Ekrem Imamoglu | Bildquelle: ERDEM SAHIN/EPA-EFE/Shutterstock

Istanbuls Bürgermeister Imamoglu Nach einem Jahr ist nicht "alles gut"

Stand: 23.06.2020 16:21 Uhr

Mit dem Slogan "Alles wird gut" warb Imamoglu für seine Wahl als Istanbuls Bürgermeister. Seit einem Jahr ist er nun im Amt. Nicht alle sind begeistert. Viele sehen ihn aber als künftigen Herausforderer Erdogans.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Vor genau einem Jahr am Abend war die Sensation perfekt: Ekrem Imamoglu von der oppositionellen CHP gewann in einer Wahlwiederholung die Bürgermeisterwahl von Istanbul. Der türkische Präsident Erdogan hatte versucht, das mit allen Mitteln zu verhindern.

Viele sehen in Imamoglu einen Kandidaten für das Präsidentenamt. Der 50-Jährige zeichnete sich im Wahlkampf vor allem dadurch aus, dass er versuchte, die Bevölkerung nicht weiter in Regierungskritiker und -anhänger zu spalten, sondern zu einen.

Die Erwartungen an ihn waren riesig. Er konnte ihnen allerdings nur bedingt gerecht werden. "Her sey güzel olacak" - "Alles wird gut", das war Ekrem Imamoglus Slogan. Voller Hoffnung riefen ihn seine Anhänger bei einem der letzten Auftritte Imamoglus kurz vor der Wahl vor einem Jahr.

"Jetzt bereue ich es"

Aber es ist nicht alles gut geworden, findet Baris, der ihm seine Stimme gegeben hatte. Er habe bisher immer AKP gewählt, noch nie die CHP. Aber bei den letzten Kommunalwahlen, da habe er Imamoglu gewählt, und zwar seinetwegen, nicht wegen der Partei: "Weil mir imponiert hat, dass er so aufrichtig gewirkt hat. Aber jetzt bereue ich es."

Imamoglu mache zu wenig, damit die Stadt moderner werde und zum Beispiel alte Gebäude, die nicht erdbebensicher sind, verschwinden, meint er. Dabei lehnt er an der Eingangstür seines Lampengeschäfts und spielt mit dem Handy. Er schaut kaum auf, als er spricht.

Sein Nachbar Yilmaz steht auf einer Leiter und sagt, dass er seit einem Jahr mit nicht mehr zufrieden sei. Der Meeresarm Goldenes Horn sei "wieder eine braune Brühe, voller Schlamm, vorher war das Wasser blau. Imamoglu macht ständig Werbung für kostenlose Milch, die die Stadt angeblich an Bedürftige ausgibt. Von wegen - ich habe noch keinen dieser Milchwagen gesehen. Und ich kenne auch niemanden, der schon einen gesehen hat."

Ekrem Imamoglu inspiziert die Vorbereitungen für Nahrungsmittelhilfe, die inmitten des Ausbruchs der Coronavirus-Krankheit (COVID-19) an bedürftige Menschen geliefert werden soll | Bildquelle: via REUTERS
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Bürgermeister Imamoglu inspiziert die Vorbereitungen für Nahrungsmittelhilfe, die während der Coronavirus-Krise an bedürftige Menschen geliefert werden soll.

 Imamoglu: Keine Kredite von staatlichen Banken

Imamoglu selbst sagt, er würde gerne mehr machen, kann aber nicht. Er hat die Stadt hoch verschuldet übernommen. Eigentlich müsste er sich Geld für öffentliche Großprojekte bei den Banken leihen:

"Leider ist es so, dass uns alle staatlichen Banken die Tür vor der Nase zuschlagen. Und das gilt nicht nur für die Stadt Istanbul. Ich komme öfter mit den elf CHP-Bürgermeistern der Großstädte zusammen - kürzlich war ich erst in Izmir. Denen geht es da sehr ähnlich."

Aber der smarte 50-Jährige weiß um seine Beliebtheit auch im Ausland. Im November sicherte er sich Kredite bei einer französischen und der Deutschen Bank.

