Donald Trump | Bildquelle: AFP

Trumps Rhetorik Mit Paralipsen gegen "den Sumpf"

Stand: 29.09.2020 03:38 Uhr

Pöbeleien und Falschbehauptungen: Eine US-Rhetorikprofessorin erklärt, warum sie US-Präsident Trumps Redestil "anspruchsvoll und kontrolliert" findet - und welche Tricks sie beim Fernsehduell erwartet.

Von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

"Jetzt spreche ich schon eine halbe Stunde zu Euch und bin erst in der zweiten Zeile des Manuskripts", sagt US-Präsident Donald Trump und lacht. "Die sind wirklich klasse, die Leute, die diese Teleprompter füllen. Aber ich muss euch ein paar andere Dinge sagen." Das Publikum jubelt, Trump steht auf der Bühne und ist in seinem Element.

Er spricht darüber, wie er die beste Wirtschaft aller Zeiten für die USA geschaffen habe, schweift ab zum demokratischen Herausforderer Joe Biden: wie der dem Sozialimus die Tür öffne, während er, Trump, gemeinsam mit den Menschen vor der Bühne die wahren amerikanischen Werte schützen werde. "Sleepy Joe", den "verschlafenen Joe" nennt er ihn, holt sich ein paar Lacher ab, um dann gleich zu sagen: "Der ist ja lieb, aber eine Marionette der Radikalen".

Mitten im Satz hört er auf. Ihm scheint gerade etwas eingefallen zu sein - zum Beispiel wie China die USA ausplündere. Er spricht kurz darüber, kommt dann wieder auf die "linke Bedrohung", Anarchisten und Brandstifter zu sprechen, lobt nebenbei einen Abgeordneten - und kehrt dann zurück auf Millionen neuer Arbeitsplätze, die das Land ihm zu verdanken habe.

Sprachliche Zirkel und Bedrohungsszenarien

Trump spricht in sprachlichen Zirkeln. Er nutzt Themen als rote Fäden, die einen hohen Wahrheits- und Zustimmungsgehalt haben. Seine anderen Thesen webt er sprachlich so ein, dass sie psychologisch als ebenfalls wahr abgespeichert werden. Er sei sehr sorgfältig darin, wie er Sprache gebraucht, meint die US-Rhetorikprofessorin Jennifer Mercieca von der A&M University in Texas. "Wenn er spricht, denkt man, er sei chaotisch, wisse nicht, worüber er eigentlich redet. Aber tatsächlich ist er sehr klug, anspruchsvoll und kontrolliert darin, wie er Sprache einsetzt."

Mercieca hat Trumps Rhetorik und Sprachgebrauch seit dem Tag untersucht, an dem er 2015 seine Kandidatur erklärte. Sie weiß, dass der Präsident gezielt sprachliche Muster einsetzt, die schon die griechischen und römischen Redner beschrieben und genutzt haben. Manche dienen dazu, die eigenen Anhänger zu binden, andere dazu, eine gemeinsame Distanz zum Gegner aufzubauen.

Allein an der Eingangsszene lassen sich ein paar davon zeigen. Seine Kernwählerschaft gehört zu den durch gesellschaftliche Entwicklungen verunsicherten Menschen, deren traditionelle Werte zunehmend in Frage gestellt werden. Diese reagierten besonders auf Sprachmuster, die innere und äußere Bedrohung repräsentieren, erklärt Mercieca.

China und der angeblich von linken Radikalen missbrauchte Biden bedienen bei Trump das Thema Bedrohung. Biden nennt er immer wieder ein "Trojanisches Pferd", genauso wie Asylsuchende aus Mittelamerika - nutzt also für zwei der Bedrohungen in seiner Rhetorik denselben Begriff und schafft damit im Kopf eine Einheit: Man denkt, man bekomme etwas Gutes, holt sich aber die Katastrophe ins Haus, bei Biden genauso wie bei den Einwanderern, gegen die er die Mauer bauen lässt.

Gegner werden entpersonifiziert und beschimpft

Entpersonifizieren nennen das die Sprachforscher: Der politische Kampf geht nicht mehr gegen die Person Joe Biden oder die Menschen an der US-Grenze, sondern gegen ein hölzernes Pferd. Psychologisch erleichtert dies, dem Gegner jeden Respekt abzuerkennen, deshalb sei Entpersonifizierung ein typisches Stilmittel in der Kriegsrhetorik, sagt Mercieca.

Trump macht sprachlich noch einen Zwischenschritt, indem er sich nicht mit der Politik seiner Gegner argumentativ auseinandersetzt, sondern auf die Person zielt statt auf deren Themen und Argumente. Da ist die Rede vom "Verschlafenen Joe", dem jede Energie fehle, das Land zu führen; die Marionette, die man nicht ernst nehmen muss. Da ist die "Schreckliche Kamala" Harris, - die furchtbarste, unfairste und brutalste Senatorin überhaupt, die ehrenwerte Menschen mit falschen Vorwürfen zu zerstören versuche. Trump überbetont stets ihren indischen Vornamen, macht daraus "Ka!-Maahh-la!". Da ist die "Niederträchtige Hillary" Clinton, seine Gegnerin im Wahlkampf 2016, oder die Senatorin Elizabeth Warren, die er "Pocahontas" nennt.

