. März. Kürzlich war der Präsident wieder unterwegs, in einem Logistikzentrum für Medizingüter in Pennsylvania. Auch hier erschallte Trumps übliche Wahlkampf-Hymne. Doch bei nur rund drei Dutzend im Saal verteilten Arbeiter klang der Applaus deutlich verhaltener.

Trump genoss den Auftritt trotzdem. Lobte die Mitarbeiter fürs Abstand halten. Und erzählte, wie toll die Fahrt vom Flughafen war. Als eine Menschenmenge mit Trump-Schildern und Hüten die Straßen säumte.

Pressekonferenzen statt Auftritte

Der US-Präsident braucht Publikum. Und verkraftete den abrupten Entzug wegen der Corona-Einschränkungen nur schwer. Der Lagerkoller war zwischendurch so stark, dass Trumps Zeitgefühl völlig durcheinander geriet. Er habe das Weiße Haus seit Monaten nicht verlassen, klagte der Präsident am 20. April - da waren es erst sechs Wochen.

Wenn das Bad in der Menge nicht möglich ist, müssen Einschaltquoten genügen. Auf dem Höhepunkt der Pandemie prahlte der Präsident bei Twitter, dass mehr Menschen seine täglichen Pressekonferenzen verfolgen würden als American Football-Spiele oder das Finale der Dating-Realityshow "The Bachelor". Als die Quoten sanken, ließ Trumps Begeisterung für das Format schlagartig nach - zumal er nach eigenem Bekunden die Journalisten-Fragen für völlig überflüssig hält und die Medien für feindselig.

Aktuelle Termine offiziell kein Wahlkampf

Inzwischen lässt Trump keine Gelegenheit aus, direkt vor Publikum zu sprechen, besonders gerne in Fabriken, die Masken, Tests oder Beatmungsgeräte herstellen. Offiziell sind diese Termine kein Wahlkampf und werden vom US-Steuerzahler finanziert. Aber es ist sicher kein Zufall, dass sie Trump bislang in jene Staaten geführt haben, die er für seine Wiederwahl braucht. 

Sein designierter Herausforderer Joe Biden sitzt dagegen meist immer noch im Heimstudio im Keller seines Hauses in Delaware. Er halte sich eben an die Regeln, verteidigte sich der ehemalige Vize-Präsident kürzlich in einem Radio-Interview. Und behauptete: Es würde ihm nichts schaden, auch mit virtuellen Auftritten erreiche er Millionen Menschen. Und er läge in landesweiten Umfragen klar vorn.

Joe Biden erweist am Memorial Day im Memorial Bridge Veteran's Memorial Park in New Castle, Delaware, den gefallenen Kriegsdienstleistenden seinen Respekt | Bildquelle: AFP
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Biden legte Blumen am Kriegerdenkmal nieder - und trug dabei eine Atemmaske in schwarz.

Trump macht Druck auf North Carolina

Gestern, am Memorial Day, dem Feiertag für die Kriegsgefallenen, traute sich auch Biden mal wieder hinaus, besuchte mit Frau und natürlich mit Maske ein Kriegsdenkmal in seiner Heimatstadt Wilmington. Der Präsident - ohne Maske - hielt eine Rede vor Soldaten in einem historischen Fort in Baltimore. Obwohl ihn Baltimores demokratischer Bürgermeister aufgefordert hatte, auf einen Besuch zu verzichten. Die Hafenstadt ist noch im Lockdown.

Spätestens Ende August will Trump um jeden Preis wieder Auftritte vor vollem Haus, so wie einst vor Corona, beim Nominierungsparteitag der Republikaner in North Carolina. Weil der demokratische Gouverneur des Bundesstaates ihm das bislang nicht versprechen will, drohte Trump jetzt sogar damit, den Parteitag notfalls woanders abzuhalten.

Trump sehnt sich nach Wahlkampf-Bad in der Menge
Julia Kastein, ARD Washington
26.05.2020 07:17 Uhr

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