Yilmaz auf der Leiter vor dem Lampengeschäft überzeugt das nicht. Deutschland habe auf das falsche Pferd gesetzt, sagt er. Er wüsste zu gerne, wofür Imamoglu den Kredit aus Deutschland ausgegeben habe.

Geld für Metro - Dank an Deutsche Bank

Die 110 Millionen Euro von der Deutschen Bank sind für eine Metrolinie bestimmt. Imamoglu sagte beim Spatenstich vergangenen November:

"Es ist sehr wertvoll, dass man uns in einer Zeit, in der es äußerst schwierig ist, Kredite zu kriegen, vertraut hat. Ich bin überzeugt, dass meine Auslandsreisen dazu beigetragen haben. Es ist wichtig, dass die Deutsche Bank uns vertraut. Ich möchte mich für ihre Kooperation herzlich bedanken."

Berlin, Paris und London sind Reiseziele des Bürgermeisters. Schon kommt Kritik, er kümmere sich nicht um seine Stadt und überschreite seine Kompetenzen.

Ekrem Imamoglu spricht auf einem Workshop zum Istanbuler Kanalbau. | Bildquelle: dpa
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Streitpunkt mit Präsident Erdogan: Ekrem Imamoglu hält einen Vortrag über den geplanten Kanalbau bei Istanbul.

Andauernder Streit mit Erdogan

Vor allem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan greift Imamoglu immer wieder an. Bei einem seiner Lieblingsprojekte eskalierte es. Erdogan will einen Kanal praktisch parallel zum Bosporus bei Istanbul bauen. Imamoglu macht dagegen mobil, warnt unter anderem vor den Umweltschäden. 

In der Corona-Krise geraten die beiden wieder heftig aneinander. Istanbul startet eine nach eigenen Angaben sehr erfolgreiche Spendenkampagne für Bedürftige. Die Regierung verbietet sie und ruft eine eigene Aktion ins Leben:

"Wenn Stadtverwaltungen ohne Genehmigung der Gouverneure Spendenkampagnen starten, dann ist das der Versuch, ein Staat im Staat zu sein."

Behindert AKP den Bürgermeister?

Der Vorwurf, die AKP werfe dem neuen Istanbuler Bürgermeister Steine in den Weg, wo immer es möglich ist, wird immer lauter. Da sei wohl etwas dran, meint der eigentlich enttäuschte Imamoglu-Wähler Baris, vor allem bei der Spendenkampagne für die Opfer der Corona-Krise sei das der Fall. Und trotzdem habe Imamoglu das ganz gut in den Griff gekriegt: "Irgendwie hilft er den Bedürftigen. Das finde ich gut."

Eine ältere Dame kämpft sich mit schweren Einkaufstaschen durch die Gassen von Istanbul. Sie schwitzt. Als sie nach Ekrem Imamoglu gefragt wird, wischt sie sich den Schweiß ab und schwärmt: "Wir mögen ihn für seine freundliche Sprache und sein Lächeln. Soweit ich das über Fernsehen und Internet verfolge, bemüht er sich, alles gewissenhaft und erfolgreich zu erledigen."

Spekulation über Präsidentschaftskandidatur

Natürlich sei das im vergangenen Jahr ein Hype um ihn gewesen, meint sie weiter, ohne die schweren Taschen abstellen zu wollen:

"Es hat sich normalisiert. Je anständiger ein Politiker ist, desto beliebter ist er bei den Leuten. Aber ob er mal für das Amt des Staatspräsidenten kandidieren wird? Wer weiß. Es würde auf jeden Fall gut zu ihm passen."

Imamoglu selbst will davon nichts hören. Er fürchtet wohl, je mehr er als Kandidat bei den nächsten Präsidentschaftswahlen gehandelt wird, desto schwerer könnte ihm die AKP das Leben als Bürgermeister von Istanbul machen.

Nach Sensationswahlsieg: Istanbuls Bürgermeister ein Jahr im Amt
Karin Senz, ARD Istanbul
23.06.2020 16:37 Uhr

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