Gezielte Anspielungen auf Verschwörungstheorien

Auf der anderen Seite appelliert Donald Trump an die Weisheit der eigenen Anhänger und macht sich selbst zum "Wahrheitserzähler". "Ihr wisst längst, wie es wirklich ist" oder "Sie sagen es euch nicht, aber ich sage euch..." sind häufige Redewendungen in Trumps Ausführungen. Er schürt damit Verschwörungstheorien, die von vielen seiner Anhänger geglaubt werden.

Die zentrale Botschaft ist stets, dass eine unheilige Allianz aus etablierter Politik, Wirtschaft und Medien versuche, die Werteordnung der "wahren Amerikaner und Patrioten" zu zerstören, um sich selbst zu bereichern und mit Macht auszustatten. "Den Sumpf" nennt Trump das, den er austrocknen werde, wobei er sich sprachlich von der etablierten Politik distanziert. Er sei kein Politiker, behauptet er, und deshalb sei er unabhängig, sage die Wahrheit, die die anderen verschwiegen: Er verweigere sich gar der "vom Sumpf oktroyierten, politisch korrekten Sprache". Denn die zerstöre alles - und sei nur dazu da, "wahre Amerikaner" daran zu hindern, das zu sagen, was sie wirklich dächten.

Trump übernimmt diese Verschwörungstheorien, nutzt rassistische und sexistische Begriffe und behauptet, damit die Dinge endlich beim Namen zu nennen. Selbst wenn Menschen dem inhaltlich nicht zustimmen, wirkt er dadurch dennoch authentisch auf sie.

Ausreden: "Ich habe gehört, ich weiß nicht..."

Wie aber kommt Trump damit durch? Wie schützt er sich davor, der Verleumdung überführt zu werden? Auch hier nutzt er ein bekanntes rhetorisches Muster, erklärt die Rhetorikprofessorin Mercieca: "Er setzt ein, was Rhetoriker Paralipse nennen, wenn er Floskeln wie: 'Ich sage nicht..., ich sage nur... ', benutzt. Er stellt Vorwürfe so in den Raum, dass man ihn nicht verantwortlich machen kann: 'Ich habe gehört, ich weiß nicht...'".

Ein Beispiel dafür ist, wie er die demokratische Vizekandidatin Harris zu diskreditieren versuchte, weil sie von Einwanderern abstammt. "Ich habe gehört, dass sie gar nicht Vizepräsidentin werden kann. Das war übrigens ein sehr qualifizierter Jurist, der das geschrieben hat. Ich habe das nur gehört, weiß es nicht, aber ich schaue mir das an", sagte er bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Für die genannten Zweifel gibt es keinerlei juristischen Grund. Aber das Thema ist in der Welt, verselbstständigt sich über soziale Netzwerke. Trump aber ist dafür in der öffentlichen Wahrnehmung nicht verantwortlich.

Bei Debatten setzt Trump auf plumpe Behauptungen

Bei der Fernsehdebatte mit Herausforderer Biden sollte man einen weiteren Trick erwarten. Denn Trump vermeidet in Debatten die inhaltliche Argumentation - und damit den Vergleich der Fakten. Selbst auf bestens vorgetragene Belege und Argumente antwortet er schlicht mit "Das stimmt nicht".

Clinton scheiterte daran, weil sie dem noch klügere Beweisketten entgegenstellte, die sie aber immer komplizierter wirken ließen. Biden tendiert dazu, ebenfalls in diese Falle zu laufen, weil seine bürgerlich-gebildete Sozialisation eine schlichte Behauptungsreaktion nicht zulässt. Davon profitiert Trump, weil er in der direkten Auseinandersetzung klarer und entschiedener wirkt.

"Ein Demagoge als Präsident" heißt Merciecas in diesem Jahr erschienenes Buch. "Nehmen sie den Begriff erst einmal neutral", sagt sie - so, wie er ursprünglich definiert war: "Die Bedeutung des Wortes 'Demagoge' ist eine heroische, die den Anführer des Volkes benennt, der die Interessen der Menschen gegen die anderen Kräfte im Staat verteidigt. Und das ist genau das, was Trumps Anhänger in ihm sehen."

Der andere Blick - der seiner Gegner - enthüllt genau das Gegenteil: nämlich denjenigen, der polarisierende Propaganda für sein eigenes Spiel einsetzt. Wie auch immer Trump wahrgenommen wird, seine Sprache sei eines seiner wichtigsten Werkzeuge in der politischen Auseinandersetzung, sagt Mercieca - eines, das er außergewöhnlich erfolgreich einsetzt.

Wie US-Präsident Trump Sprache gebraucht
Arthur Landwehr, ARD Washington
29.09.2020 08:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. September 2020 um 12:10 Uhr.

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