Mesut Özil in der Kasan-Arena | Bildquelle: dpa

Türkische Reaktionen "Eine hässliche Diskussion"

Stand: 23.07.2018 13:57 Uhr

Großes Verständnis und Solidarität erntet Özil in der Türkei. Politiker und Fans sind davon überzeugt: Der Ex-Nationalspieler wird unfair behandelt - wegen seiner familiären Wurzeln.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

"Bravo Mesut" jubelt eine türkische Zeitung gleich auf der Titelseite. Auch Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte Özil auf Twitter. Er habe mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen".

Der Fernsehkommentator Hakan Celik von CNN Türk schlägt den Bogen zum Weltmeister Frankreich und erinnert daran, dass es auch in Frankreich eine Debatte gab, ob Nationalspieler mit afrikanischen Wurzeln auch "wahre Franzosen" seien - "eine hässliche und beschämende Diskussion", befindet Celik.

Mesut Özil beim Spiel der deutschen U-21-Nationalmannschaft im Jahr 2008 gegen Luxemburg | Bildquelle: dpa
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Als junger Spieler war Özil auch von der Türkei umworben, er entschied sich 2007 dann aber für die deutsche Nationalmannschaft.

Irgendwie einer von ihnen

Der Istanbuler Stadtteil Besiktas ist die Heimat des gleichnamigen türkischen Erstligisten. Natürlich hat man auch hier die Entwicklung um Özil mitverfolgt. Jetzt freuen sie sich schon auf einen neuen türkischen Nationalspieler Mesut Özil.

Er jedenfalls würde den 29-Jährigen gerne in der türkischen Nationalelf sehen, sagt ein Fan, schließlich habe die immer Bedarf an talentierten Spielern. Aber, so räumt er ein, wahrscheinlich gehe das nicht. Damit hat er recht.

Und während der Fan, der zufällig auch Mesut heißt, nachdenklich an seiner Zigarette zieht, sagt er noch, dass er zwar dagegen sei, dass Sportler ausgeschlossen würden, die sich mit Politikern zeigen. Er sei aber ebenso dagegen, dass sich die Politik in den Sport einmischt. "Deshalb bin ich der Meinung, dass man Özil unfair behandelt hat."

Auch Enes, 17 Jahre alt, beschäftigt das Thema. Natürlich hat er davon gehört, dass Özil die deutsche Nationalmannschaft verlassen hat. Vernünftig sei das, erklärt er, und die Haltung gegenüber dem Spieler missfalle ihm. Dann spricht er davon, dass es in der deutschen Nationalelf doch auch Fußballer wie Podolski oder Klose gegeben habe. Warum, fragt er, sei man denen nicht so umgegangen, mir Özil aber schon. "Nur weil er ein muslimischer Türke ist?"

"Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus"

Der Sprecher von Präsident Recep Tayyip Erogan, Ibrahim Kalin, teilt gerne mal Spitzen aus, auch gegen Deutschland. Das konnte er sich auch im Fall Özil nicht verkneifen. Er twitterte am Sonntag, der herausragende Fußballer Özil habe "eine völlig überzeugende Begründung für sein Treffen mit Präsident Erdogan geliefert". Welchem Druck, fragt Kalin weiter, sei Özil in diesem Prozess ausgesetzt gewesen? Und wo seien "Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben"? "Welch eine traurige Angelegenheit", schlussfolgert der Sprecher, "für diejenigen, die behaupten, tolerant und multikulturell zu sein."

Und noch ein türkischer Politiker twitterte. Sportminister Mehmet Kasapoglu ließ wissen, man unterstütze "die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen".

"Eine Legende für Türkischstämmige"

Mustafa Yenerolglu ist in Deutschland aufgewachsen und sitzt jetzt für Erdogans AKP im türkischen Parlament. Er kritisiert, diejenigen, die in Deutschland nicht das einseitige Bild von Erdogan teilten, würde der Weg zum Ausgang gewiesen. Özil gebe den Türkischstämmigen im Land eine Stimme und sei deshalb zur Legende geworden.

Aber was ist Özil für die Türken in der Türkei? Für den türkischen Sportminister ist ein Bruder. Mesut, der junge Mann aus dem Istanbuler Stadtteil Besiktas, sieht das ähnlich. Für ihn sei er ein Türke, denn Özil sei türkischer Abstammung. Mesut ist überzeugt: "Wir können unsere Wurzeln nicht leugnen."

Auch der 17-jährige Enes hat auf die Schnelle vom muslimischen Türken Özil gesprochen.  Aber so ganz eindeutig ist das für ihn dann doch wieder nicht: "Er ist Deutscher. Aber in unseren Herzen ist er Türke. Wenn er erfolgreich war, haben wir uns auch gefreut."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juli 2018 um 13:11 Uhr.

Korrespondentin

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Karin Senz, SWR

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