Touristenführer Sascha Sirota war zehn Jahre, als er Prypjat verlassen musste. Heute zeigt er Besuchern, was war und was übrig ist.

Pripjat bei Tschernobyl Von der Traumstadt zur Atomruine

Stand: 04.02.2020 13:19 Uhr

Wer in und um das Kernkraftwerk Tschernobyl arbeitete, lebte in Pripjat. Die sowjetische Vorzeigestadt wurde mit dem GAU 1986 zu einem gespenstischen Unglücksort. Heute zieht sie Touristen an.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Der Fortschrittsglaube war stark in der ehemaligen Sowjetunion. Und so wurde die Stadt Pripjat zusammen mit dem nahe gelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl in den Nachrichten von damals als genau das vorgestellt: als modernes, fortschrittliches Bauprojekt und Aufbruch in eine neue Ära.

"Das Kernkraftwerk Tschernobyl wird der Beginn eines neuen Industrie- und Wirtschaftskomplexes sein, in dessen Zentrum wird Pripjat liegen. Eine Stadt, in der bereits ein Höchstmaß an Komfort für die Werksarbeiter geschaffen wurde", verkündete die Propaganda damals. "Es gibt Kindergärten, Musikschulen, Sportanlagen, medizinische Einrichtungen. Das Industriegebiet sowie das Wohn- und Erholungsgebiet sind durch zuverlässige und bequeme Transportmittel miteinander verbunden."

"Was ist das Besondere an der neuen, gerade geborenen Stadt?", fragt der Sprecher eines Films aus den frühen Achtzigerjahren. Aus einem fahrenden Auto heraus zeigt die Kamera Bilder von breiten Boulevards, stolzen, hellen Plattenbauten. Am Ortseingang: der in Stein geschlagene Name Pripjat, mit dem Gründungsjahr 1970 darunter.

Ein Touristenführer zeigt auf seinem Handy ein Foto, wie die Planstadt Prypjat bei Tschernobyl einst aussah - und was von ihr übrig ist.
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Ein Touristenführer zeigt auf seinem Handy ein Foto, wie die Planstadt Pripjat bei Tschernobyl einst aussah.

Angst vor der Strahlung hatte scheinbar niemand

Am 4. Februar wurde die Stadt offiziell gegründet. Nur einen Monat später begann der Bau des ersten Atomkraftwerks der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik: Tschernobyl. Die Stadt sollte aber mehr sein als einfach nur eine Arbeiterstadt. Der Film zeigt glückliche Familien: spielende Kinder und Väter, die Kinderwägen vor sich herschieben. Blumenbeete, Bäume, Parks. Eine Frau schwärmt von ihrer Vier-Zimmer-Wohnung - gemessen am damaligen Standard war das Luxus. Angst vor radioaktiver Strahlung hatte nach damaliger Erzählung niemand.

"Wnimanie, Wnimanie" - "Achtung, Achtung" - diese Durchsage beendete am 27. April 1986 schlagartig das Leben in Pripjat: Es war die Aufforderung zur Evakuierung. Innerhalb weniger Stunden mussten die knapp 50.000 Bewohner ihre Stadt verlassen. Der Reaktorunfall im Kraftwerk Tschernobyl lag da bereits 36 Stunden zurück.

Sascha Sirota war zehn Jahre alt, als er Prypjat verlassen musste. Als Touristenführer kehrt er regelmäßig in die heutige Geisterstadt zurück.
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Sascha Sirota war zehn Jahre alt, als er Prypjat verlassen musste. Als Touristenführer kehrt er regelmäßig in die heutige Geisterstadt zurück.

Als Touristenführer zurück in die Heimstadt

Sascha Sirota war damals zehn Jahre alt. Er erinnert sich noch genau an diesen Tag: "Wir haben fast keine Sachen eingepackt, weil uns gesagt wurde, dass wir nur für drei Tage wegfahren", erzählt er. "Deshalb haben wir nur das Nötigste mitgenommen. Als ob wir zu einem kleinen Ausflug gehen würden." Aber es war ein Abschied für immer.

Trotzdem hat Sirota einen Weg gefunden, nach Pripjat zurückzukehren: nämlich als Touristenführer. Er war einer der ersten, der Besucher durch die noch immer verstrahlten Ruinen seiner Heimatstadt geführt hat. Mit den Jahren kamen immer mehr - über 100.000 Besucher waren es allein im vergangenen Jahr.

Ein Ortschild der Stadt Prypjat am Checkpoint vor der heutigen Sperrzone um das 1986 explodierte Kernkraftwerk Tschernobyl. | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Ein Ortschild der Stadt Prypjat am Checkpoint vor der heutigen Sperrzone um das 1986 explodierte Kernkraftwerk Tschernobyl.

Regierung will Pripjat-Tourismus fördern

Die ukrainische Regierung hat 2019 beschlossen, den Tourismus in der Sperrzone um Tschernobyl und damit auch in Pripjat mit staatlichen Geldern weiter zu fördern. Diese Entwicklung sieht Sirota, dem es immer eine Herzensangelegenheit war, seine Heimatstadt möglichst vielen Menschen zu zeigen, allerdings mit gemischten Gefühlen.

"Vielleicht ist es ja genau das, was wir immer wollten: dass diese Stadt wieder mit Leben gefüllt wird", sagt er. "Naja, das ist also dieses Leben - Tausende Touristen, die hier durchspazieren. Man sollte eben vorsichtig sein mit seinen Wünschen."

Vom Vorzeigeprojekt zur Geisterstadt: 50 Jahre Prypjat
Martha Wilczynski, ARD Moskau
04.02.2020 12:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 04. Februar 2020 um 07:51 Uhr.

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