Blutspuren im Sand: Nach dem Anschlag in Sousse in Tunesien

Terroranschlag auf Hotel bei Sousse Tod am Strand

Stand: 27.06.2015 01:37 Uhr

Es war der bislang schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Tunesiens: Mindestens 39 Urlauber sterben, als ein Mann mit einem Sturmgewehr am Strand bei Sousse um sich schießt. Nach Angaben der tunesischen Regierung sind auch Deutsche unter den Opfern.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Es ist heiß am Freitagmittag, Hunderte Touristen dösen am Strand von Sousse. Auch der Brite Gary Pine, neben ihm seine Frau. Die Stimmung rund um das tunesische Strandhotel ist friedlich. So friedlich, dass Pine glaubt, die Schüsse in 100 Metern Entfernung seien Feuerwerkskörper, gezündet von ausgelassenen Urlaubern.

Dann bricht Panik aus. Dutzende von Urlaubern rennen vom Strand ins Hotel. Auch Pine rennt um sein Leben, mit ihm seine Familie. "Mein Sohn war noch im Wasser. Als die Schüsse losgingen, riefen meine Frau und ich ihm zu, dass er schnell das Meer verlassen und mit uns ins Hotelgebäude kommen soll. Wir haben dann diesen Mann gesehen, der den Strand hoch kommt und auf Menschen schießt, während er immer weiterläuft. Unser Sohn musste mit ansehen, wie jemand erschossen wurde."

Was sich an diesem Freitagmittag in Sousse abspielte, ist der schlimmste und blutigste Terroranschlag, den Tunesien je erlebt hat. Ein junger Mann, getarnt als harmloser Urlauber, nach Angaben der Polizei ein Student Anfang zwanzig aus Südtunesien, zieht unter einem mitgebrachten Sonnenschirm eine Kalaschnikow hervor und schießt auf die Badegäste.

Die Britin Susan Ricketts erlebt das alles mit ihrer Schwester. "Wir haben Gewehrschüsse gehört, aber wir wussten nicht, was los war", sagte Ricketts dem Sender SkyNews. "Es klang wie Maschinengewehr, dann schrien die Menschen, es gab Panik, überall rannten Leute herum. Und wir sahen, wie ein Mann Menschen auf ihren Sonnenliegen erschoss."

Gezielt ausländische Urlauber getötet?

Ein Angestellter des Hotels "Imperial Marhaba" gibt später zu Protokoll, der Mörder habe Einheimische am Strand verschont und gezielt ausländische Touristen getötet. Der junge Mann habe vom Strand kommend auch am Hotelpool und in der Lobby auf Urlauber geschossen.

Erst spät treffen die Sicherheitskräfte ein, Zeugen sprechen von 30 endlosen Minuten. Auf der Straße vor dem Hotel können schwer bewaffnete Spezialeinheiten erst nach einem langen Schusswechsel den Attentäter töten. 

Binnen weniger Minuten ist das tunesische Urlaubsparadies zur Hölle geworden, mitten im Fastenmonat Ramadan. Leichen liegen auf dem Strand, Menschen in Badekleidung werden blutend auf ihrer Strandliege zum Rettungswagen transportiert. Unter Sonnenschirmen versuchen Sanitäter vergeblich, Verletzte wiederzubeleben.

Hotline Tunesien

Das Auswärtige Amt richtete einen Krisenstab ein. Über eine Hotline mit der Telefonnummer 030/5000-3000 können sich Angehörige informieren.

Deutsche unter den Opfern

Regierungschef Habib Essid hat inzwischen bestätigt, dass auch Deutsche unter den Toten seien. Der Krisenstab der Bundesregierung und die deutsche Botschaft in Tunis wollen die Angaben so schnell wie möglich prüfen. Noch ist weitgehend unklar, welche weiteren Nationalitäten sich unter den Opfern befinden. Bestätigt ist der Tod von mindestens fünf Briten und einer Irin. Außerdem sollen Belgier und Franzosen getötet worden sein.

