Markt in Instanbuls Stadtteil Kadiköy | Bildquelle: Bernd Niebrügge

Corona-Krise in der Türkei Ende der Schönfärberei

Stand: 26.11.2020 12:23 Uhr

Erstmals gibt der türkische Gesundheitsminister die Zahl aller Corona-Neuansteckungen bekannt - mehr als 28.000 am Tag. Die Ärztekammer warnt: Das Gesundheitssystem des Landes werde kollabieren.

Von Bernd Niebrügge, ARD-Studio Istanbul

Ankara am Mittwochabend: Mit ernster Miene äußert sich Gesundheitsminister Fahrettin Koca zum Stand der Corona-Krise in der Türkei. Die zweite Welle der Pandemie habe das Land  fest im Griff, heißt es. Doch sei die Lage unter Kontrolle. Die Bevölkerung könne der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan vertrauen.

Dann folgt eine gesundheitspolitische Hiobsbotschaft, die die seit Wochen wachsenden Befürchtungen vieler Türken über das wirkliche Ausmaß der Corona-Pandemie noch übertrifft: Koca nennt erstmals seit Monaten die Zahl aller täglich neu Infizierten in der Türkei. 28.351 Türken hätten sich von Dienstag auf Mittwoch mit dem Coronavirus angesteckt - eine bedrohliche Zahl. Türkische Medien melden sogleich, dies sei die höchste Infektionsrate Europas und die dritthöchste in der Welt.

Ehrliche und transparente Zahlen über die Corona-Lage im Land, strengere Krisenmaßnahmen in Gesellschaft wie Wirtschaft und ein umfassendes gesundheitspolitisches Notmanagement - dies fordern die Opposition und auch die türkische Ärzteschaft schon seit Wochen. Doch hatte das Gesundheitsminsiterium bis dato nur die Zahl der Corona-Infizierten gemeldet, die mit Symptomen behandelt oder von einem Krankenhaus aufgenommen worden waren - am Mittwoch waren es 6814 Personen. Positiv getestete Türken ohne Symptome und auch die Menschen, die zu Hause in Quarantäne ihre Krankheit bewältigen, blieben dagegen ungenannt - sie wurden statistisch "neutralisiert".

Türkische Ärztekammer schlug Alarm

Anfang dieser Woche schlug die türkische Ärztekammer Alarm. Eigene Recherchen und Umfragen bei Hausärzten hätten ergeben, dass sich allein am vergangenen Freitag landesweit bis zu 50.000 Menschen mit dem Corona-Virus infiziert haben könnten - das wären weit höhere Zahlen als die nun vom Gesundheitsminister genannten.

"Die Regierung", sagt Ärztekammer-Vorsitzende Sebnem Korur Financi, "biegt die Wahrheit, um ihre Macht zu erhalten und zu legitimieren." Gleichzeitig würden in immer größerer Zahl Patienten wie behandelnde Mediziner sterben.

Entgegen der Aussage des Gesundheitsministers, Krankenhäuser und Pandemiezentren seien ausreichend ausgestattet, stehe das Gesundheitssystem vor dem Kollaps, warnt die Professorin. Die Intensivbetten in staatlichen Krankenhäusern und aufgebauten Pandemiezentren seien schon jetzt voll ausgelastet: "Es ist nicht die Frage, wie lange unser Gesundheitssystem das noch schafft - es wird es nicht schaffen. Und es gibt keine Vorkehrungen, um dieses Probleme zu lösen."

Sebnem Korur Financi Vorsitzende der türkischen Ärztekammer | Bildquelle: Bernd Niebrügge
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Sebnem Korur Financi, die Vorsitzende der türkischen Ärztekammer, geht von landesweit noch viel höheren Ansteckungsraten aus.

Verfehltes Corona-Notfallmanagement?

Am 20. November beschloss die Regierung Erdogan neuen Anti-Corona-Maßnahmen. An Wochenenden gilt nun landesweit eine nächtliche Ausgangssperre. Restaurants, Cafés, Teestuben wie auch Kinos oder Spielstuben sind für den Normalbetrieb geschlossen. Bürger über 65 Jahre dürfen das Haus nur zwischen zehn und 13 Uhr verlassen, Jugendliche unter 20 Jahren dürfen nur von 13 bis 16 Uhr an die frische Luft. Die Schulen wurden bis Ende des Jahres geschlossen.  

Doch im Vergleich zu vielen europäischen Staaten, in denen das öffentliche Leben durch rigorose Maßnahmen und Kontaktverbote fast zum Stillstand gekommen ist, um dem ausuferndem Infektionsgeschehen Herr zu werden, erlebt die türkische Gesellschaft nur partielle Einschränkungen: Einkaufszentren, Märkte, Friseure, Berber, Schönheitszentren und sämtliche Fitnesscenter wie Sportstätten bleiben weiter tagsüber geöffnet. Auch gelten für Hotels und Pensionen keinerlei Einschränkungen. Moscheen und andere Gotteshäuser bleiben offen.

Die Opposition und viele Ärzte kritisieren diese Strategie als unzureichend und vermuten einen Grund: Erdogan wolle der bereits stark angeschlagenen Wirtschaft keinen weiteren Stoß versetzen.

Einkaufsstraße in Instanbuls Stadtteil Kadiköy | Bildquelle: Bernd Niebrügge
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Eine Einkaufsstraße in Istanbuls Stadtteil Kadiköy. Geschäfte und Märkte haben weiterhin geöffnet - wohl, um der Wirtschaft keinen weiteren Stoß zu versetzen.

Wütender Bürgermeister im Corona-Hotspot Istanbul

Hotspot der Corona-Welle ist die bevölkerungsreichste Stadt der Türkei - Istanbul. Hier, wo mit 16 Millionen Menschen fast 20 Prozent der Gesamtbevölkerung leben, werden 40 Prozent aller Coronavirus-Infektionen des Landes gezählt.

Auch der Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu von der Oppostionspartei CHP war an Covid-19 erkrankt, musste mit hohem Fieber ins Krankenhaus. Diese Woche stellte er gemeinsam mit der Ärztekammer die vom türkischen Gesundheitsministerium täglich gemeldete Anzahl der Toten infrage. 

"Was soll ich machen? Schweigen? Soll ich es runterschlucken?", sagt er emotional. "Ich konnte vergangene Nacht nicht schlafen. Die Zahl der täglichen Begräbnisse liegt in Istanbul im November normalerweise bei 180 bis 200. Nun sind es allein hier täglich fast 450. Ihr solltet wissen, dass wir in einer wirklich schwierigen Situation sind."

Der Türkei und der Regierung Erdogan stehen ein harter Winter bevor. Corona-Management, Gesundheitswesen und die Wirtschaft befinden sich in ihrer vielleicht schwerste Krisen.

Korrespondent

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Bernd Niebrügge, BR

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