Deutsche und türkische Flagge | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Deutsch-türkisches Verhältnis Drohen, Schmeicheln, Hoffen

Stand: 17.07.2020 21:25 Uhr

Die Verurteilung des Journalisten Yücel und die Corona-Reiseregeln sorgen für wachsende Spannungen im deutsch-türkischen Verhältnis. Die Regierung in Ankara hält sich dennoch mit scharfen Tönen zurück.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Als der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel 2017 in der Türkei verhaftet wurde, belastete das die Beziehungen zwischen Ankara und Berlin stark. Präsident Recep Tayyip Erdogan schimpfte öffentlich über den "Agent-Terrorist" und verwies gleichzeitig auf die unabhängige Justiz in seinem Land. Auf Yücels Verurteilung reagierten nun weder er noch andere Regierungsmitglieder - und auch nicht auf die scharfe Kritik des deutschen Außenministers Heiko Maas daran.

Es ist auch nicht das aktuelle Top-Thema zwischen den beiden Ländern - das spielt im Bereich Tourismus. Die deutsche Reisewarnung wegen der Corona-Pandemie ärgert die türkische Regierung kolossal, dazu kommt das Einreiseverbot für türkische Staatsbürger in die EU.

Lange kommentierte Erdogan die Situation nicht. Anfang des Monats argumentierte er dann allerdings mit den aktuellen Fallzahlen. Dass "trotz offensichtlicher Erfolge" einige Länder, allen voran Europa, Einschränkungen gegen die Türkei verhängten, habe nichts mit dem Gesundheitswesen zu tun, sagte Erdogan. "Das ist politisch motiviert."

Hotelanlage in der Türkei | Bildquelle: AFP
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Viele türkische Hotelanlagen stehen wegen der Corona-Pandemie derzeit leer.

Deutschland lässt die Türkei zappeln

Die Türkei hatte schon vor der Corona-Krise massive wirtschaftliche Probleme. Sie braucht den Tourismus und vor allem die deutschen Urlauber. Anfang der Woche erklärte Außenminister Mevlüt Cavusoglu im türkischen Fernsehen, das türkische und das deutsche Tourismussystem seien eigentlich "zusammengewachsen. Der Flughafen Antalya wird von Fraport gemeinsam mit TAV betrieben, es gibt in Antalya Hunderte von Hotels, die von Deutschen betrieben werden, es gibt viele deutsche Reisebüros hier." Zehntausende, wenn nicht sogar Hunderttausende Menschen arbeiteten in Deutschland in diesem Sektor und verdienten damit Geld.

Auch die deutsche Reisebranche braucht den Türkei-Tourismus, aber lange nicht so stark wie umgekehrt. Diesmal ist die Türkei der Bittsteller. Und Deutschland lässt sie zappeln. Cavusoglu und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy reisten Anfang des Monats nur mit warmen Worten von Berlin wieder nach Ankara zurück. Die Reisewarnung bleibt erst einmal bestehen.

Einen Tag nach dem Besuch der beiden Minister in Berlin wurde der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner nach fast drei Jahren Terrorprozess in Istanbul freigesprochen. Auch seine Verhaftung im Sommer 2017 war ein Grund für die schlechten Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei.

Deutsche Ratspräsidentschaft weckt Erwartungen

Seit Anfang des Monats hat Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft inne. Auch wenn die Türkei wohl kaum in absehbarer Zeit EU-Mitglied wird, ist dies enorm wichtig für das Land, denn die Erwartungen in Ankara sind groß. Deutschland sei schließlich ein wichtiger Akteur in der EU, erklärt der Direktor für EU-Angelegenheiten, Faruk Kaymakci. "Es ist das Land mit den höchsten Beiträgen zum EU-Haushalt. Dass so ein Land in einer so schwierigen Zeit die Ratspräsidentschaft übernimmt, ist nicht nur für die Europäische Union, sondern für ganz Europa und den Rest eine Chance."

Und eben auch für die Türkei, so die Hoffnung - mit Blick beispielweise auf die Visa-Freiheit. Denn Türken brauchen immer noch ein Visum, um in die EU einreisen zu können - ein jahrelanger Streitpunkt. Immer wieder hieß es, man wolle das abschaffen. Aber mit Verweis auf die türkische Terrorgesetzgebung, und damit die Menschenrechtslage, ist es bis heute nicht umgesetzt. Das enttäuscht nicht nur Ankara, sondern auch viele Türken, die ihre Verwandten ohne großen bürokratischen Aufwand gerade in Deutschland besuchen wollen. Jetzt, zu Corona-Zeiten, steht das Thema noch weiter hintan.

Türken wünschen sich Gäste aus Deutschland zurück

Immer lauter wird die Kritik am Regierungsstil in Ankara: Man schaffe die Demokratie ab, islamisiere die Gesellschaft. Die Regierung Erdogans scheint das wenig zu kümmern, sie legt sogar noch nach, indem sie aus dem Museum Hagia Sophia in Istanbul wieder eine Moschee macht.

Günay führt Touristen durch das 1500 Jahre alte Gebäude - normalerweise. Im Moment ist es geschlossen. Aber es kommen auch so wegen Corona kaum Touristen. "Wir wünschen uns, dass die Menschen von überall in der Welt - an erster Stelle die Deutschen - uns wieder besuchen", sagt Günay. Ein Satz, den man nicht nur von der Tourismusbranche hört, sondern auch von den Menschen auf der Straße. Da ist von Spannungen im deutsch-türkischen Verhältnis nichts zu spüren.

Deutsch-türkische Beziehungen nach Yücel-Urteil
Karin Senz, ARD Istanbul
17.07.2020 20:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juli 2020 um 08:00 Uhr.

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