Liegestühle am Strand vor einem Hotel in Hammamed. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Krise in Tunesien "Hochsaison" - wohl ohne Gäste

Stand: 01.04.2020 15:38 Uhr

Terrorismus,Thomas-Cook-Pleite und jetzt auch noch Corona. Viele Tunesier fürchten um ihre Existenz - vor allem die, die vom Tourismus leben. Eigentlich käme bald die Hochsaison, doch die Hotels sind geschlossen.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

"Beendet eure Einkäufe und dann bleibt zu Hause, um euch und eure Liebsten zu schützen", ruft die Frau aus einem Megafon in den Straßen von Tozeur, einer 47.000-Einwohner-Stadt im Westen Tunesiens. Überall laufen Aufklärungsspots, um die Bevölkerung zu sensibilisieren: im Fernsehen, im Radio oder in den sozialen Medien.

Sogar kleine schwarz-weiße Polizeiroboter mit Blaulicht und Kameras kontrollieren Tunesiens Ausgangssperre. Das Coronavirus hat das nordafrikanische Land fest im Griff, auch wenn die Zahlen noch überschaubar sind: Bislang gibt es mehr als 360 bestätigte Infizierte und neun Tote in Tunesien.

Verarmte tunesische Bürger versammeln sich mit ihren Ausweisen vor dem Hauptquartier der Mnihla-Delegation, um gegen die allgemeine Haft zu protestieren und die von der Regierung versprochene finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. | Bildquelle: AFP
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In Tunesien sind seit über zwei Wochen strikte Maßnahmen wie eine Ausgangssperre in Kraft.

Empfindliche Strafen drohen

Trotzdem sind seit über zwei Wochen strikte Maßnahmen in Kraft. Es wurde eine Ausgangssperre verfügt. Um das Haus zu verlassen, brauchen die Tunesier eine behördliche Genehmigung. Wer sich nicht daran hält, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Wer zum Beispiel ohne Genehmigung mit seinem Auto herumfährt, riskiert nicht nur, dass der Führerschein konfisziert wird, sondern gleich auch das Auto.

Seit einigen Wochen hat Tunesien dicht gemacht: Flug- und Schiffsverkehrs, Cafés, Restaurants, Geschäfte und Moscheen - und Hotels. Noch bevor der tunesische Luftraum geschlossen wurde, hatte Mouna Allani Ben Halima als eine der ersten ihr Fünf-Sterne Hotel in Hammamet geschlossen.

Sie ist die Sprecherin des tunesischen Hotelverbands und berichtet: "Wir haben uns entschlossen das Hotel zu schließen, weil wir eine enorme Verantwortung haben, da wir viele Touristen aus dem Ausland beherbergen, aber auch weil viele Touristen eine Quarantäne in ihren Zimmern verweigert haben." Sie wollte damit nicht nur das Land, sondern auch ihre Angestellten schützen. "Und unserer Entscheidung sind viele Hotels schnell gefolgt", sagt sie.

Eine Angestellte richtet Liegestühle am Strand vor einem Hotel in Hammamed. | Bildquelle: REUTERS
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Mitte März richteten Hotelangestellte immerhin noch die Liegestühle am Strand - in der Hoffnung auf Gäste. Inzwischen sind die Hotels geschlossen.

Reserven der Hotels aufgebraucht

Hammamet liegt im Norden Tunesiens. Die Küstenregion rund um die Stadt ist bekannt für ihre kilometerlangen Sandstrände - es ist eine der beliebtesten Touristenregionen des Landes. Für dieses Jahr rechnet die Branche mit einer Flaute. Und mit schwerwiegenden Folgen.

Schon jetzt arbeiten nur noch 25 von eigentlich 230 Angestellten regelmäßig, kümmern sich nur um die nötige Instandhaltung des Hotels, erklärt Hotelbesitzerin Ben Halima: "Wir streichen unseren Angestellten im März vier Arbeitstage, um eine minimale Auswirkung auf ihre Gehälter zu haben. Für April wissen wir es noch nicht. Es wird sehr kompliziert werden, die Leute zu bezahlen. Vor allem weil wir uns zurzeit in der Nebensaison befinden, in der die Hotels quasi im Verlust arbeiten."