Über Twitter hat die Terrormiliz "Islamischer Staat" inzwischen die Verantwortung für den Anschlag übernommen. Ein "Soldat des Kalifats" habe den "abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens" angegriffen, hieß es in der Nachricht.

Das Blutbad von Sousse ist bereits der zweite Anschlag auf ausländische Touristen in Tunesien in diesem Jahr. Erst im März waren beim Massaker im Bardo-Museum in Tunis 21 ausländische Touristen und ein Polizist ums Leben gekommen. Damals hatte sich die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) zu dem Anschlag bekannt, doch auch ein tunesischer Al Kaida-Ableger wird hinter der Tat vermutet.

Viel wird derzeit darüber spekuliert, ob der Todesschütze von Sousse etwas mit dem IS zu tun hatte - unbestätigte Bilder im Internet zeigen den jungen Mann als Unterstützer des "Islamischen Staates".

Für den schon schwer angeschlagenen Tourismus in Tunesien ist diese Terrorattacke ein Albtraum. Wahr wurde er ausgerechnet im Hotel "Imperial Marhaba". Und Marhaba heißt auf arabisch sinngemäß nichts anderes als "Hallo, herzlich willkommen".

Wie die Reiseveranstalter auf den Anschlag in Tunesien reagieren

Alle großen deutschen Reiseveranstalter bieten ihren Kunden inzwischen einen kostenlosen Rücktritt von Reisen innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach Tunesien an. Ebenfalls ist es für viele Touristen, die derzeit in Tunesien Urlaub machen und früher nach Hause wollen, möglich, auf einen zeitigeren Rückflug umzubuchen.

TUI: Der Konzern hat für Kunden eine kostenlose Hotline unter der Telefonnummer +49 (0)511 567 8000 eingerichtet (Samstag 27.06.15 von 09:00-18:00 Uhr, Montag 29.06.15 von 09:00-19:00 Uhr). Gäste, die in der aktuellen Sommersaison eine Tunesienreise gebucht haben, können bis einschließlich 15. September gebührenfrei umbuchen oder stornieren. Für Urlauber vor Ort, die ihre Reise vorzeitig beenden wollen, organisiert die TUI vorzeitige Abreisen.

Der Reisekonzern hat außerdem viele Flüge nach Tunesien annulliert. Die britische TUI-Airline und die belgische Fluglinie Jetairfly, die auch zu TUI gehört, haben die Flüge in das Land vorerst eingestellt, sagte ein Sprecher von TUI in Hannover. Am Samstag sollten sechs leere Flugzeuge von Belgien nach Tunesien starten, um von dort Touristen zurückzuholen. Flüge von Deutschland seien kaum betroffen, da es nur wenige Verbindungen von TUI selbst gebe.

Thomas Cook: Die deutschen Veranstalter der Thomas Cook AG bieten ihren Kunden für alle Tunesien-Reisen (Enfidha, Djerba, Tunis) mit Abflug bis einschließlich 24. Juli die Möglichkeit zur kostenlosen Stornierung oder Umbuchung. Zum Konzern gehören Neckermann Reisen, Öger Tours, Bucher Last Minute, Air Marin und Condor.

Alltours: Urlaube können gebührenfrei umgebucht werden. Für Abreisen bis 31.07. sind kostenlose Stornierungen möglich.

Schauinsland Reisen: Urlaube mit Anreise bis 24.07. können kostenlos storniert oder umgebucht werden. Alle Reisenden mit Anreise bis 31.08. können kostenfrei umbuchen. Allen Pauschal- und Nur-Flug-Gästen, die vorzeitig den Urlaub abbrechen möchten, bietet das Unternehmen kostenfreie Umbuchung auf frei verfügbare Rückflugplätze innerhalb des Flugkontingents an. Nur-Hotel-Gästen, die vor Ort in Tunesien sind, werden Rückflugplätze im Rahmen des bestehenden Kontingentes zu den aktuellen Preisen angeboten.

Terroranschlag bei Sousse- Tunesien unter Schock
A. Göbel, ARD Rabat
14.04.2017 01:37 Uhr

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