Soldaten laden auf dem Flughafen von Palu Hilfsgüter aus einem Flugzeug. | Bildquelle: AP

Flughafen Palu Nadelöhr der Todeszone

Stand: 05.10.2018 13:07 Uhr

Nur über den Flughafen Palu kann Hilfe in das Tsunamigebiet gebracht werden. Doch der Airport ist klein und vom Erdbeben gezeichnet. Viele haben die Hoffnung verloren, ausgeflogen zu werden.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Südostasien, zurzeit Palu

Der 200 Meter lange Riss in der Landebahn, den das Erdbeben vor genau einer Woche gerissen hat, ist mit frischem Asphalt geflickt. Die Scheiben des Abfertigungsgebäudes sind geborsten. Glas, Scherben, Betonbrocken und Teile der Deckenverkleidung liegen auf den Rolltreppen. Anzeigetafeln sind aus ihren Halterungen gerissen, Kabel hängen herab, und über allem liegt eine dicke Staubschicht.

Der Flughafen von Palu ist eine Ruine, aber sie funktioniert leidlich. Zumindest zivile Flugzeuge landen hier wieder. "Willkommen in Palu. Danke dass Sie mit Garuda geflogen sind", meldet der Lautsprecher bei der Landung der Turbofrachtmaschine. Das fühlt sich irgendwie seltsam unpassend an.

Überall auf dem Rollfeld liegen Kisten und Säcke. Soldaten schieben Rollwagen mit Hilfsgütern umher zu den wartenden Lastwagen. Es ist ganz viel Militär hier, alle sind schwer bewaffnet mit Sturmgewehren vor der Brust.

Wartehalle des Flughafens | Bildquelle: REUTERS
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Das Flughafengebäude von Palu und vom Erdbeben zerstört.

Landungen im Minutentakt

Die Flugzeuge der indonesischen Luftwaffe landen im Minutentakt. Sie rollen aus und begeben sich dann sofort ans Ende der Landebahn auf ihre Parkposition, um Platz zu machen für die nächste Maschine.

Sechs bis sieben camouflagefarbene Maschinen stehen da, außerdem etliche Hubschrauber, und es scheint schon jetzt kein Platz mehr dort zu sein. Und genau da offenbart sich auch das Hauptproblem dieses Hilfseinsatzes.

Palu ist ein Regionalflughafen mit genau einer Start- und Landebahn, die Kapazität ist außerordentlich begrenzt. Deshalb dauert es, Wasser, Brot, Medizin, Toilettenpapier oder Babywindeln zu den verzweifelten Menschen in die Stadt zu bringen. Dringend benötigt werden auch Zelte für die Menschen in den umliegenden Dörfern, deren Häuser vom Erdboden verschluckt wurden.

Fast alle Hilfslieferungen kommen über dieses Nadelöhr, und deshalb haben die Überlebenden zunehmend das Gefühl, dass die Regierung nichts tut. Weil das, was hereinkommt, einfach nicht reicht, um 190.000 Menschen ausreichend zu versorgen. Weil sie immer noch hungern und unter freiem Himmel zwischen Trümmern schlafen.

Menschen in den Trümmern am Meer von Sulawesi | Bildquelle: IQBAL LUBIS/EPA-EFE/REX/Shutters
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Die Hilfslieferungen reichen für die Überlebenden der Katastrophe nicht aus. Viele fühlen sich im Stich gelassen.


Die Ernüchterung greift um sich

Am Ende der Rollbahn hinter einem Zaun warten geschätzt hundert Menschen vor einem olivgrünen Soldaten mit rotem Kreuz - sehr viel weniger als in den vergangenen Tagen, als jedes Mal verzweifelte Menschen die Rollbahnen stürmten, sobald ein Flugzeug landete.

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass die meisten keine Chance haben. Ausgeflogen wird nur, wer krank ist oder alt, wer kranke, verletzte Kinder hat. Auch Kinder, die ihre Eltern verloren haben, werden ausgeflogen. Kinder, die orientierungslos und verstört durch die Trümmer irren, bis sie von den Helfern aufgegriffen werden.

Es ist schwer zum Flughafen zu kommen. Es gibt keine Busse, kaum Benzin, das Militär kontrolliert die Zufahrtsstraßen. Trotzdem schaffen es immer wieder Frauen und Männer oder ganze Familien hierher. Sie haben Plastiktüten und Pappkartons dabei mit ihrer Habe, all dem, was sie aus den Trümmern nach dem Tsunami und dem Erdbeben retten konnten.

Sie kommen mit diesem kleinen Funken Hoffnung, dass es vielleicht doch noch einen Platz für sie geben könnte. Dass sie in einer der Hercules-Maschinen herauskommen aus der Hölle von Palu, aus der Todeszone. Die Bewohner selbst haben ihrer Stadt in bitterem Spott einen anderen Namen gegeben. Sie nennen sie "Zombie City".

Reportage: Flughafen Palu - das Nadelöhr der Todeszone
Holger Senzel, ARD Singapur
05.10.2018 10:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Oktober 2018 um 09:00 Uhr.

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Holger Senzel, NDR

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