Hinzu komme: Die Hotels verfügten über keine Reserven aufgrund der Pleite von Thomas Cook, berichtet die Hotelbesitzerin. "Dadurch sitzen wir im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen und können uns absolut nicht um die Begleichung von Gehältern und Lieferanten kümmern. Die nächsten Wochen werden kompliziert", prophezeit sie.

Schwere Jobsuche 

Die Hauptsaison steht vor der Tür. Doch so schnell werden sich die Strandliegen im Sommer voraussichtlich nicht füllen. Für Strand- und Straßenverkäufer oder Angestellte im Niedriglohnsektor ist das zum existenzbedrohenden Problem geworden. Gut 20 Prozent der Bevölkerung lebt direkt oder indirekt vom Tourismus. Er ist der zweitgrößte Arbeitgeber nach der Landwirtschaft. Die Sicherheitsmaßnahmen gegen das Coronavirus treffen das Land hart, in dem es ohnehin schwer ist, einen Job zu finden.

Dabei hatte der Tourismus sich gerade erst wieder einigermaßen erholt, nachdem er durch die Terroranschläge auf Touristenorte im Jahr 2015 schwere Einbußen hinnehmen musste. Die Attentate auf Touristen am Strand von Sousse und auf das Bardo-Museum hatten die Branche erschüttert.

                

Hilfspaket soll Pandemie-Auswirkungen abmildern

Deswegen kündigte Tunesiens Ministerpräsident Elyes Fakhfakh in dieser Krise ein Maßnahmenpaket an: "Wir haben in Tunesien selbst während der Revolution nicht so eine Ausnahmesituation durchlebt wie jetzt. Es werden rund 1,5 Millionen Tunesier arbeiten gehen, damit die anderen zehn Millionen zu Hause in Sicherheit sind."

Etwa 800 Millionen Euro - gut fünf Prozent des diesjährigen Haushaltes - umfasst das Hilfspaket. Es ist gekoppelt an Erleichterungen für Firmen, zum Beispiel indem Zahlungsfristen verschoben werden. So sollen die Auswirkungen für Tunesiens Wirtschaft abgemildert werden. Gleichzeitig sollen Strom, Gas, Wasser und Telefon nicht abgestellt werden, falls Tunesier ihre Rechnungen nicht bezahlen können.

Verarmte tunesische Bürger versammeln sich mit ihren Ausweisen vor dem Hauptquartier der Mnihla-Delegation, um gegen die allgemeine Haft zu protestieren und die von der Regierung versprochene finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. | Bildquelle: AFP
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Verarmte tunesische Bürger versammeln sich mit ihren Ausweisen vor dem Hauptquartier der Mnihla-Delegation, um gegen die allgemeine Haft zu protestieren und die von der Regierung versprochene finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Unterstützung für Bedürftige

Bereits vor der Corona-Krise befand sich das Land in Zahlungsschwierigkeiten. Jetzt soll es vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU Corona-Hilfsgelder erhalten. Ministerpräsident Fakhfakh versuchte in einer Rede seine Landsleute zu beruhigen: "Die Ausgangsbeschränkungen haben wir nicht getroffen, damit das Leben endet, sondern damit es in normaler Form zurückkehrt."  

Das Sozialministerium Tunesiens kündigte zudem an, Hilfspakete für Bedürftige zu verteilen - zum Beispiel Grundnahrungsmittel. Bis zum 20. April will das Land die strikten Corona-Maßnahmen aufrechterhalten - vorerst. Bis dahin bangen weiterhin viele Menschen in Tunesien um ihre wirtschaftliche Existenz.

Tunesien, Corona und der Tourismus
Dunja Sadaqi, ARD Rabat
01.04.2020 13:39 Uhr

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