Menschen mit Mundschutz warten an einer Bahnhaltestelle | Bildquelle: AP

Corona-Krise in Tschechien Zweite Welle nach "sorglosem Sommer"

Stand: 17.09.2020 16:26 Uhr

Mit der ersten Infektionswelle war Tschechien besser zurechtgekommen als viele andere Länder. Die zweite Welle trifft das Land nun ungleich härter. Die Debatte dreht sich um ein mögliches Versagen der Regierung.

Von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Die zweite Corona-Welle trifft Tschechien stärker als die erste Welle im Frühjahr. Und alle fragen sich: Wie konnte das Land in diese Situation kommen, wo Tschechien im Frühjahr doch so erfolgreich war? Der politische Streit geht inzwischen um die Verantwortung der Regierung, die zu spät reagiert und nun immer noch nicht richtig begriffen habe, was die Stunde geschlagen hat.

Regierungschef Babis zeigt sich enttäuscht

Im März hatte sich Tschechien selbst isoliert, indem es seine Grenzen geschlossen hatte. Nun werden die Tschechen isoliert. Eine Regierung nach der anderen erklärt entweder Prag oder gleich das ganze Land zum Risikogebiet. Zuletzt Zypern, die Niederlande, China, sogar die Slowakei, was den tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babis besonders enttäuscht hat.

Er sagte: "Ich denke, wir sind kein Risikoland. Wir könnten darüber diskutieren, wer wie testet. Die Slowakei testet fünfmal weniger als wir. Also: Es tut mir leid, dass sie so entschieden haben."

Immer wieder weist Babis daraufhin, dass die Zahl der Corona-Todesfälle - bezogen auf eine Million Einwohner - immer noch sehr niedrig ist. Da stehe Tschechien an dritter Stelle in Europa.

Nur: Was die Neuinfektionen angeht, da hat das Land inzwischen leider auch einen Spitzenwert: mehr als 2100 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden. Fast genauso viel wie Deutschland, allerdings in einer achtmal kleineren Bevölkerung.

Für Roman Prymula, im Frühjahr der mitentscheidende Chef-Epidemiologe und jetzt Regierungsberater, ist die Sache klar: "Ich denke, dass die zweite Welle angekommen ist. Wir sehen, dass der Anstieg der Neuinfektionen deutlich höher ist als während der ersten Welle."

Tschechien verzeichnet 482 Corona-Todesfälle

Der Anstieg werde sich in den nächsten zwei bis drei Wochen fortsetzen, was sich auch in anderen Zahlen zeigt: Die Reproduktionsrate bei 1,6; aktuell 17.600 Erkrankte. 388 wurden am Dienstag in den Krankenhäusern behandelt, 55 mehr als am Tag zuvor. Und seit Beginn dieses Monats sind 58 Menschen an den Folgen der Pandemie gestorben, insgesamt jetzt 482.

Vielleicht ein "sorgloser Sommer"

Tschechien bezahlt den Preis für einen allzu sorglosen Sommer, so sieht es auch Jarmina Razova, die oberste Gesundheitsbeamtin des Landes: "Vor zwei Wochen sind viele Leute aus dem Urlaub zurückgekommen. Die Kinder gehen zur Schule und wir alle kehren zu unserem gewohnten Alltag zurück. Die jetzige Lage entspricht also dem lockeren Verhalten, das wir über den Sommer gepflegt haben."

Die Kritik in und an der Regierung nimmt zu. Innenminister Jan Hamacek möchte wieder den Krisenstab einberufen, Babis und Gesundheitsminister Adam Vojtech sind dagegen. Die Opposition wirft Babis vor, die Lage zu unterschätzen und fragt, warum das Land so schlecht auf die zweite Welle vorbereitet sei. 

Diese Frage stellen sich auch Beobachter wie der Politologe Lukas Jelinek. Seine Antwort: "Weil Babis auf die Meinungen der einfachen Menschen hört, die liest er auf der Website seiner Partei ANO, hat er die Meinungen der Epidemiologen zurückgedrängt."

Zahlreiche neue Beschränkungen

Die Stimmung in der Bevölkerung war im Sommer nicht nach neuen Einschränkungen. Dafür bricht nun Hektik aus. Im Schnellverfahren werden neue Auflagen verkündet, immer auch in dem Bemühen, die Wirtschaft nicht abzuwürgen.

Ab morgen dürfen Restaurants, Bars und Clubs nur noch so viele Leute einlassen, wie sie Sitzplätze haben. Im ganzen Land müssen Gaststätten jedweder Art zwischen Mitternacht und sechs Uhr schließen.

Eigentlich hatte die Regierung versprochen, mit Hilfe der Corona-Ampel nur dort neue Auflagen anzuordnen, wo das Infektionsrisiko gestiegen ist. Nun fragen sich die ersten, welchen Wert wohl das Versprechen haben wird, dass es keinesfalls zu einem zweiten Lockdown kommen wird.

Neuer Rekord: Über 2000 Infektionen in Tschechien
Peter Lange, DLR Prag
17.09.2020 15:15 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 12. September 2020 um 07:45 Uhr und MDR aktuell am 17. September 2020 um 23:20 Uhr.

Korrespondent

Darstellung: