Menschen auf einem Markt in Istanbul | Bildquelle: AFP

Corona-Krise Türkei könnte sich Lockdown wohl nicht leisten

Stand: 16.12.2020 11:23 Uhr

Die Türkei verzeichnet einen der allerhöchsten Corona-Inzidenzwerte weltweit. Landesweit gelten Ausgangssperren, doch in Istanbul tummeln sich shoppingfreudige Touristen - sie sind aus gutem Grund willkommen.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Man sei bei der Veröffentlichung der Corona-Zahlen stets transparent gewesen, sagte am Montagabend der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan im Fernsehen. Diese Aussage ließ viele Türken aufhorchen - denn bis zum 25. November veröffentlichte das Gesundheitsministerium nur die täglichen Zahlen der schwer an Covid-19 Erkrankten. Nachdem der Druck von Ärzten, Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit immer größer wurde, passte sich die Regierung dem Vorgehen der meisten Länder weltweit an und begann, die Zahl der täglich positiv Getesteten zu veröffentlichen.

Seitdem liegt die Zahl bei etwas mehr als 30.000 Neuinfektionen pro Tag - dementsprechend ist die Türkei eines der Länder mit der höchsten Inzidenz weltweit.

Am 30. November zog Erdogan die Reißleine und verordnete nächtliche Ausgangssperren zwischen 21.00 und 5.00 Uhr, außerdem an Wochenenden von Freitagabend bis Montagmorgen. Über-65-Jährige und Unter-20-Jährige dürfen, wie bereits im Frühjahr, wieder nur ein paar Stunden am Tag vor die Tür.

Inzwischen sehe man die positiven Auswirkungen der Einschränkungen, bekundete der autoritäre Regierungschef bei seiner Ansprache am Montag. Konkret wurde er dabei nicht, kündigte aber umgehend an, dass das bisweilen in Istanbul ausschweifend gefeierte Silvester in diesem Jahr ausfällt: Türkinnen und Türken müssen vom 31. Dezember ab 21.00 Uhr bis zum Morgen des 4. Januar zuhause bleiben. Da der 1. Januar ein Feiertag ist und die beiden Folgetage auf ein Wochenende fallen, wird der bereits praktizierte Wochenend-Lockdown also um einen Tag verlängert.

Noch immer flanieren Touristen die Istiklal entlang

Erdogan hat, wie auch im Frühjahr, bei den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus die wirtschaftliche Lage des Landes fest im Blick. Zwar verkündet der Staat beim Thema Wirtschaft stets nur positive Zahlen. So sei die Arbeitslosigkeit laut dem türkischen Statistikamt im September mit 12,7 Prozent die niedrigste in den letzten 22 Monaten gewesen und das Wachstum sei im dritten Quartal auf sagenhafte 6,7 Prozent gestiegen.

Leute mit Masken und Regenschirmen laufen die Istanbuler Istiklal entlang, die als Shoppingmeile beliebt ist. | Bildquelle: AP
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Menschen mit Masken und Regenschirmen laufen die Istanbuler Istiklal entlang, die als Shoppingmeile beliebt ist.

Doch Beobachter sehen diese Zahlen ähnlich skeptisch wie die sehr geringen täglichen Corona-Fälle, die bis vor Kurzem der türkischen Öffentlichkeit und der Welt suggerieren sollten, man habe alles im Griff. Die Onlinezeitung "Duvar" zitierte Anfang der Woche einen türkischen Gewerkschafter mit den Worten, seit Beginn der Pandemie haben die Berechnungen des Statistikamtes jeglichen Bezug zur Realität verloren.

Der wirtschaftliche Druck spiegelt sich während der Ausgangssperre am Wochenende auf Istanbuls Istiklal-Straße wider: Auf der Haupteinkaufstraße des europäischen Teils der Millionenmetropole flanieren Touristen aus arabischen Ländern neben Russen und Ukrainern.

Dazwischen sind immer wieder Männer mit Verbänden am Kopf zu sehen - Haartransplantationen sind selbst in Pandemiezeiten gefragte Schönheitsoperationen und Istanbul ist das Mekka der Haartransplantationen. Die meisten Geschäfte auf der Istiklal und auch einige Wechselstuben haben am Wochenende trotz Ausgangssperre geöffnet.

Staatliche Mietzuschüsse - ein Tropfen auf den heißen Stein

Die Türkei benötigt dringend Devisen - und die Einnahmen der wenigen Touristen, die trotz der Pandemie eine Reise zum Bosporus nicht scheuen. Müberra Eresin, Vorsitzende des türkischen Hotelverbands, sagt, 25 bis 30 Prozent der Hotelbetten in Istanbul seien derzeit belegt. Flüge in die Türkei sind weiterhin möglich.

Offenbar geht die türkische Regierung - im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern der Welt - davon aus, dass Touristen aus dem Ausland kein nennenswerter Faktor bei der Pandemie-Eindämmung seien. 

Um die Verluste vieler kleinerer Unternehmen und Geschäfte im Land zu reduzieren, hat der Staatspräsident mehr als einer Millionen Gewerbetreibenden drei Monate lang 1000 türkische Lira pro Monat versprochen. Das sind etwas mehr als 100 Euro. Dazu kommen 750 Lira Mietzuschuss - für viele ein Tropfen auf den heißen Stein, denn laut einer Hochrechnung vom Jahr 2019 liegt die Durchschnittsmiete für die betroffenen Unternehmen bei etwa 5000 Lira pro Monat.

So dürfte Erdogan im Gegensatz zu anderen Ländern in der Türkei am "Lockdown light" festhalten. Einen richtigen Lockdown, wie er von heute in Deutschland gilt, könnte sich das Land - trotz der vom Statistikamt veröffentlichten Wirtschaftszahlen, die glänzend wirken - offenbar nicht leisten.

Über dieses Thema berichtete das Nachtmgagain am 27. Novembr 2020 um 00:36 Uhr.

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